Haltestelle "Am Brill“

Der direkte Zugang zur Einkaufsmeile

An keiner Stelle ist Bremen so urban wie an der Haltestelle “Am Brill“. Hier findet sich alles, was eine Großstadt ausmacht – vor allem viele Menschen.
19.07.2019, 21:05
Lesedauer: 3 Min
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Der direkte Zugang zur Einkaufsmeile
Von Carolin Henkenberens
Der direkte Zugang zur Einkaufsmeile

Die Straßenbahnlinie 2 überquert am Brill die Bürgermeister-Smidt-Straße und biegt auf dem Weg in die Altstadt in die Hutfilterstraße ein.

Christina Kuhaupt

Wer im Zentrum des Dorfes mit Straßenbahn steht, muss dem Volksmund widersprechen. Am Brill scheint der Beiname Bremens nicht zu passen. Wohl an keiner Stelle ist Bremen so urban wie an der Haltestelle der Linie 2. Hier, am Rande der Einkaufsmeile Obernstraße und der Hauptverkehrsader Bürgermeister-Smidt-Straße, findet sich alles, was eine Großstadt ausmacht: Trubel, Verkehr, Geschäfte und Menschen, viele Menschen. Eine blinkende Werbetafel (vielleicht Bremens einzige dieser Art?) versprüht einen winzigen Hauch von New York.

Die Menschen, wie sollte es anders sein, sind geschäftig. Für einen Plausch, sagt eine Frau mit einem großen Karton in der Hand, auf dem ein Topfset abgebildet ist, hat sie keine Zeit. Der Bus wartet nicht. Ihr entgegen kommt ein Pulk an Menschen, der soeben über die Ampel an der Martinistraße geströmt ist. Alle zehn Minuten fährt die Linie 2 am Brill ab, fast 3500 Menschen steigen hier werktags allein in diese Linie ein oder aus. Mit einem Klingeln vertreibt das lange Gefährt kreuzende Fußgänger. Menschen steigen aus, die Masse drängt hinein, ein Letzter hechtet gerade noch dazwischen und hinter ihm schließen sich die Türen.

Ab ins Fitnessstudio

Fast einsteigen will auch Philip Engelkestock, 21 Jahre alt, kurz geschorene Haare, Jogginghose und Eiweißriegel in der Hand. Doch da fällt ihm ein, dass er noch etwas erledigen muss in der Stadt. Und so lässt er die Straßenbahn wegfahren. Er war gerade im Fitnessstudio, erzählt er. Vier Mal die Woche kommt der Hastedter hierher. An diesem Tag hat er seinen Oberkörper, die Brust und die Schultern trainiert. Das Studio liegt genau an der Haltestelle. „Ich kann mich direkt aus der Bahn quasi ins Fitnessstudio fallen lassen“, sagt er.

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Wie ein Ruhepol in all dem Trubel scheint Shade Rogalla, 21 Jahre alt, dunkle Haare, dunkle Augen, Blick aufs Smartphone. Die Urbremerin kommt aus der Neustadt, wirft sich fast täglich ins Straßenbahngetummel. An diesem Nachmittag hat sie sich mit einem Freund verabredet. Der Brill ist ihr Treffpunkt. Sie findet es „nicht sonderlich schön hier“, lieber mag sie den vorderen Teil der Einkaufsstraße, noch lieber die Schlachte. Auch stört sie, dass so viele Geschäfte in der Innenstadt schließen. Dabei kauft sie ihre Klamotten gern im Laden und nicht online.

Der Brill ist ein Ort der Kontraste: Hoch oben vom historischen Sparkassengebäude weht eine rot-weiße Speckflagge, schräg gegenüber ist das 1886 gegründete Traditionsgeschäft „Betten Wührmann“. Tradition und Großstadtflair vereint sind in der Adler-Apotheke, die einer Mitarbeiterin zufolge „Achtzehnhundert-nochwas“ gegründet worden ist.

Dort begrüßt auch Ali Alyasin. Der Apotheker aus dem syrischen Aleppo arbeitet seit einem Jahr hier, seit 19 Monaten ist er in Deutschland. Er spricht neben Deutsch auch Arabisch, Persisch und Englisch. „Für manche Leute ist es schwer, ihre Beschwerden auf Deutsch zu erklären“, sagt er. Dass in der Apotheke jemand Arabisch spricht, habe sich schnell herumgesprochen. Einige Kunden kämen gezielt hierher. Alyasin war auch in Syrien schon in einer Apotheke tätig. Deshalb kennt er den Trubel, der für ihn kein Stress ist. Er sagt: „Mir macht es Spaß, mit den Menschen umzugehen und ihnen helfen zu können.“

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Der Döner-Imbiss

Schräg gegenüber, im Döner-Imbiss „Öz Urfa“ begrüßt ebenfalls ein Syrer. Selo Dilshad, 30 Jahre alt, gelbes Poloshirt und Kastenbrille, kommt aus dem kurdischen Norden des Landes. Er sagt: „Deutschland ist meine Heimat.“ Seit acht Jahren lebt er hier, sechs davon arbeitet er schon in dem Imbiss, seit drei Monaten ist er der Inhaber. Sein einstiger Chef sei verstorben und da er der langjährigste Mitarbeiter war, übernahm er den Laden. „Ich arbeite jeden Tag“, erzählt er. Freizeit habe er so gut wie keine. „Ich bin der Chef, aber ich arbeite normal mit.“ Der Imbiss sei von 9 bis 23 Uhr, manchmal auch länger, geöffnet. Dilshad findet, einige seiner Landsleute würfen ein schlechtes Licht auf Geflüchtete. Er sagt: „Manchmal schäme ich mich, aus Syrien zu sein.“

Das Glück fernab der Heimat gefunden hat auch Shema Jassem, 30 Jahre, Kaffeebecher in der Hand und Kopfhörer im Ohr. Sie läuft schnellen Schrittes am Schmelztiegel Brill vorbei, war gerade nur „ein paar Rechnungen bezahlen“ und will nun nach Hause in die Neustadt fahren. Dort ist sie noch nicht lange zu Hause. „Ich komme aus Saarbrücken“, erzählt sie. Sie hat kürzlich geheiratet und ist deshalb zu ihrem Mann nach Bremen gezogen. „Die Bremer sind nicht so offen wie die Leute in Saarbrücken“, schildert die junge Frau ihren ersten Eindruck. Als sie Fremde um Hilfe gefragt habe, hätten einige nicht einmal geantwortet.

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