Nach Keimausbruch im Klinikum Bremen-Mitte Der Druck auf die Gesundheitsbehörde wächst

Bremen. Im Untersuchungsausschuss "Krankenhauskeime" steht die Gesundheitsbehörde im Fokus der Kritik. Ein Geschäftsführer des Klinikverbunds Gesundheit Nord (Geno) hat eingeräumt, dass er wichtige Unterlagen nicht wirklich gelesen hat.
15.06.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Der Druck auf die Gesundheitsbehörde wächst
Von Sabine Doll

Bremen. Wann die Abgeordneten über Gutachten und die mögliche Keimquelle auf der Frühchen-Intensivstation des Klinikums Mitte informiert wurden, war am Donnerstag Thema im Untersuchungsausschuss "Krankenhauskeime". Dabei steht die Gesundheitsbehörde im Fokus der Kritik. Ein Geschäftsführer des Klinikverbunds Gesundheit Nord (Geno) musste einräumen, dass er eine Expertise zu Hygienemängeln zwar erhalten, aber nicht genau gelesen habe.

Die Informationspolitik der Gesundheitsbehörde rückt immer mehr in den Fokus des Untersuchungsausschusses "Krankenhauskeime". Wilhelm Hinners (CDU) wies Martin Götz, den zuständigen Referatsleiter im Ressort von Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD), ausdrücklich auf mögliche Konsequenzen einer "uneidlichen Falschaussage" hin.

Anlass war der erneute Keimbefund bei einem mehrere Wochen alten Jungen in der Kinderklinik, über den die Behörde am 14. Mai vom Gesundheitsamt informiert wurde, wie Götz gestern bestätigte. Daraufhin habe man das Robert-Koch-Institut (RKI) verständigt. Am 15. Mai, einen Tag später, war Götz erstmals vom Ausschuss befragt worden – den erneuten Keimfund in der Kinderklinik erwähnte er nicht.

Götz sagte dazu am Donnerstag: "Ich habe mich voll darauf konzentriert, was Sie mich hier befragt haben." Weiter: "Hätten Sie mich nach aktuellen Vorfällen gefragt, hätte ich darauf geantwortet." Woraufhin der stellvertretende Ausschuss-Vorsitzende, Björn Fecker (Grüne), Götz sichtlich verärgert darauf hinwies, dass er als Zeuge nichts verschweigen dürfe, was zur Sache gehöre.

Fecker: "Ich finde diesen Vorgang ziemlich unglaublich. Der Ausschuss ist keine Jux-Veranstaltung." Götz betonte, dass zum Zeitpunkt seiner Aussage noch nicht festgestanden habe, ob es sich um den identischen Ausbruchsstamm handelte, daher habe man nicht voreilig mit diesen Informationen in den Ausschuss gehen wollen.

Auch über Untersuchungsergebnisse eines Bonner Hygiene-Experten zur mögliche Keimquelle habe der Ausschuss erst verspätet – unter anderem nach den Medien – Informationen erhalten, so ein weiterer Vorwurf. Götz verwies darauf, dass auch die Behörde erst unmittelbar vor einer Pressekonferenz am vorigen Freitag im Dienstgebäude der Senatorin von den Ergebnissen des Bonner Professors Martin Exner erfahren habe. Er hatte eine Desinfektionsanlage als mögliche Keimquelle benannt.

Zwar hätte es am Abend zuvor bereits ein Treffen mit Exner gegeben, bei dem auch die Senatorin anwesend gewesen sei, sagte Götz. Der Keimfund in der Dosieranlage – über den er am Tag darauf vor Journalisten informiert wurde – sei dabei aber nicht besprochen worden.

Die Ausschuss-Mitglieder übten deutliche Kritik an der Informationspolitik der Behörde: "Ich gehe davon aus, dass der Ausschuss zeitnah und zügig zu informieren ist, spätestens zeitgleich mit der Öffentlichkeit", sagte Fecker. "Dazu werden wir in jedem Fall die Senatorin noch befragen."

Der CDU-Abgeordnete Rainer Bensch sieht Jürgens-Pieper in der Verantwortung: "Wer eine so desaströse Informationspolitik betreibt, muss sich nicht wundern, wenn er jetzt den Kopf in der Schlinge hat." Die erneuten Vorfälle passten in "die von Anfang an da gewesene Kategorie Chaos". Auch das Gesundheitsamt habe wichtige Informationen aus der Presse statt von der Behörde erfahren.

Nach Angaben von Tim Eckmanns hat auch das Robert-Koch-Institut aus den Medien von den Exner-Ergebnissen zur möglichen Keimquelle und von dem Reinigungsgutachten, das das Deutsche Beratungszentrum für Hygiene (BZH) aus Freiburg erstellt hat, erfahren. "Ich hätte erwartet, dass wir es vorher erhalten", sagte Eckmanns. Er gehört zu einem Team des RKI, das Anfang November zur Aufklärung des tödlichen Ausbruchs angefordert worden war. "Das Gutachten von Herrn Exner zu dem Keimfund in der Desinfektionsanlage würde uns sehr interessieren", sagte Eckamanns. Konkrete Informationen zu den Erkenntnissen über die Presse hinaus habe das RKI bislang aber nicht.

Zum BZH-Gutachten wurde auch der kaufmännische Geschäftsführer der Geno, Tomislav Gmajnic, befragt. Er war bereits am 11. Mai vom Ausschuss gehört worden – und elf Tage später erhielten die Parlamentarier dann Kenntnis von der BZH-Expertise, die gravierende Hygienemängel in den Reinigungsabläufen benennt. Gefunden worden war das Papier auf dem beschlagnahmten Rechner des ehemaligen Geno-Chefs Diethelm Hansen – datiert war es auf den 13. Februar (wir berichteten).

Gmajnic ist auch einer von zwei Geschäftsführern der Gesundheit Nord Dienstleistungsgesellschaft (GND), einer einhunderprozentigen Tochterfirma der Geno, die die Reinigung durchführt. Nach Gmajnics Worten ist er aber in die operativen Details nicht eingebunden. Das Gutachten hatte, so musste Gmajnic einräumen, auch er in seinem E-Mail-Posteingang. Er habe es aber nicht genau gelesen, sondern an die die Mitarbeiter der GND weitergeleitet.

"Ich bekomme 150 E-Mails am Tag, die ich selektieren muss", sagte Gmajnic, "und es gibt viele Themen, die in der Priorisierung höher sind, als eine Mail mit dem Betreff ,Begehung Reinigungsdienst Klinikum Bremen Mitte’." Ihm sei vom zuständigen Mitarbeiter dann im März berichtet worden, welche Konsequenzen aus dem Gutachten gezogen worden seien – etwa im Bereich der Mitarbeiterschulungen – und daraufhin habe er sich mit den Ergebnissen des BZH auch nicht mehr näher befasst.

Der Untersuchungsausschuss setzt heute Nachmittag um 14.30 Uhr seine Beweisaufnahme fort. Befragt werden Arndt Böhle, kommissarischer ärtzlicher Direktor am Klinikum Mitte und Judith Rüssmann, Geschäftsführerin der GND.

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