Deutschlands erster Gartengang Wie es sich am Feierabendweg in Gröpelingen leben lässt

Der Feierabendweg im Bremer Stadtteil Gröpelingen: Seit mehr als 100 Jahren funktioniert die Siedlung als Hort von Nachbarschaft. Die Häuser des 65 Meter langen Weges stehen seit 1973 unter Denkmalschutz.
17.01.2021, 05:00
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Wie es sich am Feierabendweg in Gröpelingen leben lässt
Von Jürgen Hinrichs

Als Sigrid Ehrhardt vor 17 Jahren mit ihrem Freund in den Feierabendweg zog, war das für die Nachbarn ein Kulturschock. Wie die aussahen! Was sie anhatten! Und die Haare erst, er mit einer langen Matte, wo gibt’s denn so was. Der reinste Hippie, nur dass er eine Lederjacke trug. „Das fanden die Leute gräsig“, erinnert sich die 68-Jährige. Dann noch die laute Musik, Platten rauf und runter, auch was vom Tonband, und immer nur Beatmusik und Rock’n’Roll. Ging gar nicht, unmöglich, zumal hier Wand an Wand gewohnt wird, und es sehr hellhörig ist. Sie haben es den beiden dann schnell klar gemacht und sind verstanden worden: „Um zehn Uhr abends war Schluss mit den Rolling Stones.“ Ehrhardt lacht, als sie das erzählt, alte Zeiten, und geklappt hat es mit der Nachbarschaft ja trotzdem, sehr gut sogar, bis heute.

Der Feierabendweg in Gröpelingen ist ein Kleinod und taucht im kleinmustrigen Straßengewirr völlig unvermutet auf. Allein der Name, ein Hinweis auf die Arbeit und die Erholung danach. Alvar Aaalto, der vor 60 Jahren das gleichnamige Hochhaus in der Neuen Vahr entworfen hat, sprach damals von der Feierabendsonne. Die Bewohner dürfen sich seitdem über Balkone freuen, die nach Westen rausgehen. Lange Tage im Dienst und endlich Erholung. Feierabend! So ein Wort ist das, wie ein wohliger Seufzer.

Keller waren 1914 noch nicht ausgeschachtet

Sigrid Ehrhardt bittet zum Kaffee und zeigt ihr Haus her. 75 Quadratmeter, verteilt auf den Keller und zwei Etagen. Klitzekleiner Garten vorne, kleiner Garten hinten, und vor der Haustür ein offener Windfang. Fertig, mehr gibt es nicht. Als der Feierabendweg entstand, im Jahr 1914, hatten die Bewohner weniger Platz, weil der Keller noch nicht ausgeschachtet war. Knapp 60 Quadratmeter nicht für zwei Bewohner, so wie heute, sondern für mindestens vier. Immer war es so, dass die Häuser von ihren Eigentümern genutzt wurden. Erschwinglich sollten sie sein, etwas für die Arbeiter zum Beispiel von den Werften, die es zu der Zeit im Bremer Westen gab. Das Bauen wurde erleichtert, viele Vorschriften weggelassen oder vermindert. Auftraggeber war der Gemeinnützige Bremer Bauverein.

Das alte Tonbandgerät, eine Höllenmaschine, fanden die Nachbarn, hat Ehrhardt immer noch, „da mussten wir lange drauf sparen“. Es steht sehr prominent im Esszimmer – wenn man so überhaupt unterscheiden will, denn das Erdgeschoss ist im Grunde ein einziger Raum. Früher war das anders, da gab es mehr Abtrennung und überall Türen, weswegen der Flur, auf die sie hinausgingen, nicht ganz ohne war und es schon mal kräftig knallte. Oben liegen unter Dachschrägen das Schlafzimmer und eine weitere Kammer. Licht kommt durch Fenster, die von einer Gaube gerahmt werden. Die geschwungene Form fällt auf und schmückt das Dach. Es handelt sich um Fledermausgaube, wissen die Experten.

Siedlung steht seit 1973 unter Denkmalschutz

Die 22 Häuser sehen aus der Ferne und auf den ersten Blick alle gleich aus, im Detail gibt es mittlerweile aber Unterschiede. Mal andere Fenster als früher, mal eine Haustür, die so gar nicht passen will, oder die Ziegel auf dem Dach – im Original ist es eine Biberschwanzdeckung, noch oft vorhanden, doch es gibt Ausnahmen. Seit 1973 steht die Siedlung unter Denkmalschutz, seither kann niemand mehr machen, was er will, zumindest an Dach und Fassade nicht. Was davor an Veränderungen geschah, darf aber so bleiben, wie es ist.

Der Feierabendweg, 65 Meter lang, drei Meter schmal, ist verkehrsberuhigt, immer schon. Ein Begriff, den es vor 100 Jahren, als der motorisierte Verkehr gerade erst richtig in Fahrt kam, noch nicht gab. Richtiger wäre deshalb, von einer Passage zu sprechen, breit genug für Rettungsfahrzeuge, sonst aber für Autos gesperrt. Stadtplaner nennen den leicht gekrümmten Feierabendweg einen Gartengang, es war damals der erste seiner Art in Deutschland. Ideal für Familien, die ihre Kinder laufen lassen können. Ideal auch für die Gemeinschaft. Und günstig, die Straße musste nur provisorisch befestigt werden.

Am 1. Juli 1914 sind die ersten Bewohner in den Feierabendweg gezogen. Ein Datum, das in den vergangenen Jahrzehnten immer mal wieder Anlass war, ein Fest zu feiern. In der Adventszeit treffen sich die Nachbarn draußen zum Glühwein. Und wenn jemand, der schon älter ist, einen runden Geburtstag begeht, bekommen das alle mit. „Einmal haben wir den Spielmannszug von Tura bestellt, zwei 90. Geburtstage, die beiden haben geweint vor Rührung“, erzählt Sigrid Ehrhardt.

„Mein Urgroßvater war Bierkutscher“

Sie hat für das Gespräch eine Freundin dazu geholt. Karin Pfitzner-Brauer war selbst lange Jahre im Feierabendweg zu Hause, ihr Urgroßvater gehörte in der Straße zu den Pionieren. „Er war Bierkutscher und wollte mit seiner Familie raus aus der kleinen Mietwohnung und etwas Eigenes haben“, weiß die Hobby-Historikerin. Pfitzner-Brauer ist Vorsitzende der Geschichtswerkstatt Gröpelingen, sie sammelt alles, was sie über den Stadtteil bekommen kann. Auch dieses Foto, der Feierabendweg war 25 Jahre alt geworden, 1939, während der Nazi-Zeit. Es gab ein Fest zum Jubiläum, und kaum ein Haus, das nicht mit der Hakenkreuzfahne beflaggt wurde, wie das Bild beweist. „Das war eine Arbeitersiedlung, gegen die Nazis gekämpft hat aber niemand“, sagt Pfitzner-Brauer. Im Krieg seien in dem Gartengang drei Häuser kaputt gebombt worden. Vor elf Jahren habe es mal gebrannt, ein Dachstuhl. Das Feuer drohte überzuspringen, ist es auch, der Schaden blieb aber begrenzt.

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Als die beiden Frauen vor die Tür gehen, um noch mehr zu zeigen, kreuzt eine Katze den Weg, keine schwarze. Ein paar Häuser weiter winken Nachbarn, die gerade aufbrechen. Man kennt sich, das schon, aber längst nicht mehr so wie es mal war, erzählen die Freundinnen. „Wir sind keine Insel, auch bei uns gibt es den Trend zur Individualisierung und Vereinzelung“, sagt Ehrhardt. Die Menschen seien freundlich, würden grüßen, doch wirklich öffnen würden sie sich nur noch selten. Ihre Art ist das ganz und gar nicht; Ehrhardt engagiert sich und hat mit ein paar anderen in der Straße zum Beispiel dafür gesorgt, dass der Feierabendweg wieder einen Baum bekommt, der alte war abgestorben. Es ist eine Urkirsche geworden, und als die erste Ernte fällig war, wurde gemeinsam gepflückt und eingemacht: Kirschen aus Nachbars Garten.

Info

Zur Sache

Deutschlands erster Gartengang

Der Feierabendweg steht seit 1973 unter Denkmalschutz. Die 107 Jahre alte Siedlung ist das, was die Stadtentwickler einen Gartengang nennen. Baurechtliche Grundlage war ein Beschluss des Bremer Senats über den Bau von Kleinhäusern. Erschlossen werden mussten sie nicht über normal ausgebaute Fahrstraße, sondern über weniger befestigte Gassen ohne motorisierten Verkehr. Dadurch reduzierte sich der Erschließungsaufwand. Insgesamt konnten die Baukosten durch das Gesetz von Juli 1913 um zwölf Prozent gedrückt werden, wie Uwe Schwartz in Heft 8 der Schriftenreihe des Landesamtes für Denkmalpflege berichtet. Es durfte zum Beispiel auch auf die über die Traufe hinweg reichende Brandwand verzichtet werden.

Die Länge eines Gartengangs war in der Regel auf 150 Meter begrenzt, im Gröpelinger Feierabendweg sind es 65 Meter. Als das Gesetz erarbeitet wurde, war die Maßgabe, neben den bereits üblichen mehrgeschossigen Wohnhäusern mit Kleinwohnungen „im Interesse der Volksgesindheit“ auch in Zukunft in „möglichst weitem Maße das Bremer Einfamilienhaus am Leben zu erhalten, und zwar auch für die ärmere Bevölkerung“, wie Schwartz aus den Unterlagen zitiert.

Um die Finanzierung zu organisieren, wurde ein gemeinnütziger „Hypotheken- und Treuhandverein“ gegründet. Üblich war der sogenannte Mietkauf: Es musste eine Anzahlung von fünf Prozent des späteren Kaufpreises gezahlt werden. Im Falle der Häuser im Feierabendweg waren das 270 von 5400 Mark. Die Jahresmiete betrug 324 Mark, wovon ein Fünftel in den Kapitalstock für den Erwerb des Hauses gingen.

Ideengeber für den ersten Gartengang Deutschlands war der Architekt Adolf Muesmann (1880 - 1956). Auf seine Initiative hin wurde das Kleinhausgesetz erlassen. Muesmann war in Bremen zunächst Regierungsbaumeister und wenig später der erste „Städtebaumeister“ in dem neu geschaffenen Amt. Seine sehr späten Nachfolger bekleiden heute die Position des Senatsbaudirektors, aktuell ist es mit Iris Reuther eine Senatsbaudirektorin.

Neben dem Feierabendweg entstanden im Bremer Westen weitere Gartengänge, desgleichen in anderen Stadtvierteln wie zum Beispiel Hastedt. Bremen machte damit in Deutschland Furore und fand viele Nachahmer. Die Gartengänge wurden als „städtebauliche Großtat“ gefeiert.

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