Der Nordbremer Filmemacher Wilhelm Rösing legt die Biografie des Helgoländers Franz Schensky vor

Der Fotograf und das Meer

Vegesack. Mit der Dokumentation „Der Mann in der Brandung“ hat sich der Nordbremer Filmemacher Wilhelm Rösing 2008 schon auf Spurensuche nach Franz Schensky begeben, einem Fotografen, der von 1890 bis 1955 auf Helgoland lebte und arbeitete. Jetzt hat Rösing das Buch zum Film vorgelegt: „Franz Schensky – Der Fotograf und das Meer“.
12.11.2015, 00:00
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Von Albrecht-Joachim Bahr
Der Fotograf und das Meer

„Das besondere an den Bildern des Franz Schensky“, schrieben Zeitgenossen dem Helgoländer Fotografen ins Stammbuch, „ist ihr großen Atem“. AJB·

Albrecht-Joachim Bahr

Mit der Dokumentation „Der Mann in der Brandung“

hat sich der Nordbremer Filmemacher Wilhelm Rösing 2008 schon auf Spurensuche nach Franz Schensky begeben, einem Fotografen, der von 1890 bis 1955 auf Helgoland lebte und arbeitete. Jetzt hat Rösing das Buch zum Film vorgelegt: „Franz Schensky – Der Fotograf und das Meer“. Es sei zu viel Stoff gewesen, der dem Schneidetisch zum Opfer gefallen ist, sagt der Autor, der das Buch am kommenden Montag in der Buchhandlung Otto & Sohn vorstellt (siehe Bericht unten). Also hat er sich hingesetzt und all das aufgeschrieben, was sonst verloren gegangen wäre.

„Zuerst waren es Zeitungsartikel die mich auf die Spur von Schensky geführt haben“, erzählt Rösing, „dann Menschen, die ihn gekannt haben.“ Gut 35 Interviews hat er für seinen Film geführt. „Von den Interviewpartnern haben zwanzig Schensky noch persönlich gekannt. Daher habe ich ein sehr lebendiges Bild von ihm.“ Auch das Archiv des Museums Helgoland hat er durchforstet . . . Nie hätte er den gesamten Stoff in den gut 70 Minuten unterbringen können, die der Film letztlich dauert.

Wie lange er an diesem Buch gearbeitet hat? „Eigentlich nur ein Dreivierteljahr – also das reine Schreiben“, sagt Rösing. Das Material habe er ja schon zusammengehabt. „Ich habe mich morgens halt hingesetzt und den Tag über geschrieben.“ Und das mit dem Gefühl, in erster Linie einer Chronistenpflicht nachzukommen. Unbelastet. Anders jedenfalls als bei seinem letzten Film, einem Porträt der Pianistin Edith Kraus („Enjoy the Music“), wo ihn die Arbeit „innerlich sehr in Beschlag genommen hat“.

Wie es überhaupt zum Schensky-Buch gekommen ist? Rösing verweist zum einen auf eine Ausstellung 2007 auf Helgoland mit Fotos von Schensky zu dessen 50. Todestages. Ein Jahr darauf habe er, Rösing, seinen Film präsentiert, in der Nordseehalle, vor gut 450 Zuschauern. Trotzdem habe der Vorstand des Fördervereins Museum Helgoland immer noch gemeint, dass Schensky nicht richtig bekannt sei – jedenfalls nicht über Helgolands Gestade hinaus.

Mit Auszeichnungen und Goldmedaillen bedacht und mit unzähligen Ausstellungen im In- und Ausland vertreten war der „Kaiserliche Hofphotograph“ Schensky zu Lebzeiten eine Legende. Aber anders als manche zeitgenössische Kollegen, wie zum Beispiel der Kalifornier Ansel Adams (1902 bis 1984) oder auch der Bremer Hans Saebens (1895 bis 1969), ist der Helgoländer heute nur noch Fachleuten ein Begriff. Natürlich finden sich seine Meeresfotos im Internet, greifbar allerdings ist seine Kunst gerade mal auf Helgoland am Postkartenkiosk. Dabei war Schensky einer der letzten Fotografen, die ihre Bilder noch als Gemälde verstanden, egal ob sorgsam arrangierte Porträts, Fotos von der Gewalt des Meeres oder Unterwassergetier, aufgenommen im Insel-Aquarium auf Helgoland.

Grund für das Museums-Team und den Nordbremer Rösing, Schensky wieder verstärkt ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Und zugleich die Geschichte Helgolands, die mehr zu bieten hat als Sommerfrische und zollfreie Zigaretten. Rösing schreibt das alles auf: angefangen bei Helgolands Wechsel 1890 von Großbritannien ins Deutsche Reich, über zwei Weltkriege samt flächendeckendem Bombardement noch im April 1945 bis zu Wiederaufbau und -besiedlung der Insel Mitte der 50er-Jahre.

Dass Schensky, geboren 1871, vermutlich der uneheliche Sohn des letzten britischen Gouverneurs auf Helgoland war, im Laufe seiner beruflichen Tätigkeit wohlhabende Urlauber, darunter natürlich auch Juden, porträtierte und sich anlässlich der Machtergreifung Hitlers seinen Oberlippenbart abrasierte – das alles bot seinerzeit genug Stoff für Gerede und Intrigen bis hin zum angedrohten Arbeits- und Berufsverbot. Rösing notiert das alles, akribisch, manchmal versessen aufs Detail.

Versessen aufs Detail war aber auch Schensky. Vor allem dann, wenn er unwiederbringliche Momente aufzeichnete, in denen sich Meer, Wind, Licht und Wolken zu einem Drama mit übernatürlicher Gewalt verdichten. Wobei sich der Fotograf mehr als einmal und nicht selten unter Gefahr für Leib und Leben mit einem Fischerboot ins Auge des Sturms hat rudern lassen. Es sind besonders diese Fotos, die das Werk des Helgoländers ausmachen.

Es finden sich natürlich auch die Porträts von Insulanern, die man heute – und das sei dem Zeitgeist geschuldet – vielleicht mehr belächeln kann als bewundern. Auch die Möwenbilder nötigen einem erst dann Respekt ab, wenn man weiß, unter welchen fototechnischen Bedingungen sie seinerzeit (um die 30er-Jahre) entstanden sind und mit welchen Tricks Schensky dabei gelegentlich arbeitete: Zum Beispiel nagelte er ein Stück Fisch auf einen Buhnenpfahl, um eine Möwe samt ihrer futterneidenden Kollegen für die Zeit der Aufnahmen am „Futtertrog“ zu halten.

Wie Schensky Helgoland in Szene setzt, mag man zwischen Kunst und Ansichtskartenromantik ansiedeln – je nach Gusto. Zweifelsfrei atemberaubend aber sind seine Bilder vom Eiland nach einem Bombenangriff im Oktober 1944. Selbst die Katastrophe wird bei ihm zu einem Kunstwerk. Hier werden stehen gebliebene Hauswände zu Segeln, gesprengte und verstreute Ziegel zur Meeresgischt, und wo die Wolken fehlen, quillen Rauchschwaden hervor. „Inmitten von Trümmern und Flammen“, heißt es im Buch, „sah er sein brennendes Haus. Dennoch: Der Verlust seines Hauses und mit ihm das Ergebnis seiner jahrzehntelangen Arbeit hielten ihn nicht davon ab, mit seiner Kamera auch diesen Moment zu dokumentieren“.

Wilhelm Rösing „Franz Schensky – Der Fotograf und das Meer“, das Buch ist im Wachholtz-Verlag erschienen, hat 194 Seiten und kostet 29,90 Euro.

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