Baustelle Bürgerweide: Wie 30 Kilometer Stromkabel verlegt werden und was die Arbeiter dabei im Boden finden Der große Aufriss

Auf der Bürgerweide wird das marode Stromnetz erneuert – die 10000 Quadratmeter große Fläche ist derzeit eine Großbaustelle. Um 30 Kilometer Kabel zu verlegen, muss der Platz vor den Messehallen aufgerissen werden. Ein Rundgang zwischen alten Steinen und neuen Schächten.
26.06.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Helge Dickau

Auf der Bürgerweide wird das marode Stromnetz erneuert – die 10000 Quadratmeter große Fläche ist derzeit eine Großbaustelle. Um 30 Kilometer Kabel zu verlegen, muss der Platz vor den Messehallen aufgerissen werden. Ein Rundgang zwischen alten Steinen und neuen Schächten.

Bremen. Die Bürgerweide ist nicht wiederzuerkennen. Weite Teile des großen Platzes vor den Messehallen sind eingezäunt und aufgerissen, tiefe, offene Gräben durchziehen das Gelände. Darin schlängeln sich Stränge aus schwarzen, dicken Kabeln – die sollen in Zukunft den Strom führen und das marode Elektrizitätsnetz ersetzen, das derzeit erneuert wird. Doch bis dahin scheint es noch ein weiter Weg zu sein. Noch türmen sich Dutzende, über drei Meter hohe Berge auf, aus schwarzem, braunem und rötlichem Sand. Rund 16000 Kubikmeter werden hier ausgebaggert, Radlader kurven zwischen den riesigen Haufen hin und her, graben an einer Stelle liefe Löcher in die Erde, die sie woanders wieder zuschütten – das vermeintliche Chaos einer Großbaustelle, die wirkt, als würde sie noch sehr lange bleiben.

Und der starke Regen am Vortag hat sein Übriges getan. In den Gräben steht Schlamm, manche Abbruchkanten sehen aus wie ein Berghang nach einem Erdrutsch, ein paar Pflastersteine hat es mitgerissen.

"Wir hatten Glück mit dem Wetter. Der Sonntag war der erste Regentag bis jetzt", sagt Eike Wendt von der Wirtschaftsförderung Bremen (WFB). Er zeigt auf einen der Kabelschächte, die noch nicht eingegraben sind: Hier haben die kräftigen Schauer den Sand angespült und die Hälfte der Arbeit schon erledigt. Doch auch innen gibt es noch viel zu tun. In den Betonkästen, Stehhöhe zwei Meter, laufen die schwarz isolierten Aluminiumkabel zusammen, die im Erdreich vergraben werden. Da müssen Anschlüsse her, denn hier werden die Schausteller auf Freimarkt und Osterwiese künftig ihre Fahrgeschäfte mit Strom versorgen. Und damit man später auch was sieht in den unterirdischen Kuben, wird Licht installiert: Jeder Schacht bekommt eine Leuchtstoffröhre.

Ein rechtwinkliges Spinnennetz

Was derzeit noch offen liegt und riesig wirkt, wird später kaum mehr auffallen. Wenn die Löcher erst mal verschwunden sind, sieht man nur noch eine kleine Klappe, einen viereckigen Gullideckel. Auch die Gräben werden verschwinden. Jetzt durchziehen sie noch wie ein Spinnennetz aus rechten Winkeln die Bürgerweide, sind mehrere Meter breit und 1,5 Meter tief. Dort unten liegen die Kabel in dicken Bündeln und warten auf die Schicht aus Erdreich, die sie verstecken – und schützen. "Die Schausteller sichern ihre Fahrgeschäfte mit langen Erdnägeln", sagt Wendt. Es wäre fatal, wenn sie damit die Kabel treffen würden. Mit der Grabentiefe gehen die Bauplaner auf Nummer sicher.

"Wir liegen auf den Tag genau im Zeitplan", sagt Wendt, der bei der WFB für das Gebäudemanagement zuständig ist. Für die Bauarbeiten wurde bewusst der Sommer gewählt, denn dann ist auf der Bürgerweide nicht viel los. Doch Ende September muss alles fertig und sauber gefegt sein, dann beginnt der Freimarkt-Aufbau. Das Volksfest zu verschieben, ist schlicht nicht möglich. Und zwischendurch wird noch eine Pause nötig sein: Anfang August, wenn die Messe "Bremen tierisch" läuft, ruht die Arbeit für sechs Tage.

Gut also, dass der erste von sechs Bauabschnitten schon fertig ist, elf von insgesamt 30 Kilometern Kabel bereits verlegt sind. Hier muss man genau hinsehen, um einen Unterschied zu entdecken, denn das alte Pflaster aus Granit-, Basalt- und Sandsteinblöcken wurde wieder verlegt, "um den Charakter zu erhalten", sagt Wendt. Allerdings sind einige der Steine gelb gesprenkelt: Reste der alten Parkplatzmarkierungen. Und noch sieht man eine klare Grenze im Gras, das in den Fugen wächst, wie mit dem Lineal gezogen – der Kabelschacht, längst zugeschüttet und verpflastert. Doch in kurzer Zeit wird auch das Grün wieder überall sprießen, dann sieht’s aus, als wäre nichts gewesen.

Bauabschnitt Nummer zwei wird gerade noch fertig gepflastert. Zwischen den Sandbergen liegen kleinere Haufen aus Steinquadern, der Radlader hat sie gerade erst herausgerissen. Doch verlegt werden müssen sie per Hand, 10000 Quadratmeter, wenn man alle Flächen zusammen nimmt. Abschnitt zwei soll diesen Freitag fertig sein, von Montag an wird auch auf dem dritten gepflastert. Und auf Nummer vier dröhnen derzeit die Bagger.

Erde wird auf Deponien entsorgt

Der Aushub kommt übrigens nicht einfach so auf den großen Haufen, sondern wird säuberlich sortiert: in verwendbares Erdreich und Abfall. Denn mit dem Boden werden auch Teile der Geschichte der Bürgerweide ausgegraben. Wo einst das Gaswerk stand, ist die Erde schwarz von Schlacke, und immer wieder kommen ganze Schichten alter Ziegel zu Tage – von Gebäuden, die abgerissen oder im Krieg zerstört worden sind. Dieser "gestörte Boden", so der Fachausdruck, ist nicht mehr zu gebrauchen und wird auf Deponien entsorgt.

Der einzige Hochbau auf der Bürgerweide ist das neue Trafogebäude – ein nur halb fertiger Rohbau bis jetzt, der noch knapp vier Meter in die Höhe wachsen wird. Bereits verlegte Kabel liegen in großen Schlaufen so lange davor, bis sie im Innern angeschlossen werden können. Dort werden im September die letzten Handgriffe für ein Projekt erledigt, das voraussichtlich 5,8 Millionen Euro kosten wird. 2013 geht’s dann wieder los, wenn die Wasserleitungen erneuert werden. Wo es passt, werden die allerdings jetzt schon mit verlegt – damit es nächstes Jahr billiger wird.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+