Am 2. April gibt der Frauenchor „Good Weibs“ mit der Mädchenkantorei ein Konzert im St.-Petri-Dom

Der große Auftritt

Schwachhausen. Huberta Muhle singt im Hintergrund. Etwas versteckt in der letzten Reihe.
20.03.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Silja Weißer
Der große Auftritt

"Good Weibs" heißt der Chor mit Sängerinnen aus Schwachhausen, Oberneuland, Findorff, Horn-Lehe und Bremen-Nord.

PETRA STUBBE

Schwachhausen. Huberta Muhle singt im Hintergrund. Etwas versteckt in der letzten Reihe. Doch ohne die Oberneulanderin gebe es „Good Weibs“ nicht. Ohne sie hätte der Chor mit Frauen aus Schwachhausen, Oberneuland, Findorff, Horn-Lehe und Bremen-Nord, nicht seit nunmehr sieben Jahren Bestand. Derzeit bereitet er sich auf seinen bislang größten Auftritt vor: ein Begegnungskonzert am Sonntag, 2. April, 17 Uhr, mit der Mädchenkantorei im Bremer St.-Petri-Dom.

Muhle hatte 2010, als sie in Hamburg den „Damenlikörchor“ hörte, erstmals den Gedanken, ebenfalls eine Gesangsgruppe mit Frauen zu gründen. Ihr schwebte vor, Geld für soziale Zwecke zu ersingen. „Erst war es eine fixe Idee, doch dann habe ich mich ziemlich bald daran gemacht, 40 Werbebriefe im Freundes- und Bekanntenkreis zu verschicken", erinnert sich die 65-Jährige. Die Resonanz sei überwältigend gewesen. Mit 78 Gründungsmitgliedern im Alter von 35 bis 75 Jahren startete „Good Weibs“ – zunächst bei Muhle zu Hause auf der Diele, bald darauf im Medienhaus in Schwachhausen. Der harte Kern, 40 Frauen, sind geblieben.

Vor Probenbeginn ist das Foyer erfüllt mit Stimmengewirr und Gelächter. „Hier herrscht eine tolle Kameradschaft“, schwärmt Muhle und betont im gleichen Atemzug: „Und eine tolle Disziplin.“ Die sei unter anderem Leiterin Joana Toader geschuldet. Zu Jahresbeginn hat die 41-Jährige die Nachfolge von Chorleiterin Janine Smith angetreten.

Kaum dass Toader sich mit Pianist Benny Grenz an ihrer Seite in das Halbrund des Chors stellt, herrscht Ruhe. Aufmerksamkeit und Erwartung zeichnet sich auf den Gesichtern ab. Sie alle wissen, dass ein anspruchsvolles Programm für die nächsten zwei Stunden auf sie wartet: Pop, R&B, Soul, Gospel, darunter die Songs „You've Got a Friend“ von Carole King, „Ain't No Mountain High Enough“ von Nickolas Ashford und Valerie Simpson sowie „Hallelujah“ und „Son of a Preacher Man“. Toader ist streng mit ihnen. „Halt stopp, noch mal“, „an der Stelle seid ihr zu langsam“, unterbricht sie. Oder sie überlegt: „Das muss ich mir zu Hause noch mal genauer anhören“, zückt ihr Aufnahmegerät und hält es in die Runde.

Die zierliche Person ist im Dauereinsatz. Jede Faser ihres Körpers groovt, sie wippt mit, zeichnet mit den Armen kleine Wellen in die Luft und schließt dabei die Augen. Dabei strahlt Toaders Gesicht, das sich die Freude auf die Chormitglieder überträgt. „Ihre Power reißt uns alle mit“, schwärmt Claire Fischer, eine der Solistinnen.

„Musik ist einfach mein Ein und Alles“, sagt die Leiterin in einer kurzen Pause. Eine Tatsache, die ihr in die Wiege gelegt wurde. Der Vater, Berufsgeiger, zog mit der Familie aus Rumänien nach Deutschland, als Toader sieben Jahre alt war, weil er eines der begehrten Engagements bei den Hamburger Symphonikern bekommen hatte. Die Tochter wurde nicht von ihm gefragt. Sie hatte außer Klavier auch Geige zu lernen. „Spielen, eigene Hobbys, Freunde, das war in meiner Kindheit nicht wirklich drin“, erzählt Toader heute, zuckt kurz mit den Schultern und lächelt unbeirrt weiter.

Mit 19 Jahren beendete ein Bandscheibenvorfall ihre Karriere als Geigerin. Von dort an wollte sie ihre eigenen Wege gehen, lernte Versicherungskauffrau, brach die Lehre nach einem Jahr ab und hangelte sich von einem Job zum nächsten. Kurier- und Pizzafahrerin über Kellnerin bis zur Verkäuferin, die Liste sei lang. Als sie der Liebe wegen von Hamburg nach Ashausen bei Winsen (Luhe) zog, brachte ihre Mutter ihr ein Klavier zum Einzug mit. Der Vermieter sah es und bat sie spontan, seiner zehnjährigen Tochter Unterricht zu geben – damit fiel der Startschuss einer neuen Karriere.

„Ich hatte nach sechs Wochen 30 Klavierschüler“, berichtet Toader. In einem Gospelchor in Ashausen lernte sie unter Janine Smith und leitete bald darauf selbst vier Chöre in Winsen. „Ach ja, und dann habe ich da noch eine eigene Band im Ruhrpott, in der ich als Sängerin auftrete“, sagt sie lachend.

Als sie Ende 2016 erfuhr, dass „Good Weibs“ vor dem Aus steht, weil Smith sich anderen Aufgaben widmen will, musste sie nicht lange überredet werden. Die eineinhalb Stunden Autofahrt zu jeder Probe alle zwei Wochen nimmt sie gerne in Kauf. „Ich kann doch 40 singwillige Frauen nicht einfach so hängen lassen“, begründet sie ihre Entscheidung.

Mittlerweile kann Joana Toader von der Musik sehr gut leben. Ob ihr Vater stolz auf sie sei? „Ich hoffe“, antwortet sie und blickt gen Himmel. Er sei mit 56 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Doch das Lächeln weicht nur kurz von ihrem Gesicht. Weiter geht es mit dem Üben. Vor dem großen Auftritt gibt es nur eine gemeinsame Probe mit der Mädchenkantorei und die Generalprobe.

Doch auch Markus Kaiser, Leiter der 100-köpfigen Truppe am Dom ist nicht untätig. Jede Woche eineinhalb bis zwei Stunden Probe steht für die acht- bis zwanzigjährigen Mädchen und Frauen auf dem Programm. Das 60-minütige Konzert, in dem jeder Chor seinen Part bekommt und am Ende gemeinsam gesungen wird, sei auch für die Mädchenkantorei das bislang größte Projekt, erzählt Kaiser, der seit 2012 am Dom tätig ist. Zu der Kooperation kam es durch Huberta Muhle, „unserer Chor-Oma“, wie Kaiser sie liebevoll nennt. Schließlich würden drei ihrer Enkelkinder in seinem Chor singen, erläutert er. Er freut sich auf den 2. April. Das Konzert mit dem Titel „Good Times“ hat eine musikalische Spannweite von Gospel bis Rammstein. Kaiser ist überzeugt: „Das wird mit Sicherheit eine tolle Sache.“

Eintrittskarten gibt es zum Preis von 7 bis 25 Euro bei Nordwest-Ticket unter Telefon 36 36 36, im Kapitel 8 an der Domsheide 8 und im Dom. Das Eintrittsgeld geht an die Mädchenkantorei und wird für Stimmbildung, Chorfahrten und neue Konzertkleidung verwendet.
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