Kommentar zur Bremer Innenstadt

Der Handel im Wandel

Einkaufen, ja, das wird es weiterhin geben, aber viel stärker mit dem Internet verquickt, als das bisher der Fall war, meint Chefreporter Jürgen Hinrichs zur Zukunft des Einzelhandels.
10.04.2018, 19:42
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Der Handel im Wandel
Von Jürgen Hinrichs
Der Handel im Wandel

Die Bremer City soll umgestaltet werden - die Planer schwärmen von einer quirligen Innenstadt.

Christina Kuhaupt

Gar nicht so lange her, nur ein paar Jahre, da wollte Bremen einen dieser großen Einkaufstempel in der Innenstadt. Das City-Center, so der Name, sollte der Anker für eine neue Entwicklung sein, vor allem aber dafür sorgen, dass deutlich mehr Einzelhandelsfläche entsteht. Die Pläne sind bekanntlich gescheitert, vorgeblich wegen technischer Probleme, tatsächlich aber, weil der Investor absehen konnte, dass er nicht genügend potente Mieter findet. Ein weiterer Grund war, dass die Stadt übertrieben viele Auflagen zur Nutzung der Immobilie gemacht hatte. Der Jammer damals war groß. Wirtschaftssenator Martin Günthner ließ sich sogar dazu hinreißen, die Innenstadt für derlei Projekte für vergiftet zu erklären. Und heute? Allenthalben Aufbruch, an vielen Ecken und Enden der City tut sich was. Freilich anders und besser, als es mit dem City-Center gedacht war. Nicht mehr der eine große Tempel, sondern viele Pagoden, wenn man so will. Nicht mehr nur Einkauf und Kommerz, sondern der Wille, es ganz anders zu machen, mit viel Grün, Plätzen zum Verweilen, einem starken gastronomischen Anteil, auch mit Kultur. Das soll den Sog bringen, der weit in die Region ausstrahlt – nach Bremen, da fahren wir mal hin.

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Das ist kein Paradigmenwechsel, kein geläuterter Kapitalismus, der den Mensch in den Mittelpunkt rückt und nicht mehr den Profit. Geschäfte machen wollen und müssen die Kaufleute auch in Zukunft. Sie und mit ihnen die Investoren haben aber begriffen, dass das nicht mehr nach altem Muster geschehen kann. Es sind die weichen Faktoren, die in Zukunft zählen, auf die schiere Masse an Fläche und Ware kommt es nicht mehr so sehr an.

Florierender Online-Handel

Zu tun hat das mit der Digitalisierung und dem Online-Handel. Das Einkaufen im Netz erschüttert den stationären Einzelhandel in seinen Grundfesten. Von dem Tempo dieser Entwicklung sind selbst die Experten überrascht. Im vergangenen Jahr haben die Kunden jeden achten Euro für Ware aus dem Internet ausgegeben, mit steigender Tendenz auch in diesem Jahr. So ein Einkauf geht schnell und einfach, ist oft günstiger, gibt die Möglichkeit, zu vergleichen und die Ware wieder zurückzuschicken, wenn sie keinen Gefallen findet. Die größten Umsätze erreichen Bekleidung, Elektronik, Computer und Schuhe, mehr und mehr kommen aber auch Haushaltswaren, Möbel und Dinge des täglichen Bedarfs dazu. Logisch, dass das gravierende Folgen für die Innenstädte und ihren Handel hat.

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Kurt Zech, einer der Investoren, die sich in Bremens City engagieren, sprach unlängst im Zusammenhang mit der Innenstadt von der Gnade der späten Geburt. Er könnte recht damit haben. Bremen ist lange Jahre nicht aus dem Quark gekommen. Während die Zentren der anderen Großstädte mit einem starken Einzelhandelsangebot Kaufkraft binden konnten, ging sie zwischen Wall und Weser verloren oder nahm jedenfalls ab. Gewonnen haben stattdessen die großen Einkaufsparks an der Peripherie: Dodenhof, Weserpark, Ochtum-Park und die Waterfront. Das war schlecht. Doch nun könnte sich diese Verschlafenheit als Vorteil erweisen. Wer gerade noch hinten war, ist plötzlich vorn. Zwar gibt es in Bremen noch ein paar Kaufhäuser, die mittlerweile wie aus der Zeit gefallen wirken, aber eben kein riesiges Shopping-Center, das wegen des Online-Booms Probleme bekommen könnte.

Inspirierende Showrooms

Die Planer und Geldgeber schwärmen jetzt von einer quirligen Innenstadt, in der man sich gerne aufhält, die ein besonderes Flair hat und Erlebnisse bietet, die sich nicht darin erschöpfen, endlich das eine Paar Schuhe oder den einzigartigen Rock gefunden zu haben. Einkaufen, ja, das wird es weiterhin geben, aber viel stärker mit dem Internet verquickt, als das bisher der Fall war. Die Läden, nicht alle natürlich, sind dann Showrooms, ihre Kunden probieren dort etwas an, auch virtuell, oder lassen sich erst einmal nur inspirieren. Mit dem möglichen Kauf haben sie nicht automatisch eine Tüte in der Hand, die Ware könnte geliefert werden.

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Der Handel im Wandel, und auch die Investoren müssen neu denken. Ein Unternehmen trägt diesen Ansatz im Namen: Denkmalneu entwickelt in Bremen den Lloydhof. In dem Gebäude wird es einen Mix aus Einzelhandel, Hotel, Wohnungen, Büros, Fitness und Gastronomie geben. Das in Dresden bereits erfolgreich erprobte Konzept zeigt, wie in der Innenstadt auch dann Geld verdient werden kann, wenn die Quelle der Ladenmieten nicht mehr so stark sprudelt.

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