Die Kapitäne: Jan Böttjer ist auf den ganz großen Containerschiffen gefahren und steuert heute die Beladung

Der Hapag-Lloyd-Mann

Bremen-Nord. Schiffbau, Walfang, Fischerei, Kahnschifferei, Lotswesen und das Haus Seefahrt haben zu allen Zeiten dafür gesorgt, dass Kapitäne im Bremer Norden ihr Zuhause fanden. DIE NORDDEUTSCHE stellt in einer Serie Nautiker vor.
21.11.2015, 00:00
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Von Volker Kölling

Schiffbau, Walfang, Fischerei, Kahnschifferei, Lotswesen und das Haus Seefahrt haben zu allen Zeiten dafür gesorgt, dass Kapitäne im Bremer Norden ihr Zuhause fanden. DIE NORDDEUTSCHE stellt in einer Serie Nautiker vor. Heute: Jan Böttjer. Er Hapag-Lloyd-Mann: Er ist die ganz großen Containerschiffe um die Welt gefahren, bis „Unlimited Master“ in seinem Ausweis stand. Heute ist er als Stauplaner bei der Hamburger Reederei 335 Tage im Jahr im Dienst.

Der Vater des 33-Jährigen segelte im Wassersportverein Lesum, sein Onkel war Schifffahrtskaufmann – und der blonde Jan schon als Junge schlicht begeistert von den Geschichten vom Wasser. Der Verband Deutscher Reeder vermittelt bis heute Betriebspraktika von bis zu sechs Wochen Länge. Jan Böttjer kannte nach vier Wochen bei der Hamburger Reederei Leonhardt & Blumberg sein Berufsziel: Kapitän! „Mit einem 180-Meter-Schiff von Rotterdam in die Karibik und zurück mitfahren zu dürfen war das werbewirksamste, was man mit einem 17jährigen überhaupt anstellen konnte,“ sagt Jan Böttjer.

„Ich habe mich immer nur am Wasser orientiert: Ich bin im Rahmen eines Schulpraktikums drei Wochen bei den Weserlotsen jeden Tag die Weser rauf und runter gefahren.“ Danach war dem blonden jungen Mann klar, dass er es wie früher angehen wollte: Nicht das pure Nautikstudium sollte es sein, sondern vorher eine Ausbildung über drei Jahre zum Schiffsmechaniker.

„Jungmann und all diese Stufen gibt es seit den 70er Jahren nicht mehr, als die Multi-Purpose-Crew auf den Schiffen eingeführt wurde und jeder alles können sollte,“ erläutert Böttjer. „Ich weiß heute, dass man vieles lernen kann. Aber Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen.“ Mit 19 fuhr Böttjer auf einem Hapag-Lloyd-Schiff im Golf von Mexico und lernte noch selbst, die riesigen Kolben einer Schiffsmaschine zu ziehen: „Heute schickt die Reederei in so einem Fall spezialisierte Service-Crews.“ Das spare auf See Personal und im Hafen Geld.

Beklagen will er sich über die Zustände in der heutigen Seeschifffahrt nicht: „Ich kann mich nicht ärgern, weil ich es nie anders erlebt habe,“ lautet eine seiner Devisen. Jan Böttjer zeigt das Foto von einer geräumigen Kabine: „Früher konnte man auf einem rotten Dampfer mit schlimmen Zuständen landen. Seit vielen Jahren aber sieht die Kabine für ein Crewmitglied so aus – mit Bett, Tischgruppe, Schrank und eigener Nasszelle.“

Als Lehrjunge allerdings passten auf dem Hapag-Lloyd-Ausbildungsschiff vier junge Herren in so eine Kammer. Ein Deck sei der Ausbildung vorbehalten gewesen. „Es ist ja schon beengt auf so einem Schiff.“ An Land ging es in der legendären Priwall-Schule nahe Lübeck weiter. Im dritten Lehrjahr lernte er seine heutige Frau Sarah Böttjer kennen: „Wir waren einen Monat zusammen und schon musste ich für drei Monate wieder weg,“ erinnert sich Jan Böttjer.

Er fuhr ein halbes Jahr als Schiffsmechaniker bei seiner Stammreederei, um auch diese Erfahrung zu sammeln und Geld für das Studium zu sparen. Theoretisch können sich junge Leute heute die drei Jahre bis zum Schiffsmechaniker sparen und mit zwölf Monaten als nautischer Assistent an Bord gleich in das Nautikstudium einsteigen, erläutert Jan Böttjer. Er selbst hält seinen Weg für den besseren: „Wobei man auch als Offiziersassistent an Bord lernt, dass die gerade einmal noch zwanzig Leute auf einem Schiff zusammenhalten müssen, weil es sonst nicht klappt.“

Man wachse in der Seezeit unglaublich durch das Vertrauen, das in einen gesetzt werde und die Verantwortung, die man bekomme. Denn grundsätzlich gehe es auf solch einem riesigen Containerschiff immer um immense Werte und alles habe riesige Dimensionen: „Allein die Stromproduktion auf solche einem Schiff übersteigt wahrscheinlich den Strombedarf von ganz Blumenthal.“ Jan Böttjer: „Man muss sich praktisch in allen Dingen an Bord zu helfen wissen, muss Pumpen, Maschinen, auch Elektrik und Elektronik genauso verstehen wie Sicherheitsregeln, Wetterkunde und Navigation. Das zu lernen ist ziemlich reizvoll. Man muss das aber mögen.“

Er erinnert sich an die 320 Meter lange „Ningbo Express“, die er auf einer Werft nahe Hong Kong in Shekou bis zur letzten Schraube kennenlernte und im südafrikanischen Durban eine Woche Landurlaub genießen konnte. Aber perfekt wird die Seezeit aus seiner Sicht nicht so sehr durch das Schiff, sondern durch die Crew: „2005 hatte Hapag Lloyd CP-Ships aus Kanada übernommen, die auf ihren Schiffen die Substanz komplett heruntergefahren hatten. Unserer Mannschaft auf der ‚Canberra Express’ machte das damals nichts aus: Jeder kam gerne zur Arbeit . Das Fahrtgebiet von Mexico bis runter zu Südamerikas Westküste war toll. Und nach und nach haben wir das Schiff wieder hinbekommen.“

Im September 2005 startete Jan Böttjer sein Studium und war in den großen Ferien auf großer und in den kleinen Semesterferien auf denkbar kleinster Fahrt unterwegs: „Ich bin zur Fährgesellschaft FBS gegangen und durfte dann auf der Fähre Blumenthal-Berne an Deck arbeiten.“ Auch in seiner Freizeit muss es immer Wasser sein: Seit 1998 ist Böttjer bei der DLRG in Bremen-Nord als Taucher aktiv.

Warum er nie zu einer anderen Reederei gegangen ist? „Hapag-Lloyd hat mir immer das beste Angebot gemacht. Ich konnte dort eins zu eins fahren, sprich: Ich war einen Monat auf See und einen Monat zu Hause.“ Einmal sei er viereinhalb Monate an Bord gewesen, mit gerade 18 Stunden Aufenthalt in Häfen: „Da geht man völlig auf dem Zahnfleisch.“

So dauerte es ein bisschen länger als bei einem anderen Fahrtrhythmus, bevor Böttjer nach zwei Jahren reiner Fahrtzeit sein Patent ausgefahren hat. „Der Gesetzgeber schreibt für die Kapitänslaufbahn nur noch ein großes Studium vor, pocht aber darauf, dass man Erfahrung gesammelt hat, bevor man ein Kommando übernehmen darf.“ Die neue Rolle beschreibt Jan Böttjer so: Er sei als erster Offizier praktisch der Betriebsleiter Deck, es gebe noch den Betriebsleiter Maschine, den Chief und den Kapitän praktisch als Geschäftsführer. „Meine Arbeit hat drei Standbeine: Acht Stunden Wache am Tag auf der Brücke, die Wartung und Konservierung des Schiffes und die Ladungsfürsorge inklusive der Arbeit mit den Ballasttanks.“ Von vier bis acht Uhr steht er auf der Brücke und hat die Wache: Er erlebt jeden Sonnenaufgang und jeden Sonnenuntergang.

Dazwischen kommt die Arbeit an Deck: „Mein direkter Ansprechpartner als erster Offizier ist der Bootsmann und der muss gut mit den Leuten umgehen können.“ Wer heute zur See fahren will, muss aus seiner Sicht zudem multikulturell interessiert sein und Talent in der Kommunikation mit den Menschen aus anderen Kulturen haben: „Wer da Ressentiments hat, gehört heute nicht mehr an Bord.“

2014 wurde Jan Böttjer Stauplaner. Er behält genau im Auge, was an Containerladung auf die Schiffe in den Häfen zukommt und errechnet für die Schiffsführungen detaillierte Pläne, wohin jede Box gehört und wann sie aus oder ins Schiff bewegt werden muss.

Fehlen etwa durch Störungen im Bahnverkehr 50 Container am Schiff, muss der Nautiker im Alarmstart ran und den ganzen Stauplan umrechnen: Im begehbaren Kleiderschrank in seinem Schlafzimmer existiert ein Computerarbeitsplatz wie in seinem Hamburger Büro. Im Urlaub sind Laptop und Handy immer am Mann, damit der Mail-Verkehr im Notfall nicht abbricht.

Statt mit 20 Mann auf See arbeitet Böttjer nun mit über 2000 Leuten in der Hamburger Reedereizentrale. Vier Stunden Fahrt mit dem Zug nimmt er in Kauf. 335 Tage im Jahr ist Jan Böttjer im Dienst. „Die Seefahrt hat mir viel gegeben. Aber das konnte in den letzten Jahren auf See nie aufwiegen, was ich hier zu Hause verpasst habe.“

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