Bremer Debattierwettbewerb Der Herr der Argumente

Als Toritseju Nanna vor zweieinhalb Jahren aus Nigeria nach Bremen kam, sprach er kein Wort Deutsch. Jetzt hat der 19-Jährige Bremens erstes Landesfinale von „Jugend debattiert in Vorkursen“ gewonnen.
22.03.2017, 20:39
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Der Herr der Argumente
Von Nico Schnurr

Als Toritseju Nanna vor zweieinhalb Jahren aus Nigeria nach Bremen kam, sprach er kein Wort Deutsch. Jetzt hat der 19-Jährige Bremens erstes Landesfinale von „Jugend debattiert in Vorkursen“ gewonnen.

Wenn Toritseju Nanna, genannt Toju, über Politik spricht, ist Barack Obama immer dabei. Nicht wirklich natürlich, nur in Nannas Gedanken. Der 19-Jährige fragt sich dann: Wie hätte Obama diesen Satz jetzt gesagt? Wie hätte er das Argument verkauft, wie hätte er charmant auf die Antwort reagiert? Immer locker zu bleiben, den Sinn für Humor auch in hitzigen Diskussionen nicht zu verlieren, das habe ihm Obama beigebracht.

Oder zumindest das Fernstudium von dessen Auftritten und Reden. „Schlagfertig zu sein, das kann man lernen“, sagt Nanna und schiebt schmunzelnd hinterher: „Zum Beispiel, wenn man sich Obama zum Vorbild nimmt.“ Den Beweis dafür hat er am Mittwoch gleich selbst geliefert – als Gewinner des ersten Bremer Landesfinales von „Jugend debattiert in Vorkursen“.

Nanna besucht Oberstufe des Schulzentrums Rübekamp

Nanna ist in Nigeria aufgewachsen. Im Sommer 2014 floh er mit seiner Familie von Lagos nach Bremen. Auf einer größeren Bühne gestanden und debattiert hatte er bislang noch nie. Anzumerken ist ihm das nicht. Routiniert reiht er These an These, untermalt sie mit Armbewegungen, mal ausladend, mal zurückgenommen. Seine Karteikarten nutzt er nicht.

Er formuliert spontan und frei, wenn er etwa diskutiert, ob die deutschen Grenzen stärker kontrolliert werden sollen und dazu ganz selbstverständlich Sätze sagt wie: „Globale Probleme erfordern globale Lösungen, deswegen brauchen wir endlich einen europäischen Schulterschluss, um gemeinsam Fluchtursachen nachhaltig vor Ort zu bekämpfen, statt auf nationale Abschottung zu setzen.“

Nanna sagt diesen Satz auf Deutsch, jener Sprache, die ihm noch vor zwei Jahren völlig fremd war. Inzwischen besucht er die Oberstufe des Schulzentrums Rübekamp und bereitet sich auf das Abitur vor. Weil er noch bis vor Kurzem zu einem Vorkurs ging, darf er am ersten Bremer Landesfinale von „Jugend debattiert in Vorkursen“ teilnehmen.

Ein Neuanfang braucht Geduld

Zwölf Redner messen sich beim Debattierwettbewerb, sie alle eint, dass sie erst seit kurzer Zeit in Deutschland leben und sich in Kursen auf den Schulunterrricht vorbereitet haben. „Toju hat die Debatten dominiert und gewonnen, weil er schon weit ist und längst aus der Sicht eines Erwachsenen argumentiert“, sagt Ingo Matthias, Landesbeauftragter für „Jugend debattiert“.

Dabei erzählt die Geschichte von Toju Nanna auch davon, wie viel Geduld ein Neuanfang braucht. „Anfangs war ich oft sehr frustriert“, sagt er. Als er an der Supermarktkasse immer wieder kein Wort verstanden habe, da habe ihn das geärgert. Genauso wie Situationen in der Schule, in denen er sich missverstanden fühlte, weil ihm die passenden Worte fehlten, um seinen Standpunkt in Diskussionen deutlich zu machen. „Einmal hatte ich den Irakkrieg kritisiert, aber bei den Mitschülern kam an, dass ich Terrorismus befürworte.“

Heute kann Nanna darüber schmunzeln. Damals aber habe er sich in solchen Momenten immer wieder ins Gedächtnis rufen müssen: „Bleib' ruhig,Toju, wenn du jetzt gefrustet bist und aufsteckst, dann wird das nichts – du musst da durch, du musst die Sprache lernen.“ Nanna blieb ruhig und steckte nicht auf. Inzwischen hat ihm das ein Stipendium bei der Start-Stiftung eingebracht, die begabte Jugendliche mit Migrationshintergrund fördert.

Vorliebe für politische Diskussionen

„Ich bin ein zielorientierter Mensch“, sagt er. Nach dem Abitur will er Jura studieren – „weil ich Fakten liebe und mir das für Debatten sicher hilft“. Denn die Vorliebe für politische Diskussionen, die sei bei ihm schon immer da gewesen. „Es gibt nichts anderes für mich, das war mir schon in Nigeria klar.“ Die Situation im Land habe seinen Blick auf politische Themen, vor allem rund um das Thema Terrorismus, geschärft. „Man bekommt eine andere Perspektive, wenn man schon einmal in unmittelbarer Gefahr von Terrorismus gelebt hat“, sagt er.

Auch in Deutschland beschäftigt ihn das Thema weiter. Hier sei die Polit-Talkshow „Hart aber fair“ zu einer seiner Lieblingssendungen geworden, erzählt Nanna. Die Gäste habe er immer wieder studiert, ihre Bewegungen und Rhetorik nachgeahmt und vor dem Spiegel geübt. „Die Körperhaltung ist bei der Debatte fast so wichtig wie die Argumente“, glaubt er. Ob er später einmal Politiker werden und das Debattieren zu seinem Beruf machen möchte, weiß Nanna noch nicht. Ein paar gute Argumente, die dafür sprechen, kennt er ganz sicher.

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