Wie ein Soldat den Krieg aus der Luft erlebte Der Herr der Bomben

Es ist das Leben mit dem Tod: Als Bomb Aimer bestimmte Ron Mayhill in seinem Flieger den Zeitpunkt des Bombenabwurfs. Im Gespräch mit unserer Zeitung erinnert er sich an die Zeit im Weltkrieg.
18.08.2019, 12:13
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Der Herr der Bomben
Von Max Seidenfaden

Es ist der 18. August 1944, kurz nach neun Uhr abends: Vom Flugfeld Mepal in Cambridgeshire machen sich 25 Bomber des 75. Squadrons auf den Weg nach Deutschland. Ihr Ziel, in einer Welle von 274 Flugzeugen, ist Bremen. Nicht mit an Bord der Flieger bei dem Angriff ist Ron Mayhill, der erst seit zwei Monaten am Luftkrieg in Europa teilnimmt. Der damals 19-Jährige war wenige Tage zuvor den Angriff auf Hamel in Nordfrankreich mitgeflogen und hatte beim Angriff auf Bremen frei.

Mayhill war der sogenannte Bomb Aimer der siebenköpfigen Besatzung seiner Lancaster und war damit verantwortlich für den Abwurf der Bomben über dem Ziel. „Natürlich hatte ich dabei Bedenken“, sagt Mayhill im Gespräch mit unserer Zeitung. Er habe jedoch nur seinen Job gemacht, der ihm aufgetragen wurde – ähnlich wie die deutschen Bomber es bei Angriffen auf Rotterdam, London oder Warschau getan haben. „Innerhalb unserer Crew gab es immer Gespräche. Sie sagten mir, dass ich mehr als nur das Nötige tue, um den Krieg so schnell wie möglich zu beenden“, so Mayhill. Jeden Tag, den der Krieg länger dauerte, würden tausende Menschen sterben. „Uns wurde auch gesagt, dass es keine Unbeteiligten gibt. Die Zivilisten haben ja in der Kriegsindustrie gearbeitet. Es waren alle in den Krieg involviert“, erinnert sich Mayhill. Für Hass habe es aber trotz des Krieges keinen Platz gegeben. „Ich habe die Deutschen nie gehasst, nicht mal im Krieg“, so Mayhill. Nach dem Krieg habe er mehrmals Europa bereist und sei immer von den Deutschen beeindruckt gewesen.

Lesen Sie auch

Trotz seines Platzes mitten in der vorderen Glaskuppel der Lancaster sah Mayhill nie etwas von den Explosionen. Mayhill: „Wir waren über drei Meilen in der Luft und alles, was man gesehen hat, war ein Mix aus Farben und Action.“ Tod und Zerstörung waren aus der Distanz aber nicht ersichtlich. Dennoch hatte er aber den besten Blick auf das Geschehen. „Die Nachtangriffe waren schon beeindruckend. Man hat aus der Kuppel eine 270-Grad-Sicht und bekommt alles rund um sich rum mit“, erinnert sich Mayhill.

Aber wie sah der typische Arbeitstag für die Flieger vor einem Einsatz aus? „Es gab zwei Einsatzbesprechungen, die eigentlich immer ein sehr lockeres Gespräch waren“, so Mayhill. Anschließend sei es aufs Flugfeld gegangen, wo die Crews ihre Flugzeuge checkten und darauf warteten, ein Signal zum Abflug oder zur Absage des Einsatzes zu bekommen. Nach dem Abflug habe er zunächst den Navigator unterstützt, bevor er sich in die Glaskuppel legte, um die Zeit für den Bombenabwurf zu bestimmen.

Trotz der großen Höhe begaben sich die Bomberbesatzungen selbst in Gefahr. Rund 55 000 der 125 000 Flugzeugbesatzungen der RAF starben im zweiten Weltkrieg, weitere 8400 wurden verwundet, rund 10 000 gerieten in Kriegsgefangenschaft. Angst davor, mit dem Bomber in den Einsatz zu ziehen, hatte Mayhill nicht. „Es war eher Nervosität. Wir haben uns immer gefragt, wer heute Abend nicht zurückkehren wird – es war immer jemand anderes“, erinnert er sich. Angst habe man nur gehabt, wenn die Flugzeuge attackiert wurden oder man in die Suchscheinwerfer der Flak geriet. Und wie reagiert man darauf, wenn neben den Flugzeugen die Luftabwehrgranaten explodieren? „Wir waren einfach nur froh darüber, dass es uns nicht erwischt hat“, sagt Mayhill.

Lesen Sie auch

Vor allem die 75. Squadron, das eigentlich aus Neuseeland stammt und während des Kriegs in England stationiert war, erlitt große Verluste. „Der befehlshabende Offizier des Squadrons bestand darauf, dass immer die maximale Anzahl an verfügbaren Kräften an den Einsätzen teilnahm“, erklärt Peter Wheeler, Geschäftsführer bei der New Zealand Bomber Command Association. Zudem sei man häufig mehrere Nächte in Folge an Angriffen beteiligt gewesen. Damit sei auch zu erklären, weshalb das 75. Squadron die zweithöchste Verlustrate aller Squadrons im zweiten Weltkrieg hatte. Beim Angriff auf Bremen hatte das Geschwader jedoch das Glück auf seiner Seite. 24 der Flieger kehrten vom Einsatz aus Bremen zurück, ein weiterer war vorher schon umgekehrt. Nur drei Flieger wurden bei dem Angriff beschädigt.

„Aus Sicht des RAF Bomber Command war der Angriff auf Bremen sehr erfolgreich“, bilanziert Wheeler die Bombennacht. Nicht nur, dass der Bremer Westen getroffen wurde, die Royal Air Force verlor auch nur ein einziges Flugzeug. Getroffen von einer Flakgranate stürzte die Lancaster von Cyril Mansford Corbet, Pilot in der 428. Squadron aus Kanada, in der Nähe von St. Jürgen bei Lilienthal ab. Dabei kam der Schütze Ralph Edward Good ums Leben – es ist der einzige Tote, den die Royal Air Force beim Angriff auf Bremen zu beklagen hatte. Die anderen sechs Insassen des Flugzeugs wurden als Kriegsgefangene ins Strafgefangenenlager Luft III nach Sagan in Niederschlesien gebracht. Alle sechs überlebten den Krieg und kehrten anschließend nach Kanada zurück. Das Bild änderte sich aber bereits eine Woche später für das 75. Geschwader: Beim Angriff auf Rüsselsheim verlor es zwei seiner 20 Flieger. Es waren die Bomber von Richard Barker und James Fleming, die abgeschossen werden, alle 14 Insassen kommen ums Leben. In der Vorwoche waren beide Crews noch den Angriff auf Bremen mitgeflogen.

Auch Ron Mayhill lernte die Gefahr des Luftkriegs schmerzhaft kennen. Beim Einsatz über Pont-Remy im Norden Frankreichs am 31. August 1944 wurde Mayhills Flugzeug von einer Granate getroffen, Schrappnellteile bohrten sich in Mayhills Augen. Mit mehreren Operationen retteten die Ärzte das Sehorgan. Da Mayhill jedoch weiterhin Probleme mit der Sicht hatte, durfte er nicht mehr an den Angriffen teilnehmen. In den knapp drei Monaten, die er als Bomb Aimer in der Luft war, flog er 27 Einsätze für die Royal Air Force. Alleine im August 1944 flog Mayhill mit seiner Crew zwölf Einsätze, darunter auf Braunschweig und Rüsselsheim, und verbrachte rund 60 Stunden im Luftraum über Deutschland und Frankreich. Vorbei war seine Karriere bei der Royal Air Force aber noch nicht: Mayhill wurde Einweiser für die Flugsimulatoren in Mepal. Nach dem Krieg kehrt er nach Neuseeland zurück und wird Lehrer in Auckland. Vergessen hat er den Krieg aber bis heute nicht. „Das ist einfach etwas, das man nicht vergessen kann. Ich habe noch immer Bilder von Zielen und von Freunden, die im Krieg umgekommen sind, vor mir."

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+