Hans-Werner Liebig betreut ehrenamtlich ein Archiv zur Gutsgeschichte und packt auch bei der Parkpflege an Der Hüter von Hohehorst

Löhnhorst. Auf der neuen Parkbank hinter dem Haus haben die ersten Besucher schon Rast gemacht. „Eine Fahrradgruppe aus Hude hat sich nach ihrer langen Tour hier ausgeruht“, erzählt Hans-Werner Liebig.
30.05.2016, 00:00
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Von Gabriela Keller

Auf der neuen Parkbank hinter dem Haus haben die ersten Besucher schon Rast gemacht. „Eine Fahrradgruppe aus Hude hat sich nach ihrer langen Tour hier ausgeruht“, erzählt Hans-Werner Liebig. Die Sitzgelegenheit für die Terrasse des Torhaus-Archives auf Gut Hohehorst hat der Löhnhorster eigenhändig gebaut. So wie er vieles anpackt auf dem Gelände des Anwesens, das einst der Bremer Industriellen-Familie Lahusen als Sommersitz diente und das die Stadtgemeinde Bremen als heutige Eigentümerin nach dem Auszug der Bremer Drogenhilfe seit längerem verkaufen will.

Seit Jahrzehnten setzt sich Hans-Werner Liebig ehrenamtlich für Hohehorst ein. Das frühere Herrenhaus und seine wechselvolle Geschichte hat den gebürtigen Bad Oeynhauser in den Bann gezogen, seit er sich 1968 mit seiner Familie in Löhnhorst niederließ. Damals begann er alles über das ehemalige Gut zu sammeln. Es sollte der Grundstock werden für sein umfangreiches Hohehorst-Archiv, mit dem Liebig seit 2010 in einem der beiden Torhäuser des Anwesens die Geschichte der Herrenhauses bewahrt. Über 9000 Fotos und rund 1500 Textdokumente sind der Fundus, den der Löhnhorster in über 40 Jahren zusammengetragen hat. In zwei Ausstellungsräumen im Torhaus wird die Vergangenheit von Hohehorst dokumentiert. Nach der Insolvenz des Wollkönigs Lahusen richteten die Nazis im Herrenhaus ein „Lebensborn“-Heim ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Gebäude zunächst Lazarett, später TBC-Heilstätte und Fachkrankenhaus, zuletzt Drogen-Therapiezentrum.

Als die Drogenhilfe 2006 das Torhaus des Gutes für Therapiezwecke nicht mehr nutzte, schlug Hans-Werner Liebigs Stunde. In Eigenarbeit richtete er das Gebäude als Archiv her. Er installierte neue Heizkörper und Lampen, reparierte Regengossen, pflasterte die Terrasse, flickte das Dach. Mit eigenem Werkzeug und auf eigene Kosten. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Zwar schießt der Ortsrat Löhnhorst seit einigen Jahren etwas Geld für das Archiv zu, für die neue Parkbank gab es laut Liebig erstmals einen Zuschuss der Gemeinde Schwanewede. Das meiste aber buttert der Löhnhorster selbst zu, von der Blumenbepflanzung vor dem Torhaus bis hin zum Heizöl.

Über alles, was er reinsteckt, führt der 74-Jährige akribisch Buch. Rund 9000 Euro hat er nach eigenen Angaben in den vergangenen sechs Jahren aus eigener Tasche investiert. Nicht nur in das Archiv. Liebig packt auch im Park an, der öffentlich zugänglich ist. „An einem Weg habe ich mal 700 Heckenpflanzen angelegt“, erzählt er. Jedes Jahr führt er Besuchergruppen zum Tag des offenen Denkmals durch die Grünanlage, die wie das Herrenhaus unter Denkmalschutz steht. Inzwischen allerdings mit immer weniger Freude. „Der Park verfällt zunehmend“, klagt Liebig über wucherndes Grün, kniehoch stehendes Gras auf Rasenflächen und Wege, die unter Moos- und Laubteppichen nur noch zu erahnen sind.

„Wenn ich Gruppen über das Gelände führe, habe ich immer eine Sense dabei.“ Früher wandte er sich bei Missständen an die Stadt Bremen als Eigentümerin oder den Landkreis als zuständige untere Denkmalschutzbehörde. „Doch bis sich da mal etwas bewegt...“ Jetzt nimmt er die Sache selbst in die Hand. Mäht Wiesen mit dem neuen Rasenmäher, den er gekauft hat, schneidet Wege frei oder erneuert einen zerstörten Steg am früheren Badeteich.

Für sein ehrenamtliches Engagement im Archiv und bei der Parkpflege würde sich der Löhnhorster mehr Unterstützung auch von der Gemeinde Schwanewede wünschen. „Schließlich ist Hohehorst ein Leuchtturm für Schwanewede.“ Die Besucher seines Archivs haben das längst erkannt. Rund 100 Gruppen hätten seit der Eröffnung die Ausstellung besichtigt, sagt Liebig. „Es gibt keinen Heimat- oder Landfrauenverein in der Region, der noch nicht hier war.“ Zum Tag des offenen Denkmals strömen Hunderte von Hohehorst-Interessierten in die Ausstellungsräume. Schülergruppen nutzen das Archiv für die Vorbereitung von Facharbeiten. Sogar aus dem Bremer Kippenberg-Gymnasium seien schon Abiturienten da gewesen, erzählt Liebig.

Zwar sind die Ausstellungsräume ohne Voranmeldung für die breite Öffentlichkeit nur am Tag des offenen Denkmals geöffnet. Doch es vergeht kein Tag, an dem Liebig nicht vor Ort anzutreffen ist. Und so führt der Löhnhorster immer mal wieder auch Besucher, die spontan vor der Tür stehen, durch die Räume. „Die Arbeit für das Archiv ist fast schon ein Vollzeitjob“, meint Liebig.

Dazu gehört nicht nur das Sammeln und Dokumentieren von Informationen. Der Löhnhorster geht auch den Spuren ehemaliger Hohehorst-Bewohner nach. Vor allem aus der Zeit, als das Herrenhaus ein „Lebensborn“-Heim der Nazis war. Junge Mütter sollten hier „arische“ Kinder zur Welt bringen. Fast 20 ehemalige Lebensborn-Kinder hat Liebig nach eigenen Angaben schon ausfindig machen können, viele waren in seinem Archiv.

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