Hardy Schmidt

Der Käpt'n des Viertels

Hardy Schmidt gehört zu den Urgesteinen des Viertels und wird von allen, die ihn kennen, nur „der Käpt'n" genannt. Nachdem er lange Jahre Flaschen gesammelt und sich tausendfach nützlich gemacht hat, ist er jetzt unter die Autoren gegangen.
19.08.2016, 17:24
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Mit einer Schere kappt er die Enden seiner verbrauchten Zigaretten – um den Überblick zu behalten, wie er sagt. Er wolle den Konsum mindestens halbieren; das sei günstiger und gesünder. Während seiner akribischen Arbeit an den Kippenstummeln und der akkuraten Buchführung über sein Rauchverhalten, erzählt Hardy E. (Eberhard) Schmidt aus der Vergangenheit: von den Misshandlungen durch seinen Vater, von der hilflosen Mutter, die dabei zusieht und selbst einstecken muss.

Davon, wie er am 22. November 1974 in der Albrechtstraße zusammengeschlagen, für „klinisch tot“ erklärt wird und doch seinen Weg zurück ins Leben findet. Von gefundener und verlorener Liebe, von „Engeln“, die ihn in schlimmen Zeiten begleiten und beschützen. Einer dieser Engel war Tante Lina, bei deren Andenken Hardy ins Schwärmen gerät, vermisst, aber auch schelmisch lacht: „Mein kleines Lienchen, sie hatte einen siebten Sinn. Auch dadurch hat sie mir das Leben gerettet.“ Hardy lacht und bietet Getränke aus seiner winzigen Küche an.

Viele seiner jüngeren Geschichten spielen in Bremen, genauer gesagt in der Östlichen Vorstadt. Der Ort, von welchem der 70-Jährige für viele Menschen nicht mehr wegzudenken ist. Aber selbst von jenen, die glauben, den ehemaligen Flaschensammler und Straßenzeitungsverkäufer zu kennen, käme die Frage: „Hardy? Wer ist das denn?“. Denn das ist nicht der Name, unter dem er hier bekannt ist. Die Menschen nennen ihn „Käpt'n“.

Er erledigt freiwillige Aufgaben vor dem damaligen „Zucker Club“, hinter dem Güterbahnhof. Er hält den Platz vor dem Tanzclub sauber, befreit ihn von Flaschen und sorgt dafür, dass keine Fahrräder entwendet werden. Die Menschen des „Zucker“ sind dankbar dafür: „Wir haben beschlossen, dass du unser Käpt'n bist.“ Passend zur Bezeichnung, trägt der Käpt'n stets seine blaue Kapitänsmütze. Bald darauf zieht er jedoch weiter. Er verlässt die Gegend und begibt sich zurück ins Steintor.

Hardy trinkt seinen Kaffee aus einer selbstgebastelten Thermovorrichtung. „Das Viertel hat mich immer angezogen wie ein Magnet“. Auf der Suche nach der „schnellen Mark" sei er dort gelandet, das „große Geld“ hingegen, das interessiere ihn nicht sonderlich. Ein einziges Mal in seinem Leben war der finanzielle Mangel ein wahres Hindernis: Hardy möchte im Mai 2016 sein erstes Buch veröffentlichen. Darin verarbeitet der Käpt'n die schmerzlichen Erinnerungen: Die Kindheit, die Suche nach Gott und die Enttäuschung darüber, diesen nicht zu finden, und auch den Verlust seiner Frau. „Lienchen“ ist diejenige, die Hardy antreibt, die Familiensaga zu Papier zu bringen. Inwischen ist der Druck finanziell gesichert, nur den Eigenvertrieb gilt es noch in Gang zu bringen.

Und auch Band zwei liegt bereits vor: 200 Seiten Handgeschriebenes. 200 Seiten Ehrlichkeit. Ehrlichkeit, die den ehemaligen Seemann auszeichnet und die sich auch in seinen Liebesgedichten wiederfindet. „Ich habe auch viele Gedichte zum Viertel geschrieben.“ Denn der Stadtteil fasziniert den „Bremer Jungen, der in Thüringen geboren ist“ jeden Tag aufs Neue: „Seit meinem 15. Lebensjahr bin ich eigentlich schon Teil des Viertels. Ich war schon in Nordhessen – und mir fehlte die Weser. Ich war in Nordrhein-Westfalen – und mir fehlte die Weser. Der Geruch des Wassers, den brauche ich. Nicht nur deswegen ist das Viertel etwas Besonderes – der Magnet.“

Es sei eine Frage der gegenseitigen Toleranz, dass Hardy hier von rund 80 Prozent der Menschen mit viel Wärme, Herzlichkeit und Offenheit empfangen werde. „Ich weiß mich zu benehmen. Ich komme aus dem Kundendienst.“ Auf Höflichkeit und Manieren lege Hardy besonders viel wert. Erneut bietet er Getränke und Speisen an.

Hardy geht es nach eigener Aussage darum, sein Überleben zu sichern. Auch wenn er sich eher als „Logistiker“ möglicherweise als „Tüftler“ oder „Organisationstalent“ sieht. Er wisse eben, wie er über die Runden kommen könne; auch bei einer Rente von gerade einmal 228 Euro im Monat. Da sitzt er, der Käp'n, der höflich Kaffee und Wasser anbietet und sogar Eintopf aufwärmen möchte, selber aber kaum genug zum Leben hat. Ein Mann, der in Kleinarbeit Buch über seine Tätigkeiten führt. Jeder noch so kleine und große Dienst für die Ladenbesitzer in der Östlichen Vorstadt wird hier eingetragen. Nicht selten belohnen gerade die Imbissbesitzer die kleinen Leistungen mit einer warmen Mahlzeit. „Papa, hast du Hunger?“ ruft es dann aus den Läden. 1968 macht Hardy seinen ersten Fernsehfachhandel im Viertel auf, Fedelhören 31. Zu der Zeit macht er sich keine Sorgen, wie er etwas zu Essen auf den Tisch bekommt.

Heute bewohnt er ein kleines Souterrain, etwas verlebt, aber auch heimelig. Eine große Schallplattenauswahl kleidet eine Wand des Wohnzimmers, überall Blumen, Stofftiere, Bilder. Vieles hat der Käpt'n selbst gestaltet. Liebevoll vollgestopft ist der enge Wohnraum. „Der Kontakt zu den Menschen hier in der Östlichen Vorstadt hält mich jung.“ Und die Kontakte sind vielfältig. So öffnet sich beispielsweise, wenn sich bei Veranstaltungen im Viertel ein Menschenwall aus Polizisten formiert, diese Mauer allein für den Käpt'n. „Da ist ja der Käpt'n. Hier ist noch eine Flasche für Sie und dort ist auch noch eine.“ Denn jede Flasche, die nicht auf der Straße liegt, ist eine potentielle Gefahr weniger. Und für den Flaschensammler bedeutet es ein Einkommen. Geben und Nehmen.

Das Flaschensammeln hat Hardy vor über einem Jahr allerdings aufgegeben – er wollte sich mehr dem Schreiben zuwenden. Er lächelt. Das Schreiben, das ist ihn auch stete Erinnerung an sein Viertelleben. „Als ich das Gedicht 'You need God' schrieb, saß ich mit der Straßenzeitung vor dem Netto bei der Schauburg.“ Der Käpt'n prägt den Stadtteil, so wie der Stadtteil ihn einst prägte. Vielleicht auch dadurch, dass er trotz allem das Lachen nie verlernte. Auch wenn das Lachen manchmal etwas verstecken soll, was tief verborgen liegt; etwas das Hardy – wie er sagt – „bis zur Bahre“ verfolgen wird. Hardy, der Käpt'n des Viertels und ein Urgestein. Einer, der es schafft. Irgendwie.

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