Bergungsarbeiten in Bremerhaven Der Kampf um die "Seute Deern"

Die Bergungsarbeiten laufen. Viele Bremerhavener und Bremer pilgern zurzeit zur „Seute Deern“. Einige nehmen Abschied, andere kämpfen um eine Zukunft für das Schiff.
10.09.2019, 19:00
Lesedauer: 6 Min
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Der Kampf um die
Von Marc Hagedorn

Sie sind so oft hier im Alten Hafen gewesen, dass sie irgendwann mit dem Zählen aufgehört haben. Heute aber könnte es sein, dass Hildegard und Hanno Hilbrans zum letzten Mal hier sind. „Wir sind gekommen, um Abschied zu nehmen“, sagt sie. Abschied von der „Seuten Deern“, dem stolzen, oder muss man sagen, dem einst stolzen Wahrzeichen der Stadt Bremerhaven. Hinter der „Seuten Deern“, 100 Jahre alt und auf Hochdeutsch „süßes Mädchen“, liegen die schlimmsten Wochen ihres Lebens. Erst hat sie Anfang des Jahres gebrannt, nun ist sie Ende August auf den Hafengrund gesunken. „Uns blutet das Herz“, sagt Hildegard Hilbrans.

Ihr Mann hat jahrzehntelang für eine Reederei gearbeitet, im Containerhafen Bremen und in Rotterdam, zuletzt ganz lange in Bremerhaven. Nun schaut er zu, wie Arbeiter, Schutzhelme auf dem Kopf, neonfarbene Westen am Körper, in einen Korb steigen, der an einem Kran hängt. Jetzt schweben sie hoch zu einem der Masten. Sie verschaffen sich ein Bild davon, wie man die „Seute Deern“ am besten bergen kann. Der Dreimaster macht einen bemitleidenswerten Eindruck. Er hat immer noch leichte Schlagseite. Der Zugangssteg ist abgebrochen, er sieht aus wie ein Haufen Metallschrott. Ölsperren sind ausgelegt. Hanno Hilbrans winkt ab. Er macht sich kaum noch Hoffnung. „Das kommt davon, wenn man jahrelang nichts tut“, sagt er.

Lars Kröger und Konrad Otten sitzen nur einen Steinwurf weit entfernt vom Hafenbecken. Sie kennen die Vorwürfe. Sie haben in einem Besprechungsraum des Deutschen Schifffahrtsmuseums Platz genommen und versuchen zu erklären, was passiert ist und wie es jetzt weitergehen soll. Otten, kaufmännischer Geschäftsführer des Museums, schildert, wie schnell alles gegangen ist an jenem verhängnisvollen Abend des 30. August, als die „Seute Deern“ havarierte. Otten berichtet von nächtlichen Telefonaten, von Sonderschichten und davon, wie aufopferungsvoll Experten, Studenten von der Hochschule und Helfer seitdem an der Mission arbeiten, die „Seute Deern“ zu retten. „Wir wollen das Schiff erhalten und sanieren, nichts anderes“, sagt Otten entschlossen.

„Ein Trauerspiel, wie man mit dem Schiff umgegangen ist“

Menschen wie die Hilbrans oder Helga Tiburski haben daran ihre Zweifel. „Ein Trauerspiel, wie man mit dem Schiff umgegangen ist“, sagt Tiburski, die in Bremerhaven geboren worden ist und heute in Bremen lebt. Genau wie die Hilbrans will sie die „Seute Deern“ noch einmal mit eigenen Augen sehen, bevor es vielleicht zu spät ist. Das klingt dramatisch, und das ist es auch.

Geschäftsführer Otten und Projektleiter Kröger wollen die Probleme nicht kleinreden. „Man sitzt wie auf heißen Kohlen“, sagt Kröger über die Ungewissheit. Kein Mensch weiß, was passiert, wenn die „Seute Deern“ erst einmal am Haken hängt und hochgehoben wird. Es kann alles gut gehen. Das 75 Meter lange Schiff kann aber auch zerbrechen. Die Hoffnung: Es geht gut, denn seit der vergangenen Generalüberholung besitzt die „Seute Deern“ einen Stahlkiel. Die Sorge: Besagte Generalüberholung ist fast 20 Jahre her. „Das ist jetzt die Quittung“, sagt Helga Tiburski unten am Hafenbecken.

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Otten und Kröger können verstehen, dass die Menschen, die in diesen Tagen hier raus zum Alten Hafen kommen, sehr emotional reagieren. Bremerhavener haben auf diesem Schiff geheiratet, sie haben hier gefeiert oder sind zum Essen ins Bordrestaurant eingekehrt. „Wind, Wellen, Deiche, Fische und alte Schiffe – das ist es, was die Leute sehen wollen, wenn sie hierher kommen“, sagt Kröger. Aber es gibt da ein Problem: So ein Schiff, noch dazu so alt wie die „Seute Deern“ und aus Holz, will unterhalten werden. Und dann gibt es in Bremerhaven ja auch noch die „Elbe 3“, den Walfänger „Rau IX“, den Binnenschlepper „Helmut“ und die „Seefalke“.

Das Geld ist knapp

Kröger erzählt jetzt, wie ihnen kürzlich ein Schiff für den Museumshafen angeboten wurde. Der Betreiber, ein anderes Museum, habe die Kosten für den Unterhalt einfach nicht mehr stemmen können. So ist das in der Branche: Die Herausforderungen sind groß, aber das Geld ist knapp. Dabei steht für Otten und Kröger fest: „Bremerhaven ohne die ,Seute Deern' – unvorstellbar.“ Köln hat seinen Dom, Berlin das Brandenburger Tor, Bremerhaven die „Seute Deern“. So sehen sie das hier, und deshalb hätten sie in der Vergangenheit ja auch getan, was möglich war. Haben im Rumpf sechs Pumpen installieren lassen, die täglich bis zu 150.000 Liter Wasser abpumpten, das durch Spalten eindrang. In einem nächsten Schritt sollte im Herbst ein sogenanntes Lecksegel um die Außenhaut gespannt werden. Aber das ist nun hinfällig.

Bis heute ist unklar, was den Wassereinbruch in den Schiffsrumpf ausgelöst hat. Sind es Spätfolgen des Brandes vom Februar? Klar ist nur, dass die Pumpen ihren Dienst nicht getan haben. Aber warum? Jetzt stehen Millionensummen im Raum, wenn über die Zukunft des Schiffes geredet wird. 1,4 Millionen Euro sind im Mai von Bund, Land und Stadt bewilligt worden, um die Sanierung zu planen.

Für die Bergung sind vergangene Woche 1,1 Millionen Euro von der Politik in Aussicht gestellt worden. 90 Prozent kommen vom Land Bremen, zehn Prozent von der Stadt Bremerhaven. Kröger erzählt, wie er und Otten am vergangenen Dienstag den entscheidenden Termin mit den Mitgliedern des Lenkungsausschusses gehabt hätten. Er berichtet von großer Betroffenheit über die Ereignisse bei allen Beteiligten, aber gleichzeitig auch von großer Entschlossenheit, jetzt schnell etwas zur Rettung des Schiffes zu unternehmen.

Das sagt sich leichter, als es getan ist. Am Tag nach der Bereitstellung der Million ist Schietwetter. Damit hat sich, wer in Bremerhaven lebt, normalerweise arrangiert. Doch in diesen Tagen fürchtet man den Regen und den Wind. Er erschwert die Rettungsarbeiten. Eigentlich hätte die „Seefalke“, ein ausrangierter Schlepper, schon Ende vergangener Woche im Hafenbecken Platz machen sollen für den Kran zur Bergung. Aber dafür war zu viel Wind. Jetzt war es am Montag so weit. „So eine Bergung“, sagt Kröger, „läuft nicht von der Stange, schon gar nicht auf dem Wasser.“ 20 Arbeitstage sind dafür veranschlagt.

Danach geht die Arbeit erst richtig los, und dann wird es wirklich teuer. Es gibt verschiedene Sanierungsmodelle. Welches zum Zuge kommt, entscheidet sich erst, wenn der Schaden am Schiff genau taxiert werden kann. Geht es nach Otten und Kröger soll die „Seute Deern“ auf einer gläsernen Werft saniert werden. Besucher sollen die Möglichkeit haben, hautnah den Fortschritt der Arbeiten zu verfolgen.

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Die gläserne Werft, da sind sich die Macher sicher, wäre ein Anziehungspunkt für noch mehr Touristen. Mehr als 30 Millionen Euro würde dieses Projekt kosten. Bund, Land, Stadt, das Schifffahrtsmuseum selbst – wer soll, wer kann das zahlen? Unten am Hafenbecken sagt Helga Tiburski, dass sie bereit sei, selbst Geld zur Rettung der „Seuten Deern“ zu geben, „ich würde sogar vierstellig spenden“, sagt sie. Ehepaar Hilbrans erinnert sich an die Seute-Deern-Taler, die man einst erwerben konnte, um den Unterhalt des Schiffes zu unterstützen. Warum nicht wieder so etwas machen? „In jedem richtigen Bremerhavener Haushalt dürfte es diese Taler heute noch geben“, sagt Hildegard Hilbrans, „wir haben unsere jedenfalls immer noch.“

Hildegard und Hanno Hilbrans diskutieren noch einen Moment weitere Rettungsszenarien mit Helga Tiburski. Dann ist es Zeit, weiterzugehen, die nächste Regenwolke rückt an. „Vielleicht sieht man sich noch einmal wieder“, sagt Helga Tiburski zum Abschied, „zur Trauerfeier.“

Info

Zur Sache

Das ist die „Seute Deern“

Die „Seute Deern“ hat viel gesehen in ihrem Leben. Gebaut wurde sie als „Elisabeth Bandi“ 1919 in Mississippi, ein Reeder holte sie nach Finnland, ehe sie 1938 in Hamburg anlegte. Ursprünglich als Holztransporter genutzt, war sie fortan Schulschiff, Hotel- und Restaurantschiff und später Jugendherberge. Seit 1966 hat sie ihren Liegeplatz im Alten Hafen in Bremerhaven. Die Stadt schenkte die „Seute Deern“ 1971 dem Deutschen Schifffahrtsmuseum zu dessen Gründung. Seit 2005 steht sie unter Denkmalschutz. Berühmt ist das Schiff wegen seiner Gallionsfigur, ein in hamburgische Tracht gekleidetes blondes Mädchen. Die Deutsche Post setzte ihr 2003 in einer Sonderreihe ein Denkmal und brachte sie als Briefmarke heraus.

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Anmerkung der Redaktion:

Das Schicksal der „Seuten Deern“ in Bremerhaven bewegt die Menschen, und auch die Politik beschäftigt sich intensiv mit der Zukunft des havarierten Schiffes im Alten Hafen. Es geht um die Bereitstellung von 1,1 Millionen Euro zur Bergung des Dreimasters. Dieses Geld ist in Aussicht gestellt, aber anders als es in unserem Bericht „Der Kampf um die ,Seute Deern'“ in einer früheren Version geschrieben stand, noch nicht bewilligt. An diesem Mittwoch tagt der Hafenausschuss zu dem Thema, am Donnerstag der Wissenschaftsausschuss. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. (mhd)

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