Linguistik-Professor Hans Krings erklärt bei „Wissen um elf“, wie das Schreiben leichter wird Der Kampf um jedes Wort

Erzählen fällt den Menschen leicht, aber schreiben ist für die meisten schwierig. Es wird um jedes Wort gerungen, um jede Formulierung gekämpft. Doch es gibt Methoden und Strategien, um das Schreiben leichter zu gestalten. Die stellte Hans Krings bei "Wissen um elf" vor.VON SOLVEIG RIXMANN
17.09.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Solveig Rixmann

Erzählen fällt den Menschen leicht, aber schreiben ist für die meisten schwierig. Es wird um jedes Wort gerungen, um jede Formulierung gekämpft. Doch es gibt Methoden und Strategien, um das Schreiben leichter zu gestalten. Die stellte Hans Krings bei "Wissen um elf" vor.VON SOLVEIG RIXMANN

Altstadt. Eine Einkaufsliste oder E-Mail an Freunde schreibt sich schnell und ist keine große Herausforderung. Bei einer Urlaubspostkarte sieht das schon anders aus. Und eine Rede, ein Geschäftsbericht, ein paar persönliche Zeilen zur Hochzeit oder einem Todesfall erscheinen oft als unüberwindbare Hürden. "Der Kampf mit dem leeren Blatt", wie Hans Krings den Titel seines Vortrags wählte, kann überwunden werden. Im Haus der Wissenschaft erklärte der Linguistik-Professor, mit welchen Strategien man Worte zu Papier bringen kann.

"Es betrifft auch die Profis", betonte Hans Krings, beispielsweise Professoren, Journalisten und Schriftsteller. Auch für sie sei das Schreiben mühevolle, beschwerliche Arbeit. Selbst Literaturnobelpreisträger hätten da ihre Probleme. John Steinbeck etwa hatte stets Angst vor der ersten Zeile. Im schlimmsten Fall kommt es sogar zu einer Schreibblockade. Darunter gäbe es viele Abstufungen. Häufig drücke man sich und schiebe das Schreiben immer wieder auf, stellte Krings fest.

Die Schreibforschung sei eine noch junge Wissenschaft. Das interdisziplinäre Forschungsfeld verbindet Linguistik und Psychologie. Erforscht werde zum Beispiel, wie das Schreiben abläuft, wie das Medium den Prozess beeinflusst, welche Probleme auftreten oder mit welchen Techniken diese überwunden werden können. Videoaufzeichnungen, Tastaturprotokolle, Augenbewegungsmessungen, lautes Denken oder Screen-Cam-Programme: All das wird zur Erforschung des Schreibprozesses eingesetzt.

Hans Krings ist seit 1999 Professor für Angewandte Linguistik (Sprachwissenschaft) an der Uni Bremen. Er leitete dort das Projekt mit dem Titel "Verbesserung der Schreibkompetenz von Studierenden", das vom Senator für Bildung und Wissenschaft des Landes Bremen gefördert wurde.

Laut Krings ist das Schreiben ein extrem komplexer Vorgang, bei dem eine Vielzahl von Teilprozessen kombiniert und koordiniert werden müssen – Textform wählen, Recherche von Informationen, Überschriften wählen, sprachliche Richtigkeit, Umfang beachten, motorisches Tippen und Tippfehler vermeiden gehörten dazu. Ein Viertel der Zeit, die für das Schreiben gebraucht werde, sei motorischer Aufwand – also das Tippen des Textes – der Rest sei kognitiv.

"Die meisten Schreiber wollen zu viel gleichzeitig", sagte Krings. Dann laufe der Prozess unrund oder breche ganz zusammen. Er rät, den Schreibprozess in acht Hauptphasen zu unterteilen. Zuerst liege der Fokus auf der Botschaft. In der Vorbereitung werde das Arbeitsumfeld hergerichtet und man motiviere sich, in der Planungsphase würden die Grundentscheidungen getroffen, während der Recherche die Ideen entwickelt und Material gesammelt, die dann strukturiert würden. Erst danach sollte man sich auf die Form konzentrieren: formulieren, revidieren und gestalten.

Und wenn es dennoch nicht klappt? "Bleiben Sie im Schreibfluss", riet Hans Krings. Bei der Keep-writing-Strategie sei es am wichtigsten, etwas auf das Blatt zu bekommen. Mängel sollten bewusst in Kauf genommen werden. Quantität ginge hier vor Qualität. Um den Druck zu mildern, doch gleich revidieren oder korrigieren zu müssen, könne man beim Schreiben die Textstellen markieren, die später bearbeitet werden sollen. Nicht lösbare Probleme sollten, mit einem Platzhalter markiert, einfach übergangen werden.

Referent empfiehlt Rituale

Wer gar nicht weiterkomme, schreibe an einer anderen Stelle im Text weiter. "Es gibt wenig Texte, die von der ersten bis zur letzten Zeile geschrieben werden", sagte Krings. Es könne auch helfen, über das Thema zu erzählen und dies mit einem Tonträger aufzunehmen. Es sei ein häufiger Fehler, dass man mit dem Anfang anfange, erklärte Krings. Denn gerade der sei besonders schwierig. Im Text gäbe es Stellen, die einfacher seien, da sollte man anfangen.

Der Referent empfahl Rituale für den Beginn einer Schreibsitzung. Damit meint er nicht, Butterkekse zu essen oder im Sozialen Netzwerk zu surfen. Ein Ritual sei etwas Individuelles, damit man sich nicht weiter vor dem Schreiben drückt. Auch die Schreibumgebung müsse stimmen. Truman Capote schrieb am liebsten im Bett, der Dichter Blaise Cendrars brauchte ein Zimmer ohne Aussicht, und Victor Hugo schrieb nackt.

Mit einem Team der Uni Bremen hat Krings den "Schreibcoach" entwickelt. Infos unter www.bremer-schreibcoach.uni-bremen.de.

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