Ein tierisches Geschenk und seine Folgen Der Kapitän und die Königin von Hannover

Ein Rönnebecker Kapitän, ein Pudel und die Königin von Hannover: Das scheint Stoff zu sein, aus dem ein zünftiges Seemannsgarn gesponnen wird. Aber die hier folgende Geschichte hat sich tatsächlich so zugetragen. Sie ist durch zwei Briefe und mündliche Überlieferung belegt.
10.03.2012, 05:00
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Von Ulf Fiedler

Ein Rönnebecker Kapitän, ein Pudel und die Königin von Hannover: Das scheint Stoff zu sein, aus dem ein zünftiges Seemannsgarn gesponnen wird. Aber die hier folgende Geschichte hat sich tatsächlich so zugetragen. Sie ist durch zwei Briefe und mündliche Überlieferung belegt.

Rönnebeck. Der Kapitän Louis Wieting (1819 bis 1883) war einer der zahlreichen Wietings, die fast alle mit der Seefahrt zu tun hatten. Louis Wietings Familie wohnte in einem großzügigen Haus an der heutigen Kapitän-Dallmann-Straße in Höhe der Blumenthaler Fähre. Er hatte das Haus von dem Fabrikanten Frerichs gekauft. Der Kapitän selbst war meistens auf großer Fahrt unterwegs. Das bekannteste Schiff unter seiner Führung war die 1833 in Baltimore erbaute "Otaheiti", ein Vollschiff mit 360 Last Tragfähigkeit, vom Bremer Südsee- Verein bereedert.

Der stattliche Dreimaster war als Walfänger ausgerüstet. Fangreisen führten unter Wietings Führung bis an die Packeisgrenze der Antarktis. Nach Norden ging es in die Beringsee und den Ochotzkischen Meerbusen. Als der Walfang weniger ertragreich wurde, segelte die "Otaheiti" durch den Pazifik, nach Honolulu, nahm auch Ladung in Japan und China auf.

Bei einem Landgang in Japan kaufte der Kapitän einen Seidenpudel. Er nannte ihn "Jenny". Damit besaß er einen treuen Begleiter auf den langen Segeltörns.

Nun war Wieting wie viele alte Blumenthaler ein überzeugter Anhänger des Hannoverschen Königshauses. Der blinde König Georg V. regierte von 1851 bis 1866, also bis zur Annexion Hannovers durch die Preußen.

Louis Wieting war befreundet mit dem königlichen Hofkassierer O. H. Vöge. Heute würde man ihn wohl Finanzminister nennen. Jedenfalls besuchte man sich gegenseitig. Bei einem gemeinsamen Spaziergang Wietings mit Vöge 1851 in den Herrenhauser Gärten - zu denen Vöge wegen seiner Stellung bei Hofe Zugang hatte - war natürlich auch der Pudel "Jenny" dabei.

Die beiden Freunde waren so in ein Gespräch vertieft, dass sie nicht merkten, wie ihnen drei vornehme Damen aus einiger Entfernung folgten. Erst als sich die Damen entzückt über den Pudel äußerten, wurden die Freunde aufmerksam. Vöge drehte sich um und erkannte die Damen, die jetzt unmittelbar hinter ihnen stehen geblieben waren und den Pudel zu sich lockten. Vöge trat bis an den Rand des Weges auf die Grasfläche, zog seinen Hut und verneigte sich tief.

Er erkannte die Königin Marie von Hannover mit ihren Hofdamen, die nun den Pudel streichelte. Der Kapitän stellte sich kurz vor. Ihm waren die Damen gleichgültig und das Hofzeremoniell lästig. Energisch rief er seinen Pudel zurück. Eine der Damen fragte, ob er den Pudel gegen einen guten Preis hergeben würde?

Unwillig und schroff antwortete Wieting: "Niemals!" Die Dame ließ nicht locker und fragte: "Ist ihre Jenny auch dann nicht zu haben, wenn die Königin von Hannover sie darum bittet?" "Dann wäre es mir eine Ehre, meiner Königin den Pudel zu schenken", entgegnete Wieting spontan. "Und die bin ich, Herr Kapitän!"

Jetzt erst erkannte Louis Wieting, wen er vor sich hatte. Nun war guter Rat teuer. Die Königin setzte ihren Spaziergang mit den Hofdamen fort und überließ es ihrem bewährten Hofkassierer, mit Wieting zu verhandeln.

Der Kapitän nahm seine "Jenny" zunächst wieder mit nach Rönnebeck. Ende Oktober 1855 erhielt er einen Brief von seinem Freund Vöge:

"Mein lieber Wieting!

Ihre Majestät die Königin wünscht nun dennoch ihre Jenny zu besitzen. Allerhöchst dieselbe hat mich nämlich fragen lassen, ob der Hund zu haben sei, und im Vertrauen darauf, dass Sie dieses liebe Tierchen ursprünglich ja bereits ihrer Majestät versprochen hatten, habe ich erklärt, dass Sie dasselbe sofort ihro Majestät zu Füßen legen würden."

Nach Erhalt dieses Briefes stand für den wackeren Rönnebecker fest: Er hatte zu seinem Wort zu stehen und seine verehrte Königin sollte den Pudel bekommen.

Seine Jenny wurde nach Württemberg geschafft, wo die allerhöchsten Herrschaften gerade kurten. Beim Eintreffen in Kirchheim ließ sich die gesamte Königsfamilie mit dem Pudel fotografieren.

Das Bild wurde den Wietings nach Rönnebeck zugesandt. Die Königin war über den Pudel so beglückt, dass sie ihren Hofkassierer mit folgendem Schreiben beauftragte:

"Mein lieber Kapitän!

Ihre Majestät die Königin haben die Gnade gehabt, mir durch den Herrn Major von Issendorf den in dem beikommenden Kästchen mit dem Namens-Chiffre ihrer Majestät gezierten Brillantring mit dem allerhöchsten Befehl aushändigen zu lassen, Ihnen denselben in dankbarer Anerkennung ihrer gütigen Bereitwilligkeit, mit welcher sie die teuere "Jenny" ihrer Allerhöchsten Majestät überlassen haben, zuzusenden.

Ich entledige mich dieses Befehls mit der ergebendsten Bitte, mich über den Empfang des Cadeaus baldfälligst in Kenntnis zu setzen.

Ihr ganz ergebener

O.H. Vöge"

Louis Wieting war natürlich sehr stolz auf diesen Brillantring mit königlichen Insignien und verfügte, dass derselbe nach ihm nur in der Reihe der Namensträger der Familie weiter vererbt werden sollte. Sein letzter festzustellender Besitzer war ein Kurt L. Wieting in New York.

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