Architekt und Designtheoretiker Friedrich von Borries über aufgeheizte Städte und dreidimensionale Gärten

„Der Klimawandel kommt bei uns an“

Der Berliner Architekt und Designprofessor Friedrich von Borries beschäftigt sich mit der Bedeutung von Grünflächen und Freiräumen. Heute ist er zu Gast in Bremen und hält bei einer Podiumsdiskussion einen Vortrag über Konzepte von Städten gegen den Klimawandel.
26.11.2014, 00:00
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„Der Klimawandel kommt bei uns an“

Heute um 18 Uhr ist Friedrich von Borries auf Einladung der Grünen im Alten Fundamt und spricht zum Auftakt einer Podiumsdiskussion über klimagerechte Städte.

Thomas Schweigert, Friedrich von Borries

Der Berliner Architekt und Designprofessor Friedrich von Borries beschäftigt sich mit der Bedeutung von Grünflächen und Freiräumen. Heute ist er zu Gast in Bremen und hält bei einer Podiumsdiskussion einen Vortrag über Konzepte von Städten gegen den Klimawandel. Sara Sundermann hat zuvor mit ihm über Ideen für die Stadt von morgen gesprochen.

Die Gesellschaft verändert sich, das verändert auch den Stadtraum. Was wird in der Stadt der Zukunft anders sein?

Friedrich von Borries: Ein Aspekt ist, dass sich der Verkehr verändern wird. Wir sehen in fast allen europäischen Städten, dass der individuelle Autoverkehr zurückgeht: Die Leute fahren mehr Fahrrad, gehen häufiger zu Fuß und nutzen stärker öffentliche Nahverkehrsmittel.

Sie plädieren für den Rückbau von Straßen – was stellen Sie sich konkret vor?

An vielen Orten, wo wir heute sechs Spuren haben, werden in Zukunft vier Spuren ausreichen. Darüber, wie breit unsere Straßen sein müssen, kann man heute schon nachdenken, aber in zwanzig Jahren wird das eine ernsthafte Aufgabe sein.

Was könnte man mit der Fläche machen, die durch schmalere Straßen frei würde?

Man kann dort Radwege anlegen, Bäume pflanzen oder die frei werdende Fläche in dicht bebauten Wohnflächen als Vorgärten nutzen. Man wird schon überall weiterhin Straßen haben, allein schon, damit Krankenwagen und Feuerwehr alle Orte gut erreichen können. Aber man kann darüber nachdenken, ob weniger befahrene Straßen wirklich asphaltiert sein müssen oder ob sie auch eine andere Oberfläche haben können, in der Wasser versickern kann.

In Bremen wurden zuletzt bereits einzelne Straßen in Findorff verschlankt, damit dort das Wasser bei Starkregen besser versickern kann...

Ja, manches kann man schon heute ausprobieren. Und wie Stadtraum anders aussehen kann, lässt sich heute schon bei Projekten wie „Paris Plage“ erleben, wenn eine Schnellstraße an der Seine während der Sommerferien zum Strand wird. Und wenn die Autos in Zukunft weniger werden, werden auch Parkplätze anders nutzbar. In den USA gibt es schon jetzt einen sogenannten Parking Day. Dabei werden einmal im Jahr Parkplätze bespielt: mit Gärten, kleinen Sportfeldern oder Festivals. Mit solchen Projekten kann man Leute begeistern und gute Bilder erzeugen, die einen Weg in die Zukunft weisen können.

Auf welche Veränderungen in den Städten sollten wir uns noch einstellen?

Wie die Stadt der Zukunft aussieht, hängt stark von den politischen Rahmenbedingungen ab. Die Bevölkerungsentwicklung in Europa wird von der Flüchtlingspolitik bestimmt. Eine Zukunftsvariante sind geschlossene Grenzen und eine überalternde Gesellschaft – das würde zu schrumpfenden Städten führen. Eine zweite Variante ist, dass wir anders mit Migration umgehen – dann werden wir in Zukunft vielleicht dynamisch wachsende Städte erleben.

Welche Themen werden wichtiger?

Der Klimawandel kommt bei uns an. Das ist vielleicht weniger stark ein Problem für Bremen. Aber Frankfurt zum Beispiel hat mit seinen Hochhäusern schon jetzt ein Hitzeproblem. Das verstärkt sich dadurch, dass die Sonne sich in den Glasfassaden der Bürotürme spiegelt. Die Belüftung von Städten wird ein wichtiges Thema. Vor fünfzig Jahren hat man Städte für den Autoverkehr umgebaut – nun werden Städte Flächen schaffen, um für Kühlung zu sorgen.

Sie denken auch an begehbare begrünte Dächer – ein Vorschlag, der auch für Bremen interessant sein könnte...

Diese Idee ist nicht mehr weit entfernt: Wenn ein neues Gebäude entsteht, kann man das Dach grün und öffentlich zugänglich machen. Entstehen mehrere solcher grünen Dächer nebeneinander, dann baut man vielleicht irgendwann Brücken, um die Dächer miteinander zu verbinden: Es entsteht eine zweite Stadtebene.

In Bremen wurde zuletzt viel über Grünflächen gestritten: Über eine mögliche Bebauung der Osterholzer Feldmark, über die Kleingärten, über die Teilbebauung des Stadtwerders. Nehmen die Debatten über Grünflächen zu?

Ja, diese Debatten werden mehr, das lässt sich in allen Städten beobachten.

Bremen setzt auf Innenstadtverdichtung: Die Stadt soll sich nicht weiter ins Umland fräsen, sondern im Zentrum verdichten. Damit sind zum Teil Grünflächen in der Stadt von Bebauung bedroht. Wie stehen Sie zur Innenstadtverdichtung?

Ich finde Innenstadtverdichtung sehr sinnvoll. Fußläufige Wege, Radverkehr, sozialer Austausch und Mischung – das funktioniert nicht am ausgefransten Stadtrand. Es geht schon um eine Renaissance der Innenstadt. Aber Verdichtung kann verschiedene Formen annehmen. Man kann sich fragen, ob wir wirklich so viele Einkaufs- und Büroflächen brauchen, wie wir zum Teil in Innenstädten haben. Man könnte stärker auf Mischung setzen. Und es gibt viele Freiräume, die noch nicht erschlossen sind. Denkbar sind Grünflächen neuen Typs, zum Beispiel dreidimensionale Parks, die in die Höhe wachsen. Das gestalterische Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft. Es ist eine spannende Aufgabe für Architekten, dafür Visionen zu entwickeln.

Was ist Ihr persönlicher Lieblingsfreiraum in der Stadt?

Der Himmel. Man kann ihn von vielen Orten aus sehen, er ist immer da. Aber er ist immer weit weg.

Zur Person: Friedrich von Borries ist Architekt und Autor und lehrt Designtheorie in Hamburg. 2008 war er Generalkommissar für den deutschen Beitrag auf der Architekturbiennale. Mit seinem Projektbüro entwickelte er Konzepte für Grünflächen in Berlin und in Frankfurt.

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