OBJ-Dok-nr: 00001748 Der Koloss von Gröpelingen

Das Objekt hat die schmucklose Bezeichnung OBJ-Dok-nr: 00001748, aber Bremens oberster Denkmalpfleger kommt trotzdem sofort ins Schwärmen, wenn er diese Kennung sieht; geht es doch um „eines der bedeutendsten Industriedenkmäler der Stadt, um eine der markantesten Landmarken im Hafenbereich.
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Der Koloss von Gröpelingen
Von Gesa Below

Das Objekt hat die schmucklose Bezeichnung OBJ-Dok-nr: 00001748, aber Bremens oberster Denkmalpfleger kommt trotzdem sofort ins Schwärmen, wenn er diese Kennung sieht; geht es doch um „eines der bedeutendsten Industriedenkmäler der Stadt, um eine der markantesten Landmarken im Hafenbereich, um Europas größten Backsteinbau – na ja, auf ein paar Zentimeter will ich mich nicht festlegen“, sagt Georg Skalecki, Chef der Landesdenkmalpflege, „aber „ja, eines der größten, das stimmt schon“.

Kolossal, gigantisch – auf jeden Fall unübersehbar: Die Getreideanlage in der Getreidestraße in Gröpelingen, mit korrektem Namen Getreideverkehrsanlage (GVA), ist tatsächlich eines der markantesten Wahrzeichen Bremens, und sie war lange Zeit eine der modernsten Umschlagsanlagen der Welt.

Vor wenigen Wochen hat diese Riesenanlage den Besitzer gewechselt. Nach einem von der Wirtschaftsförderung Bremen (WFB) öffentlich ausgeschriebenen Verkaufsangebot erhielt die J. Müller AG aus Brake, die im Holzhafen schon einen Terminal für Rohkaffeelogistik und den Umschlag von Futtermitteln betreibt, vor Kurzem den Zuschlag, oder wie es ganz amtlich von Seiten der Wirtschaftsförderung heißt: Der Haushalts- und Finanzausschuss hat dem Verkauf der Anlage an die J. Müller AG am 4. November 2016 zugestimmt. Gegenwärtig werden Kaufvertrag und Übergabe mit den Beteiligten verhandelt. Der jetzige Pächter, der Kaufmann Dieter Wandel, hatte die Anlage seit 1999 gepachtet, zurzeit beschäftigt er „21 Festangestellte und zwischen zehn und zwölf Aushilfen, je nach Umschlagsvolumen“, wie er sagt.

„Wegen hoher Unterhaltskosten“, so die Wirtschaftsförderung, habe die Stadt Bremen den Besitz abgeben wollen. Die Anlage sei stark sanierungsbedürftig, und Bremens Denkmalpfleger Skalecki schätzt die jetzt anfallenden Kosten auf einen Betrag „in sechs- oder siebenstelliger Höhe“. Es gibt also Auflagen, sowohl vom Denkmalamt als auch von der Stadt, die beim Verkauf zur Bedingung gemacht hatte, dass es bei der GVA auch weiterhin eine „hafenwirtschaftliche Aktivität“ geben muss.

Baubeginn 1914

Was hier im Amtsdeutsch als Bedingung etwas sperrig klingt, hat eine über hundert Jahre währende Tradition. Die Planung für den Koloss aus Backstein begann im Jahr 1911. Bedarf bestand wegen des ständig steigenden Imports von Getreide aus Südosteuropa, das in Norddeutschland für die Viehmast benötigt wurde. Die Bremer Lagerhausgesellschaft (BLG) plante großzügig: Im Jahr 1914 begann der erste Bauabschnitt; Silo I wurde in zwei Jahren erbaut und gilt mit seinen imposanten Außenmaßen von 40 Metern Höhe und 200 Metern Länge als eines der größten Backsteingebäude Europas.

Eine Bauerweiterung um Silo II folgte in den Jahren 1926 bis 1931, eine für damalige Zeiten hochmoderne Technologie machte den Warenumschlag auf mehreren Ebenen möglich. An zwei überdachten Piers, die mit Bahngleisen und modernen Förderbändern ausgestattet waren, konnten bis zu vier Schiffe gleichzeitig anlegen, die Körnerfracht wurde von Saughebern entladen. Bis zu eine Million Tonnen Getreide wurde auf dem Gelände der kolossalen Anlage auf der Stadtteilgrenze von Gröpelingen und Walle in der größten Anlage Europas umgeschlagen.

Auch die Schäden und Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg, die mehrere Gebäude und vor allem die Förderanlage betrafen, haben der Wirtschaftlichkeit der Getreideverkehrsanlage lange nichts anhaben können. Es wurde umgebaut und erweitert. Die Piers, immerhin 170 Meter lang, die bis dahin auf Holzpfählen standen, bekamen einen Unterbau aus Betonpfeilern, Ende der 50er-Jahre wurden weitere Lagerschuppen errichtet, die zusammen noch mal 30 000 Tonnen fassen können.

Viel Wandel im Umfeld

Das Geschäft brummte bis in die 1990er-Jahre, dann hatte Brake den Stadtbremer Häfen den Rang abgelaufen. Der Koloss an der Getreidestraße, in direkter Nachbarschaft zu „Use Akschen“, der ehemaligen AG-Weser-Werft, wechselte den Besitzer: Die Bremer Lagerhaus Gesellschaft (BLG) übergab die Anlage wegen „ungenügender Rentabilität“ an die Stadt, die die Anlage über die kommunale Wirtschaftsförderung (WFB) unterhält. Die verpachtete das Gelände ab 1999 an den Bremer Kaufmann Dieter Wandel, der in den mächtigen Silos und Lagerhallen Getreide sowie Rohkaffee, Futtermittel und Agrarprodukte für Unternehmen in der Region einlagert.

In der direkten Nachbarschaft des Backsteinriesen wurde in die Zukunft investiert – nicht immer mit glücklicher Hand. Aus dem gescheiterten Spacepark wurde die Waterfront; Gröpelingen bekam damit ein Einkaufszentrum der Extragröße, und im Zusammenhang mit der Stadtteilentwicklung wurde auch das Landesdenkmalamt tätig. Immer wieder hatte es Begehrlichkeiten von Investoren gegeben, die Anlage „irgendwie umzunutzen“, wie Günter Reichert von der „Geschichtswerkstatt Gröpelingen“ weiß. Die Mitglieder des Vereins, der 1995 aus der „Kulturinitiative Gröpelingen“ hervorging und seitdem ehrenamtlich arbeitet, waren „immer bemüht, dass das Ding unter Denkmalschutz kommt“, sagt Reichert. „Wer weiß – die Stadt wäre vielleicht auf die Schnapsidee gekommen, da so eine Art Elbphilharmonie“ draus zu machen“, witzelt er im Nachhinein. „Pläne für eine teilweise Nutzung als Hotel waren ja schon im Gespräch…“

Auch im Gröpelinger Ortsamt freute man sich, als im Zuge der Gesamtbearbeitung der Industrie- und Hafendenkmäler, mit der im Jahr 2003 in der Überseestadt begonnen wurde, im Jahr 2006 auch „OBJ-Dok-nr: 00001748“ unter den Schutzschild des Denkmalamtes kam. Die Behörde hat immer noch konkrete Sanierungsforderungen, auch nachdem schon vor Jahren auf Kosten der Stadt der sogenannte Kopf über Speicher I repariert wurde.

„Vor allem an der Fassade zur Waterfront gibt es Steinschäden“, sagt Georg Skalecki, „hervorgerufen durch Frost und Wasser“. Dass dafür an der 200 Meter langen und 40 Meter hohen Fassade ein Gerüst angebracht werden muss: „Allein das verschlingt ja eine Menge Geld“, sagt der Denkmalschützer. In seiner Behörde „lassen wir das jetzt erst mal alles auf uns zukommen“, soll heißen: Wenn der neue Eigentümer übernommen hat, „werden wir uns wegen des Sanierungskonzeptes mit ihm zusammensetzen“.

Also alles gut für die GVA? Ortsamtleiterin Ulrike Pala ist optimistisch, dass auch nach dem Verkauf der Anlage die ursprüngliche Nutzung beibehalten wird: „Wir sind natürlich daran interessiert, dass es weitergeht“. Und Günter Reichert und Jens Zimmerling, Hobbyhistoriker der Gröpelinger Geschichtswerkstatt, formulieren ganz konkret: Man hoffe, dass die Firma Müller genauso viel Interesse an dem ursprünglichen Fortbestand der GVA hat wie der langjährige Pächter, der Kaufmann Dieter Wandel.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+