Der Bremer Künstler Ulrich Nottrodt setzt winzige Figuren in seiner Alltagsumgebung aus / Jeden Tag erfindet er eine andere Miniaturwelt

Der Kosmos des Kleinen

Es sind Einblicke in winzige Welten: Der Bremer Künstler Ulrich Nottrodt platziert Modelleisenbahnfiguren an Alltagsorten. Jeden Tag erschafft und fotografiert er eine neue Szenerie. Daumennagelgroße Taucher dippen in Schokoküsse ein, Jäger erlegen Stubenfliegen, Sportler stemmen Wattestäbchen. Nottrodt ist nicht der Einzige, der sich der Miniaturkunst widmet.
16.10.2013, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Der Kosmos des Kleinen
Von Sara Sundermann
Der Kosmos des Kleinen

Seiltanz auf der Stricknadel: Die Ballerina balanciert hinüber zum nächsten großen Wollknäuel, wo zwei Bergsteiger sich abseilen. Der Bremer Künstler und Grafikdesigner Ulrich Nottrodt braucht bei seiner Arbeit eine ruhige Hand.

Frank Thomas Koch

Es sind Einblicke in winzige Welten: Der Bremer Künstler Ulrich Nottrodt platziert Modelleisenbahnfiguren an Alltagsorten. Jeden Tag erschafft und fotografiert er eine neue Szenerie. Daumennagelgroße Taucher dippen in Schokoküsse ein, Jäger erlegen Stubenfliegen, Sportler stemmen Wattestäbchen. Nottrodt ist nicht der Einzige, der sich der Miniaturkunst widmet.

Eine gefüllte Erdnuss mutiert zum Blumenbeet für den Kleingärtner. Der Waldpilz wird zum Sonnen-Hochsitz für einen winzigen Herbstspaziergänger, und Hafenarbeiter verladen riesige Blaubeeren. Ulrich Nottrodt erschafft in seinem Atelier im Ostertor Alltagsszenerien mit einem spielerischem Blick auf die Welt. Seit Anfang Januar fotografiert der Künstler und Grafikdesigner jeden Tag einen Mikrokosmos, 365 Fotos für ein Jahr. „Meistens entsteht die Idee spontan, der Tageszufall bestimmt das Motiv“, sagt Ulrich Nottrodt.

Ein Jahr lang hat der 48-Jährige sich diese kreative halbe Stunde am Tag verordnet, so wie andere Joggen gehen oder mit dem Hund um den Block. „Miniverse“ – angelehnt an das englische „Universe“ für Universum – nennt Nottrodt die Szene, die entsteht, wenn eine wohlplatzierte Modelleisenbahnfigur einen neuen Blick auf vertraute Gegenstände erlaubt. Ein Miniversum als kleiner Kosmos, als Gegensatz zur großen Welt, dem Universum.

Skifahrer auf dem Käseteller

Mehr als 500 Figuren hat er inzwischen zu Hause gehortet. Es gibt Polizisten, Bergsteiger, Handwerker, auch Pärchen beim Sex, alle fein säuberlich in kleine Plastikschachteln verpackt. Wenn Nottrodt eine Idee hat, zum Beispiel beim Käsefrühstück, dann holt er sein Werkzeug: Mit einem Spachtel bringt er einen Tropfen Gummiklebstoff unter den Füßen der Figur an. Und dann kann es passieren, dass auf seinem Käseteller plötzlich zwei Skifahrer den Camembert hinunterflitzen. Eine gefährliche Abfahrt: Sie müssen über die Klinge springen, die des Käsemessers, das weiter unten im gelblichen Berghang steckt.

Nicht alles, was Nottrodt macht, ist niedlich: Da sitzt zum Beispiel eine Frau mit heruntergelassener Hose auf einem Flacon und pinkelt in die Parfümflasche. „Das ist eben Eau de Toilette“, sagt der Künstler.

Oder die FKK-Badegäste, die sich auf der Sonnencremetube räkeln. Oder das Pärchen, das Sex auf einem roten Lolli hat. „Leibesübungen gehören dazu“, sagt Ulrich Nottrodt. „Die Szenen sind nicht immer süß und lieb, es kann auch mal ganz schön frech werden.“ Die Idee für seine Miniversen wurde durch mehrere Erlebnisse angestoßen. Zum einen war Nottrodt im Hamburger Miniatur-Wunderland in der Speicherstadt unterwegs. Die größte Modelleisenbahn der Welt hat ihn fasziniert: „Da kann man stundenlang unterwegs sein, ohne sich zu langweilen.“ Andererseits bekam er im Adventskalender von seiner Freundin 24 Figuren geschenkt, mit denen er zu experimentieren begann.

Seit 20 Jahren ist Nottrodt in Bremen. Er arbeitet als Grafikdesigner vor allem an Mitarbeiterzeitungen, Kundenmagazinen. Die Grafik ist sein Standbein, die Kunst sein Spielbein, sagt Nottrodt. In den Ferien arbeitet er als Holzbildhauer, und in diesem Jahr hat er die Kunst eben als 365-teilige Fotoserie in seinen Alltag integriert.

Er ist nicht der einzige, der vom Kosmos des Kleinen fasziniert ist. Derzeit tummeln sich immer mehr Miniaturkünstler auf der Weltbühne. Besonders bekannt wurde der britische Straßenkünstler Slinkachu, der ebenfalls Modelleisenbahnfiguren benutzt und sie draußen im Stadtraum aussetzt, wo Passanten sie finden könnten. Slinkachu zeigt urbane Dramen: Eine Exhibitionistin entblößt sich auf einem Zigarettenstummel, ein Spaziergänger wird von einer Sicherheitsnadel durchbohrt.

Der US-Fotograf Christopher Boffoli und der Pariser Künstler Vincent Bousserez arbeiten ebenfalls mit Modellfiguren. Der Brasilianer Dalton M. Ghetti schnitzt winzige Skulpturen aus Bleistiftminen.

Auf die Spitze treibt es der Brite Willard Wigan: Seine Kunst ist nur noch unter dem Mikroskop erkennbar. Er hat für seine Arbeit eine spezielle Atemtechnik entwickelt, um die Werke nicht zu zerstören. Seine Skulpturen passen in ein Nadelöhr.

Es gibt also viel zu entdecken. Ab kommender Woche lässt sich die Miniaturkunst von Ulrich Nottrodt in Bremen betrachten. Eine Ausstellung seiner Bilder wird am Freitag im CDU-Haus am Wall 135 eröffnet.

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