Mit 81 Jahren noch im Einsatz Der Krückstock ist noch sehr weit entfernt

Für Wolfgang Hartwig vom Vegesacker Turnverein hat alles im Jahre 1966 mit dem ersten Bremer Volkslauf angefangen.
01.01.2018, 17:47
Lesedauer: 4 Min
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Von Karsten Hollmann

Vegesack. Es gibt sicherlich nur ganze wenige Sportler, die auch mit 81 Jahren noch regelmäßig an Laufwettbewerben teilnehmen. Zu diesen gehört Wolfgang Hartwig vom Vegesacker Turnverein. Angefangen hat alles im Jahre 1966 mit dem ersten Bremer Volkslauf. Sein damaliger aus dem Rheinland stammender Arbeitskollege Horst Risse habe bezweifelt, dass er die zehn Kilometer unter den geforderten 50 Minuten schaffen würde, so Hartwig. „Ich habe dann heimlich im Wald trainiert und die Strecke rund um den Werdersee in unter 50 Minuten bewältigt“, sagte Wolfgang Hartwig.

Seitdem hat den studierten Maschinenbauer die Lauf-Leidenschaft gepackt. 1972 absolvierte er in Dortmund-Lantrup in 3:50 Stunden mit den 50 Kilometern rund um das Schloss Cappenberg einen seiner erfolgreichsten Läufe. Unter Tausenden von Athleten belegte er damals sogar den neunten Platz in der Gesamtwertung. Den längsten Lauf bestritt der Nordbremer ausgerechnet in Blumenthal. Bei dem 55-Kilometer-Lauf handelte es sich aber nicht um einen im Bremer Blumenthal, sondern um einen in einem gleichnamigen Ort bei Ulm.

„Ich habe damals in Straßburg gearbeitet und bin fast an jedem Wochenende aufs Land gefahren, um zu laufen“, so Hartwig. Seinen letzten Wettbewerb über die 42,195 Kilometer verzeichnete der Vegesacker vor zehn Jahren beim Bremen Marathon. In einer Zeit von etwas über vier Stunden gewann er seine Altersklasse. „Die ersten drei einer jeden Altersklasse sollten im Rathaus geehrt werden. Angeblich wären wir aber zu viele gewesen. Deshalb wurde die Ehrung abgeblasen. Seitdem bin ich da nicht mehr mitgelaufen“, erklärte Wolfgang Hartwig. Die Ausrede mit dem fehlenden Platz wollte er angesichts der großen Gästezahl beim Schaffermahl oder anderen Events im großen Rathaussaal nicht gelten lassen.

Die früher mehr als 20 Aktive starke Laufabteilung des VTV ist durch Todesfälle und Erkrankungen zusammengeschrumpft. Davon kann Hartwig auch ein Lied singen, wenn er das Klassentreffen des Abschlussjahres 1950 an der damaligen ­Schillerschule und heutigen Schule Fährer Flur in Aumund organisiert. „Die früheren Mitschüler sterben alle weg wie die Fliegen“, berichtete der 81-Jährige. Er sei deshalb schon froh, wenn von den mehr als 50 Absolventen noch 16 bis 18 Leute kommen würden.

„Und die, die kommen, gehen meistens am Krückstock oder mit dem Rollator“, so Hartwig. Ihm komme nun zugute, dass er sein ganz Leben lang Sport getrieben habe. Er räumte jedoch ein, dass es ihm heute bestimmt gesundheitlich nicht so gut gehen würde, wenn er weiter als Maschinenschlosser Schiffe bei der Lürssen-Werft gebaut ­hätte. „Früher war Arbeit noch Arbeit“, gab der Haudegen zu bedenken. Den Weg zur Lürssen-Werft habe er stets laufend zurückgelegt. Während des Studiums arbeitete er auch noch zwei Jahre beim Vulkan. „Ich habe auch Jahre später immer noch nachts von meinem Zuhause gehört, wenn dort die Nieten reingepresst wurden“, informierte Hartwig.

Nach dem Studium in Bremen arbeitete Wolfgang Hartwig 27 Jahre als Maschinenbauer bei Kaffee Hag, ehe er für den Rest seines Berufslebens zur Konkurrenz von der Coffein Compagnie an der Sebaldsbrücker Heerstraße wechselte. Noch heute trinke Hartwig nur koffeinfreien Kaffee. „Schon aus dem Grunde, weil ich einen ein bisschen zu hohen Blutdruck habe. Außerdem schmeckt mir der koffeinfreie Kaffee ­ge­nauso gut.“ Sein Laufsport begleitete ihn dabei ebenso stets wie das Volleyballspielen.

Nachdem sich seine Senioren-Gruppen beim VTV sowie beim TV Grohn aufgelöst hatten, schloss er sich der FT Hammersbeck an. Hier ist Wolfgang Hartwig der älteste Teilnehmer. Die jüngsten Mitglieder sind gerade mal 18 Jahre alt. „Ich habe meinen Mitspielern gesagt, dass sie mich rausschmeißen sollen, sobald ich der Schlechteste bin.“ Da er aber im Vergleich zu so manch „jungem Ding“ sehr gut ­abschneide, müsse er seinen Rauswurf noch nicht befürchten. Weil das Netz der Aumunder auch recht niedrig sei, komme er mit seinen 178 Zentimetern auch ohne zu springen mit den Fingerspitzen an die Netzkante.

„Volleyball macht mir sehr viel Spaß. Hier gibt es wenigstens keinen Mann-gegen-Mann-Nahkampf wie beim Handball“, ließ Hartwig wissen. Seine beste Zeit im Marathon verbuchte Wolfgang Hartwig einst beim Wellener Volkslauf mit einer Zeit von 3:10 Stunden. Während es früher stets um die Ehre gegangen wäre, so locke heute häufig nur noch der schnöde Mammon: „Wenn das nötige Preisgeld ausgelobt wird, sind alle Spitzenläufer da.“ Seine Faszination am Marathon sei auch darin begründet, dass am Anfang eine ganze Masse an Läufern gemeinsam starte und am Ende nur ganz wenige vorne seien. Sein persönliches Pensum an Wettbewerben hat der Nordbremer in den vergangenen Jahren nach unten gefahren. „Es macht mir eben auch nicht so viel Spaß, immer nur allen anderen hinterherzulaufen“, sagte der Aumunder.

Den ersten Platz über die 10000 Meter in seiner Altersklasse M80 gewinnt Hartwig mangels Konkurrenz aber oft genug trotzdem. Wenn der Nordbremer Adolf Weigelt allerdings mit von der Partie ist, muss sich Wolfgang Hartwig mit dem zweiten Platz anfreunden. „Adolf ist immer schneller als ich. Wir verstehen uns dennoch sehr gut“, versicherte der Altmeister.

Weigelt habe aber auch den wesentlich höheren Trainingsaufwand vorzuweisen. „Adolf trainiert praktisch immer. Der läuft auch mit der Brötchentüte unterm Arm vom Bäcker weg“, so Hartwig. Er selbst spule derzeit nur einmal in der Woche seine vier Kilometer am Burgwall oder am Becketal entlang ab. Im Sommer erhöhe er das Pensum auf zehn Kilometer. Seine vier Jahre jüngere Ehefrau Ursula konnte er nicht mit seinem Laufvirus infizieren.

„Meine Frau ist unsportlich von Jugend an. Sie wollte noch nicht mal die 70 Meter durch unseren Garten laufen“, bedauerte Wolfgang Hartwig. Während sich „Ursel“ Hartwig mittlerweile im Fitnessstudio bewege, so hätten die beiden gemeinsamen Kinder keinen Bezug zum Sport. „Dabei ist es so wichtig, sich zu bewegen“, betonte der rüstige Rentner. Während der Feiertage lege er stets um drei oder vier Kilogramm an Gewicht zu, die er dann ganz schnell wieder auf die gewohnten 78 Kilogramm abtrai­niere. „Das Wiederanfangen fällt aber auch nach einer Krankheit immer am schwersten“, räumte der Sportler ein.

Mit seiner Frau reise er nun nur noch in den Robinson Club. Dabei flogen die Hartwigs auch nach Fuerteventura oder Süditalien. Im Sommer ist Portugal an der Reihe. Ein Ende der Laufkarriere ist auch noch ­lange nicht in Sicht. Vor allem der Lauf um den Grambker Sportparksee ist ihm ans Herz gewachsen. Dabei ziehe er noch an so manch jüngerem Kontrahenten vorbei. „Im vergangenen Jahr bin ich hier mit ein paar Mädchen gelaufen, die dann irgendwann eingebrochen sind“, sagte Hartwig. Zur Not scheue er auch einen Endspurt nicht: „Wenn es am Ende Brust an Brust geht, will ich auch um die paar Zentimeter schneller sein.“

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