In der Selbsthilfegruppe Narcotics Anonymous finden Abhängige seit 25 Jahren Halt / Feier am 13. September

Der lange Weg aus der Sucht

Narcotics Anonymous (NA) ist eine Selbsthilfegruppe von Menschen, für die Drogen und Medikamente zum Hauptproblem geworden sind. Wer mit den Drogen aufhören möchte, kann unverbindlich und kostenlos an den Treffen (Meetings) teilnehmen. In Bremen-Nord gibt es seit 25 Jahren eine NA-Gruppe.
13.09.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Der lange Weg aus der Sucht
Von Julia Ladebeck

Narcotics Anonymous (NA) ist eine Selbsthilfegruppe von Menschen, für die Drogen und Medikamente zum Hauptproblem geworden sind. Wer mit den Drogen aufhören möchte, kann unverbindlich und kostenlos an den Treffen (Meetings) teilnehmen. In Bremen-Nord gibt es seit 25 Jahren eine NA-Gruppe.

NA habe ihm das Leben gerettet, sagt Michael Müller *. Vor 20 Jahren besuchte der heute 60-Jährige zum ersten Mal ein Meeting – so nennen die Mitglieder der Selbsthilfegruppe von Narcotics Anonymous (NA, anonyme Drogenabhängige) ihre Treffen. Seither ist er clean, hat keine Drogen mehr genommen – nachdem er zuvor 25 Jahre lang „auf harten Drogen war“, wie er selbst sagt. In der Nordbremer NA-Gruppe „Aufbruch“ gehört er mittlerweile zu den Mitgliedern, die am längsten dabei sind. Am 13. September feiert die Gruppe ihr 25-jähriges Bestehen.

Narcotics Anonymous ist eine internationale und unabhängige Selbsthilfegemeinschaft von Männern und Frauen, für die Drogen zum Hauptproblem geworden sind. Im Jahr 1953 wurde die erste Gruppe in Kalifornien gegründet; quasi als Ableger der Anonymen Alkoholiker (AA). Wie bei den AA spielen auch bei den NA die sogenannten zwölf Schritte eine wichtige Rolle. Sie sollen zur Genesung beitragen und beginnen mit dem ersten Schritt: „Wir gaben zu, dass wir unserer Sucht gegenüber machtlos waren und unser Leben nicht mehr meistern konnten.“

„Die Geschichten von Drogenabhängigen unterscheiden sich von denen der Alkoholabhängigen“, erläutert Müller den Anlass für die Gründung von NA. Beschaffungskriminalität spiele bei Alkoholikern beispielsweise kaum eine Rolle in der Lebensgeschichte. 1970 gründeten in Deutschland stationierte amerikanische Soldaten die erste NA-Gruppe in Frankfurt. Zehn Jahre später entstand die erste Gruppe in Gröpelingen. Vor 25 Jahren wurde schließlich die Nordbremer Gruppe ins Leben gerufen.

„Mittlerweile gibt es wöchentlich 61 800 Meetings weltweit“, weiß Müller. In Bremen finden in den verschiedenen Gruppen täglich mindestens drei Meetings statt, so Müller, „ein Morgenmeeting und zwei bis drei Abendmeetings“. Jedes NA-Meeting ist grundsätzlich für jeden Betroffenen ohne Voranmeldung offen. Die Nordbremer Gruppe trifft sich immer dienstags, von 20 bis 21.30 Uhr in den Räumen des Drogenhilfezentrums in der Bermpohlstraße 23a.

„Die Teilnahme ist freiwillig und kostenlos“, betont Müller. Wer die Gruppen besucht, muss nicht clean sein. Bei NA sind alle willkommen, die glauben, ein Problem mit Drogen zu haben. Dabei spiele es keine Rolle, ob es sich um legale Drogen einschließlich Alkohol oder illegale Drogen handele. „Die einzige Voraussetzung ist der Wunsch, mit den Drogen aufzuhören.“

Diesen Antrieb hatte Brigitte Kranz* im Alter von 37 Jahren. Die heute 53-Jährige wurde mit 14 Jahren abhängig, „von allem Möglichen, außer Heroin“, erzählt sie. Nach dem Tod ihres Mannes war sie zur Entgiftung in einer Klinik und wurde von einer Mitpatientin mit zu ihrem ersten NA-Meeting genommen. „Da war irgendetwas, vielleicht die Stimmung oder das Gefühl in der Gruppe, das ich auch haben wollte. Ich fühlte mich zugehörig“, erinnert sie sich. Besonders das Gefühl der Zugehörigkeit fehle Drogenabhängigen oft, „weil in ihrem Leben kaum noch etwas funktioniert, auch die Ursprungsfamilie ist in vielen Fällen kaputt“. Durch die Besuche der NA-Meetings habe sie zudem erstmals nach Jahren wieder Beständigkeit erfahren. „Die Leute dort haben mir gesagt: Komm wieder. Das hat mir gut getan.“

Im Oktober ist Brigitte Kranz 16 Jahre clean. Derzeit besuchen etwa 20 Mitglieder die Nordbremer Gruppe regelmäßig. Sie alle beachten das Prinzip der Anonymität, das bei NA in allen Gruppen gilt.

Die Anonymität bedeutet für die Mitglieder Vertraulichkeit und Schutz: Es soll nicht nach außen getragen werden, wer an den Meetings teilnimmt und worüber gesprochen wird. „Wir nennen nur unsere Vornamen und jeder entscheidet selbst, was er von sich erzählen will“, erläutert Müller. „Es gibt keine Offenbarungspflicht. Wer möchte, kann sich auch einfach nur hinsetzen und zuhören. Zwänge gibt es bei uns nicht.“

Neben den zwölf Schritten sind die sogenannten zwölf Traditionen wichtig für die NA-Gruppen. Eine besagt: „Anonymität ist die spirituelle Grundlage aller unser Traditionen und soll uns ständig daran erinnern, Prinzipien über Personen zu stellen“. Eine weitere Tradition besagt, dass es die Hauptaufgabe jeder Gruppe ist, die Botschaft zu den Süchtigen zu bringen, die noch leiden. Müller: „Dabei werben wir aber nicht für NA. Unsere Lebensgeschichten sind Beispiele dafür, dass NA funktioniert.“

Michael Müller und Brigitte Kranz haben mithilfe von NA ins drogenfreie Leben zurückgefunden. „Wir haben das Glück, dass wir heute arbeiten können und ohne Drogen leben“, sagt Müller und zeigt einen schwarzen Chip, der an seinem Schlüsselbund hängt. Es ist ein sogenannter Clean-Chip, den die NA-Mitglieder für bestimmte Clean-Zeiten bekommen. „Den schwarzen bekommt man, wenn man mehrere Jahre clean ist“, sagt Müller stolz.

Das 25-jährige Bestehen der Narcotics-Anonymous-Gruppe Bremen-Nord feiern die Mitglieder mit Gästen am Sonnabend, 13. September, im Gemeindehaus St. Michael, Grohner Bergstraße 7. Von 10 bis 11.45 Uhr gibt es ein sogenanntes offenes Meeting, in dem an das erste Treffen in Bremen-Nord erinnert wird. Daran können auch Angehörige und Interessierte teilnehmen.

Nach dem Mittagessen um 12 Uhr geht es um 13 Uhr mit einem weiteren offenen Meeting zum Thema „Anziehung statt Werbung“ weiter. Im Anschluss an eine Kaffeetafel erzählen Mitglieder ab 16 Uhr im offenen Meeting über „Meine ersten Schritte in NA“.

Um 19 Uhr gibt es den sogenannten „Cleanzeit-Countdown“, bei dem die Mitglieder sich gegenseitig zu ihren drogenfreien Zeiten gratulieren. Um 20 Uhr beginnt im Gemeindehaus eine Clean-Disco ohne Drogen und Alkohol.

*Namen von der Redaktion geändert

Die NA-Gruppe „Aufbruch“ trifft sich dienstags von 20 bis 21.30 Uhr in den Räumen des Drogenhilfezentrums Bremen-Nord, Bermpohlstraße 23 a. An jeden letzten Dienstag im Monat können Angehörige und Freunde teilnehmen. Weitere Infos unter Telefon 0421 / 63 07 11.

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