40 Jahren auf dem Schulschiff Deutschland

Der Meister und seine alte Dame

Alles fließt. Alles verändert sich.Doch zunächst ging Müller-Fellmett an Land und ließ die See hinter sich. Er schrieb eine Bewerbung an die Feuerwehr in seinem Heimatort Gelsenkirchen.
28.06.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Silvia Pucyk
Der Meister und seine alte Dame

Seit Mitte der 1990er-Jahre liegt das Schulschiff Deutschland in der Lesum, die nur wenige Meter entfernt in die Weser fließt.

Christian Kosak

Alles fließt. Alles verändert sich. Die Gedanken des griechischen Philosophen Heraklit mögen einst auch Ingo Müller-Fellmett durch den Kopf gegangen sein. Der damals 18-jährige Matrose arbeitete bei Hapag Lloyd auf einem Frachtschiff und sehnte sich nach einer Veränderung in seinem Leben. Als 15-jähriger hatte er dort seine Ausbildung begonnen, doch das Wasser, die Seeluft, die Hierarchie innerhalb der Mannschaft – das alles machte ihn nicht glücklich. „Ich fragte mich damals, ob das schon alles gewesen sein sollte. Ich wollte mich entfalten“, sagt der jetzt 59-jährige Schiffsbetriebsmeister. Seit vielen Jahren jedoch arbeitet er auf dem Schulschiff Deutschland in Vegesack – und er kämpft für das Schiff.

Doch zunächst ging Müller-Fellmett an Land und ließ die See hinter sich. Er schrieb eine Bewerbung an die Feuerwehr in seinem Heimatort Gelsenkirchen. Dort wollte er seinen Neuanfang beginnen. Und tatsächlich wurde er angenommen. Dann folgte aber rasch die Ernüchterung: „Ich bekam ein Schreiben. Die Stadt Gelsenkirchen hat Einstellungsstopp.“ Aus dem Neuanfang bei der Feuerwehr wurde nichts. „Für mich war aber klar, dass es irgendwie weitergehen musste.“ Müller-Fellmett dachte über seine Ausbildungszeit nach, an die Stationen, die er damals absolviert hatte, und erinnerte sich an das Schulschiff Deutschland. Er ging wieder an Bord, arbeitete auf dem Schiff für ein kleines Taschengeld und schlief dort sogar. „Hier hat es mir langsam geschmeckt“, erinnert er sich. Auf dem Schulschiff Deutschland begann der alte, aber auch ganz neue Neubeginn von Müller-Fellmett.

Als 20-Jähriger war er soweit, dass er selbst auf dem Schulschiff junge Männer zu Matrosen ausbildete. Manche von ihnen mussten sich einem besonderen Einstellungstest stellen: Sie sollten bis ganz nach oben auf den Mast des Schulschiffes klettern, wobei ganz oben 53 Meter bedeutete. Wer von den jungen Männern nicht schwindelfrei war und seine Strecke auf den halben Mast verkürzte, hatte verloren. „Der musste seinen Seesack nehmen und gehen“, erinnert sich Müller-Fellmett.

Computer statt Manneskraft

Mit seinen Auszubildenden beobachtete er, wie sich das Schiffswesen im Laufe der Jahre veränderte: Manneskraft wurde abgeschafft und gegen Computer eingetauscht. Schiffe wurden vermarktet, um sie vor dem Verfall zu retten. „Mit der Seefahrt ging es bergab. Das ist der stetige Wandel. Man macht laufend Geschichte“, sagt Müller-Fellmett.

Sommerserie Schulschiff Deutschland

Sommerserie Schulschiff Deutschland

Foto: Christian Kosak

An Bord des Schulschiffes Deutschland kamen nicht mehr Männer, die Matrosen werden wollten, sondern Langzeitarbeitslose, Drogensüchtige und Schulverweigerer, die das Arbeitsamt schickte. Müller-Fellmett erinnert sich an einige von ihnen, die anfangs kaum stillhalten konnten, an Bord aber lernten, kunstvolle Seemannsknoten zu binden. „An Bord eines Schiffes kannst du nicht weglaufen. Hier bist du nicht anonym, sondern Teil einer Einheit. Es ist ein bisschen familiär, fast so wie unter Freunden“, sagt Müller-Fellmett. Einige schafften es, ihr Leben in den Griff zu bekommen, andere nicht.

Müller-Fellmett wollte ihnen helfen, wieder selbstständig zu werden. Vor allem wollte er aber die alten Erfahrungen rund um die Schiffsfahrt an andere weitergeben und so für die Zukunft bewahren. “Es geht viel Wissen verloren“, sagt er. Genau dieses Wissen brauche man aber, um auch Schiffe wie das Segelschulschiff Deutschland zu erhalten. „Dem Schiff hier gehört meine ganze Kraft“, sagt Müller-Fellmett und ballt seine Hand zu einer Faust.

In seinem roten Arbeitsanzug geht er über das Deck des Schiffes und beginnt davon zu erzählen, dass der Boden aufgedoppelt wurde, der Originalboden sich also unter dem sichtbaren Boden befindet. Frauen mit Stöckelschuhen hätten generelles Verbot, das Schiff zu betreten, da sonst der Boden Schaden nehme. Er berichtet, dass eines der vier Steuerräder in der Werkstatt des Schiffes liegt, um es frisch zu lackieren. Es gehe ihm um die Liebe an der Sache und für die Sache. Wenn er am Heck des Schiffes angelangt ist, könne er am Bug mit den Arbeiten wieder anfangen.

Er fährt sich über seinen Schnurrbart und sagt, er habe in seinem Leben noch nie gebettelt, außer wenn es um den Erhalt des Schulschiffes Deutschland gehe. „Ich bin ein Kämpfer für dieses Schiff“, sagt er. Es sei richtig gewesen, mit der Seefahrt aufzuhören und sich stattdessen um die alte Dame, wie er das Schulschiff nennt, zu kümmern.

Sommerserie Schulschiff Deutschland

Sommerserie Schulschiff Deutschland

Foto: Christian Kosak

Auch wenn das Schiff schon lange nicht mehr von Land geht, auch wenn dort mittlerweile geheiratet wird oder Besucher übernachten – das seien alles keine schlechten Sachen. „Man muss sich an der Zukunft ausrichten, um die alte Dame zu erhalten.“ Veränderungen machten auch vor dem Schulschiff Deutschland nicht halt.

Begehrt nach dem Weltkrieg

Das ehemalige Segelschulschiff der deutschen Handelsschifffahrt gehört zu den letzten deutschen Vollschiffen. 1927 in Auftrag gegeben, segelten junge Matrosen mit ihr über den Atlantik, Richtung Übersee oder auch auf der Nord-und Ostsee. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg begann ein Streit um das Schiff: Zunächst sollte es als Reparationsleistung in fremde Hände übergehen. Um dem zu entgehen, wurde es als Lazarettschiff in der Lübecker Bucht eingerichtet. Schließlich sollte es in die britische Besatzungszone übergehen. Aber auch das wurde verhindert und das Schiff nach Bremen in die amerikanische Besatzungszone gebracht. Ab den 50er-Jahren wurde wieder auf dem Schiff ausgebildet, in hohe See sticht das Schulschiff Deutschland jedoch nicht mehr. Seit Mitte der 1990er-Jahre liegt es in Vegesack in der Lesum.

An die alten Zeiten erinnert heute noch das Innere des Schiffes: Auf Schwarzweiß-Fotos stehen nackte Matrosen vor einem großen Bottich, um sich mit dem wenigen kalten Wasser zu waschen. In dem schiffseigenen Hospital wurden früher Blinddärme entfernt. Eine Schutzmaske erinnert daran, wie einst Feuer an Bord bekämpft wurde. Die alten Schätze des denkmalgeschützten Schiffes werden von Müller-Fellmett und ehrenamtlichen Helfern gepflegt.

„Früher bin ich oft mit dem Kanu am Schulschiff Deutschland vorbei gepaddelt. Es hat mich schon immer beeindruckt“, sagt Harald Wolf, Ehrenamtlicher auf dem Schiff. „Im Chor hat dann jemand gefragt, ob wir nicht Lust hätten, auf dem Schulschiff zu arbeiten, und seitdem komme ich zweimal in der Woche hierher. Es ist etwas ganz Besonderes, auf dem Schiff zu stehen und daran zu arbeiten.“

Arbeit gibt es genug an Bord. Ingo Müller-Fellmett freut sich deswegen über weitere Ehrenamtliche, die mit ihm das Schiff erhalten. „Das Schulschiff ist ein herrliches Arbeitsfeld. Hier wird der Wandel in der Schifffahrt spürbar.“

Schulschiff Deutschland Schiffstyp: Dreimast- Vollschiff Gebaut: 1927 Länge: 86 Meter Breite: 12 Meter Tiefgang: ca. 5 Meter Geschwindigkeit: 16 Knoten Standort: Zum Alten Speicher 15, Vegesack
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