28 Meter langer Seenotkreuzer „Berlin“ wird in Laboe an der Kieler Förde stationiert

Der Motor ist ein Meilenstein

Motzen. Eine Klingel schrillt, dann fliegen zwei Taue über die Bordwand. Und langsam, ganz langsam wird der 3,8 Tonnen schwere Motor über die Reling gehoben.
28.07.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Marie-Chantal Tajdel

Motzen. Eine Klingel schrillt, dann fliegen zwei Taue über die Bordwand. Und langsam, ganz langsam wird der 3,8 Tonnen schwere Motor über die Reling gehoben. Sein 2000 PS starker Bruder hat diese Reise bereits eine Stunde vorher bewältigt. „Es ist alles gut gelaufen“, sagt Schiffbauingenieur Holger Freese von der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) später. Nur ein Rohr war im Weg. Das wurde kurzerhand ausgebaut und später wieder eingebaut.

An diesem Mittwoch hat der Seenotkreuzer „Berlin“ auf der Fassmer-Werft in Berne-Motzen zwei leistungsstarke Motoren erhalten – die Herzstücke des Schiffes. „Wenn beim Bau eines Schiffes der Motor eingesetzt wird, ist das ein Meilenstein“, sagt Joachim Luetten, Schiffbauingenieur auf der Fassmer-Werft. Beide Motoren zusammen haben eine Leistung von fast 4000 PS. Damit kann das neue Boot, das in Laboe an der Kieler Förde stationiert werden soll, 24 Knoten schnell fahren, das ist eine Geschwindigkeit von ungefähr 45 Stundenkilometern.

Die neue „Berlin“ mit Tochterboot ist der zweite Neubau der 28-Meter-Klasse auf der Fassmer-Werft. „Das erste aus der Dreierserie wurde bereits Ende Mai getauft und ist nun auf Amrum stationiert“, sagt Christian Stipeldey, DGzRS-Pressesprecher. Der dritte Kreuzer dieser Größe wird im kommenden Frühjahr abgeliefert und soll dann in Cuxhaven liegen. Die „Berlin“ wird Ende des Jahres fertig sein.

Sie löst die derzeitige „Berlin“ in Laboe ab, die 1985 getauft wurde. Der alte Kreuzer wird ausgemustert, sobald das neue Schiff einsatzbereit ist. „Laboe ist unsere einsatzreichste Station“, sagt Christian Stipeldey. Das liege an der Kieler Förde und am Nord-Ostsee-Kanal. Etwa 130 Einsätze im Jahr fahren die Seenotretter dort.

Rolf Oster und Michael Pelzer, Seenotretter und Maschinisten in Laboe, sind extra gekommen, um den Einbau der Motoren in ihr neues Boot zu verfolgen. „Das ist eine einmalige Chance“, sagt Rolf Oster und folgt dem ersten Koloss eine Etage tiefer in den Maschinenraum. Denn dort sind die Maschinisten von der Werft und dort kann er jede Menge Fragen stellen. „Denn auf See sind wir mit dem Apparat allein“, sagt er.

Auch sein Kollege Michael Pelzer ist begeistert von den beiden Motoren. Rolf Oster stellt seinen Fuß zwischen Motor und einen Metallrand und ruft hinauf „Guck mal, das geht!“ Und Michael Pelzer zückt seine Kamera. Als der zweite Motor langsam in den Maschinenraum hinunter bugsiert wird, scherzt er, dass er auch diesmal auf genug Platz zwischen den Motoren hofft: „Wir haben hier so einen engen Durchgang, den wir BMI-Luk nennen. Wenn wir da hindurch kommen, können wir uns auch zwischen den Motoren entlang schlängeln“, sagt er ­grinsend.

Die beiden Seemänner sind sich sicher, dass die neuen Dieselmotoren im Vergleich zum alten Motor wartungsärmer sind und zuverlässiger. „Aber dafür gibt es auch immer mehr Elektronik und die ist für die Seeluft anfälliger“, sagt Michael Pelzer. Irgendwas ist eben immer.

Schiffbauingenieur Joachim Luetten schaut gespannt zu, als der erste Motor im Maschinenraum versenkt wird. Beim zweiten Schiff sei dieser Moment nicht mehr so spannend, erzählt er. Aber die Öffnung für die Motoren werde so klein wie möglich konstruiert und deshalb sei es beim ersten Mal schon spannend gewesen, ob der Motor passt. „Aber in der Regel ist der spannend­ste Moment der, wenn das Schiff ins Wasser geht und wir sehen, ob es so schwimmt, wie es soll, und ob es die entsprechende Geschwindigkeit erreicht,“ sagt Luetten.

Bei der „Berlin“ ist es im November so weit. Dann wird sie ihre erste Probefahrt von der Weser hinaus auf die Nordsee machen. Mit dabei sein wird auch Holger Freese. Der DGzRS-Schiffbauingenieur begleitet momentan den Bau von vier Schiffen für die Gesellschaft „von A bis Z“ wie er sagt. Das heißt, von der Ausschreibung über die Baubetreuung bis zum Betrieb – und darüber hinaus. Denn der Ingenieur macht nicht nur die Testfahrten mit, er wird auch die ersten beiden Wochen an Bord der „Berlin“ in ­Laboe sein. Die Verantwortung für den Kreuzer gibt er erst zwei Jahre nach Inbetriebnahme ab. „Bis dahin werden noch Kinderkrankheiten kuriert“, sagt er.

Gebaut werden neue Seenotkreuzer nicht nur auf der Fassmer-Werft. Den Bau neuer Schiffe schreibt die Gesellschaft aus, erzählt Holger Freese. Auch in Rostock bei Tamsen Maritim werden Schiffe gebaut. Aber Fassmer habe die Ausschreibungen regelmäßig gewonnen, sagt der DGzRS-Mann. Auf der Motzener Werft entsteht in diesem Jahr noch der dritte Neubau der 28-Meter-Klasse plus Tochterboot. „Im Zuge der Flottenverjüngung werden bei Fassmer außerdem drei 10,1 Meter lange Seenotrettungsboote gebaut“, sagt Pressesprecher Christian Stipeldey. Sie sind für die Freiwilligenstationen an Nord- und Ostsee bestimmt. Über ihre Stationierung hat die DGzRS aber bisher nicht entschieden.

Holger Freese nutzt die Zeit, bevor der zweite Motor eingesetzt wird, um auf die Brücke zu gehen. „Das sieht ja schon ziemlich fertig aus“, sagt er und lässt seinen Blick über den Boden schweifen. Dort liegen sauber aufgewickelt rote, grüne und gelbe Kabel. „22 Kilometer Kabel werden hier verlegt“, sagt er. Wenn die erst mal abgedeckt seien, dann sehe die Brücke richtig schick aus, erzählt er.

Die „heißen Arbeiten“, also die Bauphase mit Schweißern und Schiffsbauern, sind seit etwa acht Wochen beendet, erzählt ­Joachim Luetten. 20 bis 30 Leute waren daran beteiligt. Nun sei der Innenausbau dran, an dem je nachdem zwischen zehn und 30 Leute arbeiten, sagt er. Ausgebaut werden noch die Kammern, das sind die Räume, in denen die Seenotretter schlafen, die Toiletten und Waschräume, die Kombüse und die Brücke. Zum Schluss wird das Schiff konserviert und angestrichen. Und dann kommt nach dem Motor ein weiterer Meilenstein: der Stapellauf.

„Wir haben hier einen engen Durchgang, der heißt BMI-Luk.“ Michael Pelzer
„Auf dem Seenotkreuzer werden 22 Kilometer Kabel verlegt.“ Holger Freese
Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+