Bremer Andree Welge im Interview

„Der Neun-Darter ist schon etwas sehr Besonderes“

Andree Welge ist ein früherer Spitzendarter. Im Interview spricht der Bremer über seine ersten Würfe, das perfekte Spiel und seine WM-Teilnahmen im Ally Pally.
02.03.2019, 21:21
Lesedauer: 7 Min
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„Der Neun-Darter ist schon etwas sehr Besonderes“
Von Frank Büter
„Der Neun-Darter ist schon etwas sehr Besonderes“

Andree Welge hat sich ohne Regelkenntnisse gewundert, dass die Spieler immer daneben werfen. In die Mitte zu treffen bringt jedoch nicht die meisten Punkte.

Christina Kuhaupt

Herr Welge, drei Pfeile, ein Board, 2,37 Meter Abstand – was haben Sie gedacht, als Sie die ersten Würfe auf die Scheibe gemacht haben?

Andree Welge: Dazu gibt es eine Vorgeschichte. Ich hatte im Fernsehen einen kleinen Bericht über Darts gesehen und mich sehr gewundert. Ich dachte, der Pfeil muss in die Mitte. Ich fand es albern, weil die ja relativ weit daneben geworfen haben (grinst).

Weil auf die Dreifach-20 gezielt wurde…

Richtig, aber ich wusste ja nicht, worum es ging. Und ich dachte, das kann ich vielleicht sogar besser.

Und wie waren dann Ihre ersten Würfe?

Das ging eigentlich ganz gut. Ich war damals 14 oder 15 Jahre alt. Im Freizeitheim Rablinghausen hing eine Scheibe, da habe ich ein paar Würfe gemacht. Die Regeln habe ich erst gar nicht durchblickt, das kam erst nach und nach. Aber meine Streuung war nicht so groß. Klar hatte ich auch ein paar Ausrutscher, aber es ging eigentlich immer in Richtung 20.

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Wir lange haben Sie gebraucht, um diesen schmalen Dreifachring in der 20 verlässlich zu treffen?

Das ging relativ fix. Und die erste 180 kam dann auch bald. Wie das bei einem jungen Kerl halt so ist: Da ist das Ziel, das will ich treffen. Ich war infiziert und hatte wohl auch ein Händchen dafür. Da konnte man drauf aufbauen. Ich habe dann als Jugendlicher schon an Turnieren teilgenommen.

Andere gingen zum Fußball, Sie haben Darts gespielt?

Eigentlich bin ich Wasserballer. Ich komme aus einer Schwimmerfamilie. Mein Bruder hat sogar Bundesliga gespielt. Das Problem war aber, dass sich dann die Trainingstage im Wasserball mit den Ligaspielen im Darts überschnitten haben. Da musste ich mich irgendwann entscheiden. Meine Eltern waren natürlich nicht so begeistert. Darts hatte ja nicht den besten Ruf, weil es in Kneipen stattgefunden hat.

Wie haben Sie das Problem gelöst?

Ich habe das zunächst heimlich gemacht. Habe gesagt, ich gehe zum Schwimmtraining und habe die Badehose nass gemacht, bevor ich wieder nach Hause gekommen bin (lacht).

Wieviel Zeit haben Sie in jungen Jahren vor dem Board verbracht?

Schon sehr viel. Früher habe ich immer gesagt, dass ich acht Stunden am Tag gespielt habe (grinst). Als ich endlich ein Board in meinem Zimmer hatte, habe ich mir schon morgens vor der Schule oder später vor der Arbeit die Pfeile geschnappt. Und als ich zurück war, ging’s gleich weiter. Also auf drei Stunden pro Tag bin ich bestimmt gekommen.

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Wie sah Ihr Training aus? Haben Sie immer wieder auf bestimmte Zahlenfelder gespielt?

Es gibt verschiedene Programme. Eine Zeit lang habe ich nur aufs Triple gespielt, weil es wichtig ist, punktemäßig schnell nach unten zu kommen. Dann macht man Trainingsspiele gegen sich selbst. Oder man spielt nur im Finishbereich von 170 Punkten runter und versucht dann, die Doppelfelder zu treffen. Letztlich geht es um Automatismen.

Beim Darts führen viele Wege von 501 auf null. Wie schnell hat man all diese Möglichkeiten drauf ohne groß nachrechnen zu müssen?

Das verinnerlicht man. Man sollte sich beim Darts auch nicht damit aufhalten, zu rechnen. Das muss eine flüssige Sache sein. Ich muss schon wissen, wo ich hinwerfe, um dann bei der nächsten Aufnahme die Möglichkeit zu haben, das Spiel schnell zu beenden. Man muss sich nur die Profis heute anschauen. Da rechnet niemand. Die wissen einfach, was sie treffen müssen. Das ist ein festes Schema.

Der schnellste Weg auf null ist mit neun Würfen möglich. Ist Ihnen ein solcher Neun-Darter in Ihrer Karriere auch mal gelungen?

Ja, sogar zweimal.

Und wie fühlt sich das an? Feiert man sich dafür innerlich ab?

Ja, denn es ist schon etwas sehr Besonderes, ein perfektes Spiel eben. Wenn man immer so spielen würde, kann einen keinen schlagen. Auch ein Phil Taylor oder ein Michael van Gerwen nicht. Aber im Endeffekt ist es auch nur ein Leg, mehr nicht. Einen Neun-Darter habe ich mal in Bremen bei einem Ranglistenturnier gespielt – und das Spiel am Ende verloren…

Zusammen mit dem ebenfalls aus Bremen kommenden Tomas Seyler haben Sie über viele Jahre die deutsche Rangliste angeführt, waren zweimal deutscher Einzelmeister, Nationalspieler und haben mehrfach auch an Weltmeisterschaften teilgenommen. Was war für Sie persönlich der größte Erfolg?

Das war der Triumph 2004 bei den Dutch Open in Holland. Das ist das größte Turnier der Welt. Tomas Seyler und ich haben damals den Doppelwettbewerb gewonnen und im Halbfinale vor 7000 Zuschauern Raymond van Barneveld und James Wade besiegt. Das war schon klasse. Die Einsätze in der Nationalmannschaft waren auch eine schöne Erfahrung. Wir haben viel gesehen von der Welt. Malaysia. Australien. Südafrika. Las Vegas. Kanada. In Europa waren wir fast in jedem Land. Das war schon eine schöne Zeit.

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Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an ihre WM-Teilnahmen im Alexandra Palace in London zurückdenken?

Das ist unglaublich, was da abgeht. Diese Atmosphäre, man sieht das ja auch bei den Übertragungen im Fernsehen. Das ist Wahnsinn.

Kannte man Sie dort als deutscher Spieler? Mussten Sie auch mal Autogramme geben?

Ja, das kam schon vor. Allerdings hat man mich gar nicht erkannt, als ich zum ersten Mal da war. Da bin ich nicht mal reingekommen. Das war echt kurios. Es lag ein Meter Schnee, es war saukalt. Ich wollte an den Türstehern vorbei, habe denen gesagt, dass ich Teilnehmer bin. Aber die haben mich nicht durchgelassen. Gefühlt war ich wohl der 180., der denen gesagt hat, dass er Spieler ist und rein will. Ich bin dann erstmal eine Stunde um das Gebäude geirrt, bis ich den richtigen Eingang gefunden hatte. Das war schon eine witzige Geschichte, aber für meine Vorbereitung war das natürlich nicht förderlich.

Ansonsten kennt man sich aber in der Szene?

Das ist wie eine große Familie. Die Gegner, die Caller, die Organisatoren – man kennt sich von den verschiedenen Turnieren. Und wie in einer echten Großfamilie ist dann alles dabei, auch der ungeliebte Onkel (lacht).

Wie groß ist die Rivalität der Spieler untereinander?

Vor und nach den Spielen geht das sehr fair zu. Auf der Bühne ist das anders. Van Gerwen zum Beispiel will jeden Gegner zerstören, auch seinen besten Buddy und Mentor van Barneveld. Da macht der keine Ausnahmen. Bei den Spielen muss das auch so sein, da muss man auch gewinnen wollen und gönnt dem Gegner nicht ein Leg.

Sie haben 2012 den von der Bild-Zeitung ausgerichteten Superdarter gewonnen und die stolze Prämie von 100 000 Euro eingeheimst. Gab es ansonsten über die Jahre lohnende Preisgelder zu gewinnen?

Nicht wirklich. Ich stand bei den Dutch Open 2001 auch mal im Einzel-Finale gegen van Barneveld, da habe ich verloren und 1000 Mark bekommen. In meiner Anfangszeit bin ich quer durch Europa gereist, und nur wenn du das Turnier gewonnen hast, warst du von den Kosten her bei plus minus null. Das kann man mit heute gar nicht vergleichen. Heute ist alles viel professioneller und wird auch viel besser vermarktet, allein schon durch die ganzen Fernsehübertragungen. Da gibt es dann auch höhere Preisgelder, das ist schon lukrativ.

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Also waren Sie einfach einige Jahre zu früh auf diesem hohen Level unterwegs?

Das kann man so sehen (lacht). Andersherum war es aber auch in Ordnung. Die Rahmenbedingungen haben sich inzwischen ja total geändert. Gerade bei der PDC (Professional Darts Corporation, Anm. d. Red.). Wenn man sich eine Tourcard erspielt hat und an der Turnierserie teilnehmen will, kann man das als Amateur eigentlich nicht schaffen. Die Turnierfülle ist zu viel geworden. So viel Urlaub hat kein Arbeitnehmer. Ich habe das vor einigen Jahren selbst mal probiert und in England vier, fünf Turniere gespielt – da waren schnell zwölf Tage von meinem Jahresurlaub weg. Das ist nicht leistbar.

Sie hätten sich also für eine Profilaufbahn entscheiden müssen?

Ja, aber das ist nicht machbar mit Haus und Familie. Man hat Verantwortung. Es muss ja auch regelmäßig Geld reinkommen. Ich kann nicht einfach meinen Job kündigen oder mich für ein Jahr freistellen lassen. So Risiko bereit bin ich nicht, das ist mir alles zu unsicher. Deshalb hatte sich das für mich dann auch irgendwann erledigt.

Der Schritt zum Profi hätte Sie grundsätzlich aber schon gereizt?

Wenn ich diese Verpflichtungen nicht hätte, würde ich wahrscheinlich einiges anders machen. Bei den heutigen Preisgeldern kann sich das schon rechnen. Wenn man eine Runde übersteht, hat man Hotel und Flug wieder drin. Gewinnt man auch die zweite Runde, bleibt schon was über.

Das hieße aber auch, dass Sie die Zeit zurückdrehen und ihr altes Level wieder erreichen müssten.

Klar, das Niveau bei dieser Turnierserie ist unbeschreiblich hoch. Ich denke aber schon, dass ich mein Niveau noch mal anheben könnte, wenn ich mein Trainingspensum wieder steigere und mich regelmäßig mit den Besten messe.

Aktuell spielen Sie kaum noch Turniere, dafür aber regelmäßig für den DC Vegesack in der Mannschafts-Bundesliga. Ist das Ihr schleichender Abschied aus dem Dartsport?

Ich hätte schon noch Interesse, in Bremen oder im Umland Turniere zu spielen. So wie den Roland-Cup in der Berliner Freiheit, da freue ich mich immer drauf. Aber die Szene hat sich verändert. Darts boomt zwar einerseits, aber doch eher in den Medien. Hier in der Region hätte man früher gefühlt jeden Tag ein Turnier spielen können, heute gibt es vielleicht noch ein Turnier im Monat. Das ist sehr schade.

Das Gespräch führte Frank Büter.

Info

Zur Person

Andree Welge (46) ist ein früherer Spitzendarter. Der gebürtige Bremer war zweifacher deutscher Meister im Einzel, spielte mehr als 30 Mal für die Nationalmannschaft und nahm an insgesamt sechs Weltmeisterschaften teil, wo er allerdings nie die erste Runde überstanden hat. Welge ist von Beruf Kraftwerker, verheiratet und Vater von zwei Kindern.

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Zur Sache

Von Löwen und Ratten

Der Dartsport in Bremen findet unter dem Dach des HBDV, des Hansestadt Bremen Dart Verbandes, statt, der Anfang der 1980er Jahre gegründet wurde. Präsident des rund 600 Mitglieder zählenden Verbandes ist Eckart Pfannschmidt. Im HBDV gibt es einen eigenen Ligabetrieb, die höchste Bremer Spielklasse ist die Verbandsliga, in der ebenso wie in der Landesliga zwölf Teams am Start sind.

Zudem spielen 14 Mannschaften in der Bezirksliga und noch weitere neun in der Vierer-Liga. Die Mannschaften, die sich Agora Löwen, Yippies, Broadway Diamonds oder Die Ratten nennen, tragen ihre Partien in 27 verschiedenen Spielstätten in Bremen, Bremerhaven und dem Umland aus. Neben dem Ligabetrieb führt der HBDV pro Jahr sechs Ranglistenturniere für Damen, Herren und Jugendliche durch, bei denen sich die besten Teilnehmer für die deutsche Meisterschaft qualifizieren können. Ausführliche Informationen und Ansprechpartner finden Sie auf der Homepage des Verbandes unter www.hbdv-ev.de.

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