Mehr als 500 Gäste verabschieden Quartiersmanager Joachim Barloschky in den Ruhestand Der "OTe-Che" geht

Tenever. Im Hochhausquartier geht eine Ära zu Ende: Nach über drei Jahrzehnten als Bewohneraktivist und Quartiersmanager verabschiedete sich Joachim Barloschky in die passive Phase der Altersteilzeit. Mehr als 500 Vertreter aus Behörden und Politik, Bewohner, Freunde und Weggefährten kamen am Mittwoch in den OTe-Saal, um "ihrem Barlo" noch einmal für sein unermüdliches Engagement zu danken und alles Gute für den neuen Lebensabschnitt zu wünschen.
27.06.2011, 05:00
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Von Melanie Öhlenbach

Tenever. Im Hochhausquartier geht eine Ära zu Ende: Nach über drei Jahrzehnten als Bewohneraktivist und Quartiersmanager verabschiedete sich Joachim Barloschky in die passive Phase der Altersteilzeit. Mehr als 500 Vertreter aus Behörden und Politik, Bewohner, Freunde und Weggefährten kamen am Mittwoch in den OTe-Saal, um "ihrem Barlo" noch einmal für sein unermüdliches Engagement zu danken und alles Gute für den neuen Lebensabschnitt zu wünschen.

Irgendwann musste ihn seine Lebensgefährtin Anne Knauf regelrecht von dem nicht enden wollenden Strom der Gäste wegreißen. Zu viele waren es, die Joachim Barloschky ein letztes Mal die Hand drücken oder ihn umarmen wollten. Binnen einer halben Stunde quoll der mit Tischen für rund 300 Gäste gedeckte OTe-Saal regelrecht über. Die Menschen standen teilweise bis auf den Flur, um bei dieser außerordentlichen Sitzung der Stadtteilgruppe dabei zu sein. Geschenke gab es nur wenige - schließlich hatte der scheidende Quartiersmanager darum gebeten, Geld für die Kinder im Quartier zu spenden.

Sie würden ihm ganz besonders fehlen, sagte Barloschky am Ende des gut eineinhalbstündigen Programms, in dem Weggefährten und Bewohner mit Musik, Reden und Sketchen noch einmal ihre Zeit mit dem Mann Revue passieren ließen, der immer mehr zum Symbol des neuen Tenevers geworden ist. "Die bunten, unschuldigen Kinder Tenevers werden mir ganz besonders fehlen. Wir sind dazu da, ihnen mit Liebe, Bildung und gesellschaftlich besseren Bedingungen eine tolle Zukunft zu ermöglichen", rief Barloschky in die Menge, die - wie so oft in den vergangenen Jahrzehnten - an seinen Lippen hing.

Und auch für die Jugendlichen brach der 59-Jährige noch einmal eine Lanze. "Die Jugend hat ein Recht auf Rebellion - und auf Partys", sagte Barloschky und forderte die anwesenden Jugendlichen dazu auf, sich für ihre Rechte einzusetzen. "Empört euch! Kämpft für eure Grundrechte auf Bildung und Ausbildung, auf die Teilhabe an Kultur und für soziale Gerechtigkeit und Frieden. Und für Partys."

Ralf Schumann, der den bunten Nachmittag in seiner unnachahmlichen Art moderierte, ließ es sich nicht nehmen, dem 59-Jährigen den berühmten stilisierten Druck von Che Guevara zu überreichen. "Du bist der OTe-Che", sagte der Bereichsleiter der Gewoba, in deren Namen er sich für die "tolle Zusammenarbeit" bedankte. "Ich persönlich werde dich fürchterlich vermissen."

Barlo der Agitator, der Bewohneraktivist und Kämpfer, der sich unermüdlich und bis an die Grenzen seiner Kräfte für ein gerechteres, friedlicheres, soziales Miteinander eingesetzt hat (was er auch in seiner Alterteilszeit weiter tun will) - dieses Bild beschworen die Redner auf seiner Abschiedsfeier immer wieder. "Ich glaube, dass diese Bereitschaft, sich für andere einzusetzen, aus seiner tiefen Sehnsucht nach einem friedvollen Miteinander herrührt", sagte der Cellist Stephan Schrader. Daher widmete er Barloschky seine ganz eigene Version eines Motivs aus Antonin Dvoráks Amerikanischem Streichquartett, in dem die Sehnsucht eine besondere Rolle spielt.

Viel plakativer verdeutlichten Maskenspieler die Einsatzbereitschaft Barloschkys: Mit wehenden roten, Anti-Atom- und Pace-Fahnen drängten sie auf wenigen Kickboards durch die engen Stuhl- und Bankreihen und reckten bei jedem Stopp die geballte Faust zum Arbeitergruß in die Höhe. "Als ich eben aus dem Auto stieg und die Arbeiterlieder hörte, wusste ich: Hier bin ich richtig", leitete Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen seine Lobrede auf den scheidenden Quartiersmanager ein, mit dem er 1968 beim großen Bremer Schüleraufstand auf den Schienen gesessen habe. "Barlo wollte immer etwas erreichen - nicht für sich, sondern für die anderen. Er hat sich nie mit Ungerechtigkeit, sozialer Spaltung, Ausgrenzung und Rassismus abgefunden", sagte Böhrnsen. "Er hat einen riesigen Beitrag dazu geleistet, dass die Menschen fair und gerecht miteinander leben und einen Platz in der Gesellschaft haben." Daher gab der Bürgermeister dem 59-Jährigen eine Bitte mit auf den Weg: "Sicher hast du dir deinen

Ruhestand verdient. Aber wir verdienen, dass du weiter mitmischst."

Wie viele Einrichtungen und Projekte Barloschky in den vergangenen Jahrzehnten auf den Weg gebracht und begleitet hat, rief Ilona Weier-Mindermann vom Arbeitskreis Tenever den Gästen noch einmal in Erinnerung. So habe er sich unter anderem für mehr Hort- und Kindergartenplätze im Quartier, die Einrichtung der interkulturellen Gärten und des Café Abseits, für den Erhalt des OTe-Bades oder auch ein Bleiberecht für die geduldete Familie Genc eingesetzt. "Wir sind glücklich, dass wir dich unseren Quartiersmanager nennen konnten."

Dass Barloschky aber auch andere besondere Seiten hatte, daran erinnerten die Bewohnerinnen Michaela Dinkel und Silvia Suchopar. "Wir halten unsere Rede kurz. Wir sind ja nicht Barlo", begannen sie ihre Ausführungen mit einem Augenzwinkern, in denen sie dann vom "bekennenden Handy-Nichtbesitzer" und seinem Hang berichteten, jedes Seminar mit einem Gedicht zu eröffnen. Und sie übten auch Kritik: Seine Nichtraucherphasen hätten sie an ihm gar nicht leiden können, sagte Michaela Dinkel. "Kürzere Pausen auf Seminaren und bei den Stadtteilgruppensitzungen haben wir in diesen Zeiten nirgendwo sonst erlebt."

Aber auch Barloschky übte am Ende seiner Amtszeit Selbstkritik und entschuldigte sich, wenn er "dem einen oder anderen durch mein Drängen für Tenever in die Suppe gespuckt" habe. "Ich wollte niemandem persönlich wehtun, sondern immer nur das meistmögliche für Tenever erreichen." Dabei hätten ihn auch die vielen Mitarbeiter, Auszubildenden und Praktikanten geholfen. Ganz besonders hob Barloschky seine langjährige Kollegin Hella Poppe vom Bauressort und Barbara Matuschewski hervor. Sie hatte nach ihrer Verrentung ehrenamtlich drei Jahre lang die Pressearbeit der Projektgruppe übernommen.

Wer in Barlos Sinne für die Kinder Tenevers spenden will, kann einen Betrag an das Mütterzentrum Osterholz-Tenever, Kontonummer 08 46 85 00, Bank für Sozialwirtschaft, Bankleitzahl 25 12 05 10, überweisen. Stichwort: "Für Tenevers Kinder".

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