Instrumentenmanufaktur Lätzsch Der Posaunenretter aus Togo

Der Togolese Kodzo Sitsofe Akpalu macht bei der Instrumentenmanufaktur „Lätzsch“ in Bremen ein Praktikum. Schon sein Vater reparierte Blechblasmusikinstrumente. Warum ein Bremer den Grundstein dafür legte.
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Der Posaunenretter aus Togo
Von Helge Hommers

Vorsichtig stülpt Kodzo Sitsofe Akpalu die einen Meter lange Bassposaune auf einen weißen Schaumstoffaufsatz, der in eine Drehbank geklemmt ist. Dann nimmt er eine goldene Feile, beugt sich über das Instrument und setzt das Werkzeug an eine der noch frischen Lötstellen. Langsam drückt er mit dem Daumen die Feile über die Kante und schmirgelt sie so von überstehendem Lack frei. Ein winziges Häufchen von Spänen türmt sich auf, Akpalu schiebt sie mit einer flüchtigen Bewegung fort. Sie verteilen sich auf dem Boden der Werkstatt der Manufaktur Lätzsch, in der Akpalu ein Praktikum absolviert – etwa 5000 Kilometer von seiner Heimat entfernt.

Der 41-jährige Togolese ist für knapp drei Wochen in Bremen. Am Freitag, 5. Oktober, fliegt er zurück – mit neuem Wissen, das ihm bei seiner Arbeit zukünftig helfen wird. Denn Akpalu repariert in seinem Dorf, das rund 130 Kilometer nördlich der Hauptstadt Lomé liegt, Blechblasinstrumente – auch wenn er nicht mit ihnen musizieren kann. Etwa 15 Instrumente repariert er dort wöchentlich. Die Arbeit hat er vor etwa 13 Jahren von seinem Vater geerbt. „Schon als Kind habe ich ihm geholfen“, erzählt Akpalu, der unter seinem blauen Arbeitskittel ein langes rosa-gelbes Shirt aus seiner Heimat trägt.

Dass Akpalus Vater, ein gelernter Elektriker, als erster Posaunen-Reparateur Togos gilt, hängt mit dem Bremer Werner Urban zusammen. Der heute 88-Jährige reiste Mitte der 1970er-Jahre für die Norddeutsche Mission nach Togo, um auf Wunsch des dortigen Kirchenstifts einen Posaunenchor zu gründen. Schließlich hat Blechblasmusik in Togo eine Tradition, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Urban, damaliger Landesposaunenwart, baute gleich drei Chöre auf. „Das war der Startschuss“, sagt Thomas Urban, der das Werk seines Vaters fortsetzt. Weitere Besuche folgten ebenso wie Instrumentenspenden. Inzwischen sind es mehr als 100 Chöre. Jedoch: „Bei uns werden die Instrumente durch das Klima schneller zersetzt“, sagt Akpalu. Dafür sorgt die hohe Luftfeuchtigkeit.

Crashkurs mit dem Schwerpunkt Reparatur

Umso mehr Chöre entstanden, desto größer wurde also auch die Notwendigkeit, deren Instrumente zu erneuern. Urban gab daher Akpalus Vater einen Crashkurs mit dem Schwerpunkt Reparatur. Dank vieler Spenden erhielt er ein Haus, in dem er wohnen und eine Werkstatt einrichten konnte – und in dem Akpalu heute mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen lebt. Zudem bekam er eine gebrauchte Yamaha, die als Instrumenten-Laster auch heute noch gefahren wird. „Es ist aber eher ein aufgemotztes Fahrrad“, sagt Thomas Urban. Er war es auch, der seinem Freund Akpalu das Praktikum vermittelte und ihn für die Zeit zu sich nach Hause in die Neustadt einlud.

Allein Akpalus Arbeit an der Bassposaune, die aus neuen Teilen zusammengesetzt ist, dauert etwa drei Tage. Respekt habe er schon vor seiner Praktikantentätigkeit gehabt, vor allem weil der Fokus der Arbeit anders liegt, als er es gewohnt ist. Während es für ihn sonst vorwiegend darum geht, die Instrumente funktionstüchtig zu machen, liegt der Fokus bei seinem Praktikum eher auf der Verschönerung der Instrumente.

Kunden aus der ganzen Welt

Darin schlage Akpalu sich hervorragend, wie Lätzsch-Inhaber Hermann Nienaber sagt: „Einer wie er würde hier nach einem Jahr die Instrumente zusammenbauen.“ Den Laden, dessen Geschäftsräume hinter der Eingangstür liegen, gibt es seit 1949. Nienaber gehört seit mehr als 50 Jahren dazu. Seit fast 40 Jahren ist er Inhaber der Manufaktur, deren Werkstatt, in der vier Angestellte werkeln, über mehrere Gänge im Keller erreichbar ist. Die Kunden kommen aus der ganzen Welt, auch wenn bei einer Reparatur schnell Kosten von 1000 Euro und mehr zusammenkommen.

Die meisten Praktikanten, die Nienaber einstelle, seien nicht so motiviert wie Akpalu, der eine große Bereicherung sei. Überraschen tut ihn das aber nicht, schließlich habe schon die Zusammenarbeit mit Akpalus Vater sehr gut geklappt. Der war nämlich ebenfalls mal als Praktikant in Bremen. Hin und wieder fragt Nienaber dessen Sohn, wie er diese und jene Reparatur mit seinen in Togo zur Verfügung stehenden Mitteln angehen würde. Oft staunt er dann, weil Akpalu so kreativ zu Werke gehe. Denn der Togolese hat nur wenige Materialien und Werkzeuge zur Verfügung. Er müsse also vielmehr improvisieren. Das, so sagt er und reibt mit einem schwarzen Tuch die Lötstellen sauber, habe er aber von seinem Vater gelernt.

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