Niederschlagung der Bremer Räterepublik

„Der Putsch einer Minderheit“

Nach Ansicht von Konrad Elmshäuser war die Bremer Räterepublik schon nach wenigen Tagen gescheitert. Der Übergang zur Demokratie klappte laut dem Leiter des Staatsarchivs Bremen danach erstaunlich schnell.
02.02.2019, 00:12
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„Der Putsch einer Minderheit“
Von Helge Hommers
„Der Putsch einer Minderheit“

An der Großen Weserbrücke liefern sich Kommunisten und Soldaten beim Kampf um die Räterepublik die erbittertsten Gefechte.

Historische Postkarte/Kolorierung: Marko Kremer

Herr Elmshäuser, am 4. Februar jährt sich die Niederschlagung der Bremer Räterepublik zum 100. Mal. Was ist von ihren Beschlüssen im Jahr 2019 geblieben?

Konrad Elmshäuser: Übrig geblieben ist nicht allzu viel. Wenn überhaupt, dann im Schulwesen. Dort hat es in der Zeit der Räterepublik unter Hermann Böse im Religionsunterricht und in der allgemeinen Volksschule Neuerungen gegeben. Das, was wir heute als Grundschule bezeichnen, war von da an vierjährig und für alle gleich. Die Volksschule ist danach ohne großen Widerspruch weitgehend nahtlos während der Weimarer Republik in die bremischen Schul- und Verfassungsverhältnisse übergegangen. Darüber hinaus ist aber recht wenig erhalten geblieben.

Wieso stießen die Novemberrevolution und die darauffolgenden Ereignisse in Bremen auf so starken Nährboden?

Was im November 1918 in Bremen geschah, hat sich nicht groß von dem unterschieden, was sich in vielen anderen deutschen Großstädten, die ebenfalls Garnisonsstädte waren, ereignete. Was Bremen einen besonderen Dreh gibt, ist die Radikalisierung. Bremen hatte durch seine industriellen Großbetriebe, wie etwa die Werftbetriebe, eine starke Arbeiterschaft und innerhalb dieser eine relativ große, organisierte radikale Linke. Das ist tatsächlich im Vergleich zu anderen Orten eine Besonderheit.

Hatte daran das Achtklassenwahlrecht, das bis zum November 1918 in Bremen existierte, seinen Anteil?

Das glaube ich nicht. Das Achtklassenwahlrecht war undemokratisch und Ausdruck der bremischen Ständegesellschaft. Es war ein stärker ausdifferenziertes und ungerechteres Wahlsystem, als es in anderen Gegenden Deutschlands war. Dass die Ständegesellschaft einer Person nach ihrem Einkommen, nach ihrem Vermögen ein Votum gibt und nicht nach der Tatsache, dass sie Staatsbürger ist, war nicht ungewöhnlich. Selbstverständlich war dieses Achtklassenwahlrecht etwas, was weg musste, aber man kann nicht sagen, dass es Bremen besonders radikalisiert hat.

Wieso hatte die Bremer Räterepublik so lange Bestand, obwohl der Spartakusaufstand nahezu im gesamten Deutschen Reich schon nach wenigen Tagen scheiterte?

Der Spartakusaufstand und die Räterepublik sind parallel stattfindende, aber keine gemeinsamen Ereignisse. Sie sind verbunden, aber unterschiedlich zu behandeln. Die Räterepublik hat formal bis Anfang Februar Bestand gehabt. Aber als ein eruptives politisches Ereignis, bei dem Menschen Macht übernehmen und auch noch Macht ausüben, hat sie nur wenige Tage gewirkt.

Was waren die Gründe, die zu ihrem frühen Scheitern führten?

Der Begriff Räterepublik hört sich fast schon pathetisch groß an, weil er suggeriert, dass es sich um ein republikanisches Staatswesen handelt, in dem Räte die Macht ausüben und die Bevölkerung dahintersteht. Tatsächlich war es aber nichts anderes als der Putsch einer Minderheit. Sie vertrat einen winzigen Teil der Bevölkerung und war darauf angewiesen, dass es kein demokratisches Votum über dieses Staatswesen geben werde.

In der Räterepublik wackelt also der Schwanz mit dem Hund. Ein Versuch, der nie gut gehen kann. Und da aus den Arbeiter- und Soldatenräten und der Mehrheit der Bevölkerung der Wunsch kam, an den ersten allgemeinen freien Wahlen teilzunehmen, war der Daumen schon nach wenigen Tagen über die Räterepublik gesenkt. Hinzu kam eine finanzielle Krise, sodass klar war: Das Geld reicht noch für eine Woche, dann ist es alle. Vor diesem Hintergrund erledigte sich das Räteexperiment fast von selbst.

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War das militärisches Eingreifen dann überhaupt noch erforderlich?

Das ist die große und entscheidende offene Frage, über die seit 100 Jahren gestritten wird. Hätte man nicht die Entwicklung abwarten können, um zu sehen, wie man die Verhältnisse in Bremen in andere Fahrwasser überführt? Oder war es notwendig, die Räterepublik zu liquidieren? Diese Frage ist von Berlin aus und auf Drängen einiger bremischer Akteure in Hinsicht auf eine militärische Lösung entschieden worden. Die Tatsache, dass am 4. Februar 1919 bis in die Nacht hinein militärisch Widerstand geleistet wurde, zeigt, dass erhebliche Teile der Radikalen überhaupt nicht bereit waren, in irgendeiner Form beizusteuern.

Was meinen Sie damit?

Es wäre nicht so gewesen, dass sich die Räterepublik ohne Weiteres selbst auflöst. Man hätte mit einer hoch ungesicherten Situation auf Wochen umgehen müssen. Und das in einem Land, in das Millionen Soldaten zurückgeströmt waren, in dem es an vielen Stellen ähnliche Situationen gab, in dem der Übergang in eine friedliche demokratische Gesellschaft keineswegs gesichert war. Das war die Situation, vor der sich die MSPD fand und diese Entscheidung traf.

Hat die Reichsregierung an Bremen ein Exempel statuieren wollen, damit andere Städte, in denen es ähnliche Bewegungen gab, von der Niederschlagung abgeschreckt wurden?

Ich würde es nicht Exempel nennen, denn die Reichsregierung hatte in Berlin genug zu tun und brauchte Bremen nicht, um Autorität zu zeigen. Das hätte man auch ohne dieses Beispiel geschafft. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass man in Berlin keinerlei Interesse daran hatte, irgendwo etwas anbrennen zu lassen. Ein Sowjetexperiment in einer Großstadt hätte absolut nicht in die Zeit gepasst. Deswegen halte ich das weniger für eine demonstrative Exempelstatuierung als für ein hartes, auch radikales Durchgreifen, um überhaupt Ruhe herzustellen.

Warum sind politische Morde von der Siegerseite, wie es sie nach dem Spartakusaufstand und der Münchner Räterepublik gegeben hat, in Bremen ausgeblieben?

Die Kämpfe des 4. Februar sind keine langwierigen Straßenkämpfe, sondern eine Abfolge von Scharmützeln, die sich innerhalb nur eines einzigen Tages ereignen. Fast alle Verteidiger der Räterepublik sind nach ihrer Gefangennahme begnadigt und freigelassen worden. Es gibt in Bremen nur einen Fall, bei dem man vermuten kann, dass es eine willkürliche Erschießung nach den Kampfhandlungen gegeben hat. Das liegt vermutlich daran, dass es keine wirklich erbitterten Straßenkämpfe gegeben hat, sondern nur ein Vorrücken und ein Aufgeben von Positionen. Die einzige Stelle, an der längere Kämpfe Opfer forderten, war der Übergang über die Weserbrücken.

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Was geschah nach der Niederschlagung? Vollzog sich der Übergang zur parlamentarischen Demokratie in Bremen ohne Probleme?

Eigentlich ja, trotz eines letzten Aufbäumens der Linksradikalen, was dann durch die Gegenmaßnahmen unter dem Stichwort Stacheldrahtostern in die Bremer Geschichtsbücher eingegangen ist. Sogar die Kommunisten nahmen an den Wahlen zur bremischen Nationalversammlung teil. An vielen anderen Orten war das nicht der Fall, aber in Bremen schon, sie holten sieben Prozent der Stimmen. Die Bremer SPD hat zehn Prozent gegenüber den Wahlen auf Reichsebene verloren, sich aber dennoch mit Abstand als stärkste Partei erwiesen. Und dann gibt es einen Koalitionssenat, der die Regierungsgeschäfte übernimmt und Bremen in die Richtung einer ersten Ausarbeitung einer Verfassung bringt. Gemessen an dem Chaos, aus dem das alles entstanden ist, handelt es sich um eine erstaunliche gesellschaftliche und demokratische Leistung.

Info

Zur Person

Konrad Elmshäuser ist seit 2003 Leiter des Bremer Staatsarchivs. In Marburg geboren, kam der heute 59-Jährige zum Studium nach Bremen. Im Staatsarchiv ist er seit 1995 beschäftigt. Zudem ist er Vorsitzender der Historischen Gesellschaft Bremen.

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