Freimarkt 2018

Der Rausch des Freimarkts

Zuckerwatte, Alkoholfahnen und laute Musik – Bremens größte Vergnügungsmeile ist mitreißend und skurril zugleich.
03.11.2018, 19:12
Lesedauer: 3 Min
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Der Rausch des Freimarkts
Von Elena Matera
Der Rausch des Freimarkts

Eine Frau geht nachts auf dem menschenleeren Freimarkt spazieren.

Shirin Abedi

Die Band ruft ins Mikrofon: „Zicke zacke zicke zacke.“ Das Publikum antwortet lauthals: „Hoi, hoi ,hoi“. Im Bayernzelt auf dem Freimarkt folgt ein Trinkspruch dem nächsten. Es wird gegrölt, es wird geschunkelt, es wird fleißig mit Bier angestoßen. Auf der Bühne heizt die Live-Band in Lederhosen die Menschenmenge an. Auch ein Alphorn kommt zum Einsatz. Jan Bauer, ein Musiker aus der Band, klettert auf den Tisch. Die Menschen jubeln, klatschen und zücken ihre Smartphones. Bauer setzt das Alphorn an und bläst hinein.

Ein Bayernzelt in Bremen, ein Widerspruch, der auf dem Freimarkt keiner zu sein scheint. Im Hintergrund des Zeltes ist ein gemaltes Bild von Bergen, Wiesen und einer Alm zu sehen. Viele Besucher tragen Dirndl und Lederhosen. Sie trinken genüsslich aus ihrer Maß Bier und schunkeln auf den Bierbänken zur Musik. Es sind skurrile Szenen, die so gar nicht zu der Hansestadt passen mögen. Der Freimarkt in Bremen – hier schwebt ein Duft von gebrannten Mandeln in der Luft.

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Es ist eine Zeit mit Freunden und Familie, eine Bremer Tradition. Doch der Freimarkt hat auch eine andere Seite: dichte Menschenmengen, Diebstähle, Müll und viel Alkohol. Er ist ein Ort der Reizüberflutung und der Verführung zum Konsum. Das Angebot an Essen und Fahrgeschäften ist riesig. Es gibt 128 Imbissbetriebe und 37 Fahrgeschäfte. In den Zelten hängt ein Geruch von Schweiß und Alkohol in der Luft. Rund 260 000 Liter Bier wurden im vergangenen Jahr auf dem Volksfest verkauft. Überall sind blinkende Lichter zu sehen. Die Sprüche der Rekommandeure vor den Fahrgeschäften wiederholen sich ein ums andere Mal. Laute Musik schallt durch die engen Wege. Schreie ertönen von der Achterbahn.

Fotoreportage Freimarkt anders

Stofftiere warten in Losbuden und Schießständen auf neue Besitzer.

Foto: Shirin Abedi

Der Freimarkt verführt seine Besucher

Der Rausch des Freimarkts scheint die Besucher vollkommen einzunehmen. Sie zahlen bereitwillig Fahrten, die selten mehr als einige Minuten andauern. Sie lassen sich durchschütteln, sie kaufen harte Lebkuchenherzen, die niemals gegessen werden und Lose, die nur selten Gewinne bringen. Kuscheltiere baumeln trostlos in den Losbuden und warten sehnsüchtig auf ihre neuen Besitzer. Die ganzen Nieten, die bereits auf dem Boden herumliegen, scheinen die hoffnungsvollen Käufer dabei keineswegs zu stören.

Losbudenverkäufer animieren enthusiastisch zum Kauf der Lose. Auch Christian Renner, der mit seiner Familie vor einer der Buden steht, hat schon etliche gekauft. „Es ist Freimarkt. Da wird das Geld auf den Kopf gehauen. Sonst müsste ich doch gar nicht erst herkommen“, sagt Renner. Und das Ausgeben hat sich gelohnt, er gewinnt einen kleinen Kuscheltierdrachen. Ob Geisterbahn oder Würstchenbude – auf dem Freimarkt gehen die meisten Besucher großzügig mit ihrem Geld um.

Fotoreportage Freimarkt anders

Hanna Schierenbeck arbeitet bei der Bayern Rutsch'n. Das Geschäft gehört ihrer Familie.

Foto: Shirin Abedi

Neben nervenaufreibenden Fahrten, kalorienreichen Schlemmereien und ersten Anzeichen von Spielsucht gehören auch immer wieder Straftaten und Diebstähle zum Alltag auf dem Freimarkt. Zwar gingen diese im vergangenen Jahr laut der Bremer Polizei zurück, dennoch gab es immer noch viele Schlägereien, teils mit einem hohen Maß an Gewalt. In diesem Jahr sind viele Sicherheitskräfte vor Ort. Sie schlendern über den Freimarkt, beobachten die zahlreichen torkelnden Besucher, die oft bereits am späten Nachmittag betrunken sind. Doch die meisten bleiben friedlich.

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Auch an einem Schießstand steht eine Gruppe von deutlich angetrunkenen schwedischen Touristen. Sie haben bereits einen ganzen Strauß an bunten Plastikblumen geschossen, die sie nun lallend an junge Frauen verschenken. Die Gruppe möchte weiter zum Bayernzelt, doch Peer Larsson, einer von ihnen, kann sich einfach nicht vom Schießstand trennen und hält sich am Gewehr fest. Er möchte unbedingt noch ein letztes Mal schießen. Seine Freunde packen Larsson unter die Arme – denn es ist Zeit für das Maß Bier und bayerische Alphornmusik.

Fotoreportage Freimarkt anders

Jan Bauer, ein Mitglied der Band Lechis, bläst in das Alphorn.

Foto: Shirin Abedi

Trotz allem faszinierend

Der Freimarkt kann anstrengend und skurril sein. Nicht ohne Grund, bleiben ihm auch einige Bremer fern. Doch die Zeit auf dem Freimarkt ist trotz Müll, Alkohol und Diebstählen faszinierend. Das Portemonnaie ist zum Schluss zwar um einiges leichter, das Lächeln dafür umso größer.

Ob alt, ob jung, ob Bremer oder Schwede – der Freimarkt zieht Jahr für Jahr die Besucher in einen ganz besonderen Bann. Er lässt sie ihren Alltag vergessen und einfach nur eines haben: Spaß.

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