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Der Schmerz aus dem Ameisenpo

Der Förster sammelt Spenden für Ameisen. Doch was will er mit dem Geld machen? Ameisen sind doch gut organisiert, wozu brauchen die Hilfe?
04.05.2019, 14:33
Lesedauer: 2 Min
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Der Schmerz aus dem Ameisenpo
Von Patricia Brandt
Der Schmerz aus dem Ameisenpo
Sabine Rosenbaum

Spenden Sie für Ameisen“ bittet eine sonore Stimme. Sie gehört zu einem Förster mit gemütlichem Bauchansatz. Da steht er auf der Waldlichtung, hinter ihm wird Erbsensuppe an Spaziergänger verkauft, und er hält eine leicht zerbeulte Dose mit Schlitz unter meine Nase. „Bitte.“

Schwerkranke Kinder, einäugige Straßenhunde, von mir aus auch halb abgefackelte Gotteshäuser und stinkreiche Instagram-Ikonen – ich bin da, wenn ihr etwas von meinem Geld braucht. Gäbe es Leute wie mich nicht, wäre Kylie Jenner nie zu ihrer Milliarde gekommen. Ich habe praktisch immer die Spendierhosen an.

Bloß Ameisen gehörten bisher nicht zu den Nutznießern meiner Gunst. Und wenn sie aus meiner Zuckerdose naschen, einen im Küchenschrank vergessenen Lutscher entdecken oder Donuts von der Kaffeetafel stibitzen, dann ohne mein Wissen und vor allem ohne mein Einverständnis.

Es war bisher sogar so, dass ich den Ameisen den Zucker/Lutscher/Donut gleich wieder weggenommen habe. Ich denke nicht im Traum daran, ihnen meine Vorräte zu überlassen. Jedes Kind weiß: Wenn man Ameisen den kleinen Keks gibt, wollen sie gleich die ganze Dämmung aus der Wand.

„Spenden Sie für Ameisen?“, wiederholt der Förster, der zudem Chef der Ameisenwarte ist. Es klingt jetzt eher wie eine Frage. Versuchsweise schüttelt er erneut die Dose.

Während ich unschlüssig in meiner Tasche krame, frage ich mich, was er mit dem Geld anfangen will.

Das Leben der Ameisen ist bestimmt von Disziplin und Arbeitsteilung. Der Straßenbau finanziert sich von allein. Der Superorganismus weiß sich aus eigener Kraft zu helfen. Und wenn ihnen einer blöd kommt, dann schicken sie ihm eine Kamikazeameise auf den Hals, die schnell ihr Hinterteil explodieren lässt. Zumindest, wenn sie aus Borneo stammt. Alle anderen beißen mit dem Vorderteil.

Der Förster steht noch vor mir. Freundlich schaut er aus. Fast bekomme ich Mitleid mit ihm, denn langsam dämmert mir, warum er da mit der Sammelbüchse wartet: Die Waldameisen haben ihn gezwungen, Nachschub an Zucker/Donuts/Lutscher zu besorgen. Im Ameisenstaat nennt man das Rekrutierung zur Futtersuche. Wenn er nicht spurt, wird er vermutlich hart bestraft.

Es klimpert, als mein Zwei-Euro-Stück durch den Schlitz gefallen ist. Mit Verschwörermiene flüstere ich dem Förster zu: „Kaufen Sie Gurken, Mann. Das könnte Ihnen helfen. Ist ein Hausmittel gegen Sie-wissen-schon-wen.“

Info

Zur Sache

Martin Renz von der Stadtbibliothek Bremen empfiehlt:

Wer auch einmal jemanden dazu bewegen möchte, auf einer Waldlichtung Spenden für ihn einzutreiben, sollte in der Tat vielleicht nicht Machiavelli lesen, sondern sich lieber einiges bei einem wohlorganisierten Ameisenstaat ­abgucken! Druckfrisch kommt dazu vom Gütersloher Verlagshaus zum Beispiel „Die fabelhafte Welt der Ameisen“ von Manuela Kupfer und Christina Grätz. (Ja, richtig, das ist die Frau, die über 200 Ameisennester am Berliner Ring umgesiedelt hat. Ameisen umsiedeln ist sozusagen ihr Beruf.) Und wer sich bei seinen Geldeintreibern dann angemessen bedanken möchte, findet eine Reihe von Ideen zum Beispiel in „Brownies, Cookies, Donuts & Co.“ (Naumann & Göbel 2015). Das ist mit 6,99 Euro sogar ziemlich preiswert. Günstiger ist nur noch Leihen.

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