Vorwürfe gegen Wehrmachtsgeneral

Der Stolperstein muss wieder raus

Erstmals wird in Bremen ein Stolperstein entfernt: Es geht um Hans Emil Otto Graf von Sponeck und den für 2007 verlegten Stolperstein in Horn-Lehe. Er soll in Kriegsverbrechen verstrickt gewesen sein.
10.03.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Elke Hoesmann
Der Stolperstein muss wieder raus

Wird wieder entfernt: Der Stolperstein, der in der Horner Heerstraße an den Wehrmachtsgeneral Hans Emil Otto Graf von Sponeck erinnert.

Christina Kuhaupt

Erstmals wird in Bremen ein Stolperstein entfernt. So will es Gunter Demnig, Kölner Künstler und „Erfinder“ der Steine, die an Opfer des Nazi-Regimes erinnern. Es geht um Hans Emil Otto Graf von Sponeck und den für ihn 2007 verlegten Stolperstein in Horn-Lehe. Damit sollte eine mutige Tat des Wehrmachtsgenerals gewürdigt werden, die er mit dem Leben bezahlte. Nach neueren Recherchen war Sponeck aber auch in Kriegsverbrechen verstrickt. Das Bremer Stolpersteine-Projekt will nun die Formalitäten für das Ausgraben klären.

„Ein Stolperstein für ein Nein“ titelte unsere Zeitung nach der Setzung des Steins an der Horner Heerstraße 23, einer ehemaligen Dienstwohnung Sponecks. Trotz Hitlers Durchhaltebefehl hatte er 1941 in offenbar aussichtsloser Lage an der Krim-Front seine Truppen zurückgezogen und damit viele Soldaten vor Gefangenschaft und Tod bewahrt. 1942 verurteilte ihn ein Kriegsgericht wegen Ungehorsams zum Tode, 1944 wurde er hingerichtet.

In der Bundesrepublik galt Sponeck lange als ein mit dem Hitler-Widerstand sympathisierender Befehlshaber. Eine Straße in der Vahr trägt seinen Namen, und in Germersheim, wo ihn ein SS-Kommando erschoss, wurde eine Kaserne nach Sponeck benannt. Künftig aber wird sie „Südpfalz-Kaserne“ heißen, so hat es das Luftwaffenkommando der Bundeswehr entschieden. Den Ausschlag für die Umbenennung gaben wissenschaftliche Befunde, wonach Sponeck an Kriegsverbrechen in der Ukraine beteiligt war.

Wehrmachtsgeneral Graf von Sponeck.

Wehrmachtsgeneral Graf von Sponeck.

Foto: Elke Hoesmann, Kuhaupt

Es war der US-Historiker Erik Grimmer-Solem, der im Dezember 2013 mit einem langen Aufsatz für Wirbel sorgte. Der Professor hatte seine Forschungsergebnisse in der „Militärgeschichtlichen Zeitschrift“ der Bundeswehr veröffentlicht, und die rücken den Grafen in ein anderes Licht. Demnach ließ Sponeck gefangene jüdische Soldaten der Roten Armee und auch Zivilisten an SS und Sicherheitspolizei ausliefern. Auf der Krim soll er angeordnet haben, Juden zur Zwangsarbeit heranzuziehen und Rotarmisten sowie Partisanen ohne Prozess zu erschießen. Sponeck habe zwar die Kraft zum Widerstand gefunden, als es um das Leben seiner Soldaten gegangen sei, aber nicht den Mut aufgebracht, die Vernichtung der Juden abzulehnen.

Vor Grimmer-Solem hatte sich bereits 2004 ein Luftwaffen-Major mit Sponecks Geschichte befasst, wie der „Spiegel“ herausfand. Sponecks „Mitwisserschaft/Beteiligung an Kriegsverbrechen“ stehe für ihn „außer Frage“, schrieb der Major damals an das Luftwaffenamt. Doch das Amt unternahm nichts. Die Bundesregierung kritisierte dies 2014 in ihrer Antwort auf eine Anfrage von Abgeordneten der Linken: Es sei „nicht nachvollziehbar, dass das Luftwaffenamt es unterlassen hat, den Hinweisen über eine mögliche Beteiligung Hans Graf von Sponecks an Kriegsverbrechen weiter nachzugehen“.

Nach dem Bericht des „Spiegel“ zog Gunter Demnig die Reißleine. Falls die Bremer Projektträger den Sponeck-Stein nicht entfernten, würde er ihn selbst herausholen. Die Bremer pochten aber darauf, zunächst öffentlich über die Problematik von Stolpersteinen für Wehrmachtsgeneräle zu diskutieren. Der Stein solle schließlich nicht in einer „Nacht- und Nebel-Aktion“ ausgegraben werden, sagt Marcus Meyer, Mitglied im Beirat des Bremer Projekts.

„Wenn Grenzen zwischen Täter und Opfer verschwinden“ – so der Titel der Podiumsdiskussion kürzlich in der Landeszentrale für politische Bildung. Dabei plädierte die Mehrheit dafür, den Gedenkstein zu entfernen. Es sei unangemessen, hieß es unter anderem, die Erinnerung an ermordete Juden auf eine Ebene mit Wehrmachtsgenerälen zu stellen, die einen Befehl verweigerten. Seit 2007 habe man hinzugelernt und müsse nun, nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, einen Fehler eingestehen.

Eine Passantin läuft am Stolperstein in Horn-Lehe vorbei.

Eine Passantin läuft am Stolperstein in Horn-Lehe vorbei.

Foto: Christina Kuhaupt

Der Stolperstein für Sponeck sei von Anfang an umstritten gewesen, berichtet Meyer. Das Bremer Projekt habe es 2007 aber versäumt, eine breite Debatte zu führen. Zur Verlegung des Steins an der Horner Heerstraße 23 war es auf Initiative des Horn-Leher Stadtteilchronisten Michael Koppel gekommen. Er hatte damals Kontakt zu den Angehörigen des Generals aufgenommen und auch den Stein bezahlt. „Ich halte die Entfernung für nicht gerechtfertigt“, sagt er. Sponeck habe Courage im Krieg bewiesen und die Todesstrafe in Kauf genommen. Gleichwohl sei er auch Täter gewesen. Ein eindeutiges Schwarz-Weiß gebe es nicht, es sei wichtig. darüber zu reden.

Dass Demnig den Stein nicht mehr will, müsse man akzeptieren, sagt Koppel. „Es ist sein Projekt.“ Der Künstler will bei der Entfernung nicht dabei sein, erklärt er auf Nachfrage. Demnig räumt ein, dass bereits andere Stolpersteine auf seinen Wunsch beseitigt wurden. „Das sind Ausnahmen, die schon mal passieren.“

Ein Datum für die Ausgrabung stehe noch nicht fest, sagt Marcus Meyer. „Wir wollen das aber nicht auf die lange Bank schieben.“

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