Tag des offenen Denkmals Der Stolz einer unabhängigen Justiz

An 60 Orten in Bremen öffneten sich an diesem Sonntag die Türen anlässlich des Tags des offenen Denkmals. „Macht und Pracht“ lautete das diesjährige Motto.
10.09.2017, 20:15
Lesedauer: 4 Min
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Von Kristina Bellach

„Staatsanwaltschaft“ steht in großen Lettern über dem Eingangsportal. Es ist der Tag des offenen Denkmals – an 60 Orten in Bremen öffnen sich an diesem Sonntag die Türen, die die Denkmäler sonst verbergen. „Macht und Pracht“ lautet das diesjährige Motto – und Macht und Pracht gibt es für die 50 Teilnehmer zu entdecken, die geführt von Norbert Larisch den Gebäudekomplex zwischen Ostertorstraße und Buchtstraße betreten.

Die vergitterten Fenster zur Rechten seien Überbleibsel des ehemaligen Untersuchungsgefängnisses, erzählt Larisch, der als studierter Jurist lange in der Verwaltung des Hauses beschäftigt war. Heute seien dort die sogenannten Vorführzellen. Wer aus Oslebshausen zur Gerichtsverhandlung kommt, muss dort die Stunden vor dem Termin verbringen.

Landgericht ist erstmals geöffnet

Gesche Gottfried hat übrigens nicht hier gesessen. Sie mordete im frühen 19. Jahrhundert; das Gerichtsgebäude entstand erst zwischen 1892 und 1894 nach einem Entwurf der Architekten Klingenberg und Weber. Von Anfang an war festgelegt, dass es Einzelzellen geben solle, erzählt Larisch.

Damit die Gefangenen keine Zettelbotschaften wandern ließen, schloss man die Backsteinfugen zwischen den Zellen mit Weißtorf. Wendeltreppen geht es hoch, Korridore entlang. Ihre Kamera gezückt, lichtet Regina Logemann die Räume ab. „Es ist total spannend, so ein Gebäude mal von innen zu sehen und mit der Führung etwas über die Historie zu erfahren“, sagt sie.

Böttcherstraße, Rathaus, Dom hat sie in den vergangenen Jahren beim Tag des offenen Denkmals besichtigt. Dass erstmals das Landgericht geöffnet ist, findet sie toll. Wo sich heute in der Mitte des Gebäudes eine Rotunde befindet, in der sich Aktenberge stapeln, war früher der Hof für den Freigang für Männer. Die Ostseite der Staatsanwaltschaft hätte man erst später aufgestockt, berichtet Larisch. Vorher schien die Morgensonne pünktlich zum Freigang herein.

Einblick in die ehemalige Kapelle

Weiter geht es über die Flure, an denen früher die Zellen waren. Heute stehen Plastikblumen in glasierten Keramiktöpfen auf den Fensterbänken und versprühen kümmerlichen Charme. „Viele Frauen scheinen hier zu arbeiten“, bemerkt Besucherin Heidi Bertram, die die Namen an den Zimmertüren studiert. „Das finde ich gut.“

Bevor es über die Brücke mit den hellgrünen Wasserspeiern – die sind übrigens auch vom Brauhaus zu sehen – in den Schwurgerichtssaal geht, gibt Larisch Einblick in die ehemalige Kapelle. Das Gewölbe und die Kapitelle sieht man noch, ansonsten bedecken hellgraue Akustikplatten die Wände.

Den Raum füllen Büromöbel. „Das ist jetzt ein Dienstzimmer“, erzählt der 78-Jährige. „Wir müssen hier mit jedem Quadratmeter geizen, um die Staatsanwaltschaft unterzubringen.“ Die winzige Teeküche für höchstens eine Person kann ebenso als Zeichen der Raumnot gedeutet werden.

Der zum Ausdruck gebrachte Stolz der Justiz

Eine andere Welt tut sich im Saal des Schwurgerichts auf, es ist einer von 15 Sälen im Haus: zur Hälfte sind die Wände mit von Schnitzereien verziertem Holz getäfelt. „Da ist kein Astloch drin zu finden“, merkt Larisch an, „das ist ausgewähltes Eichenholz, von Bremer Handwerkern bearbeitet.“

Darüber erstreckt sich eine opulente Tapete in Dunkelblau, mit goldenen Ornamenten besetzt, die Larisch als Akanthusblätter identifiziert. Was auf manchen protzig wirkt, sei lediglich der zum Ausdruck gebrachte Stolz der Justiz, unabhängig zu sein.

„Das ganze Haus ist das Ergebnis der Märzrevolution 1848. Damals wurde unter anderem die Gewaltenteilung eingeführt“, berichtet Larisch. Den Saal, der wie das gesamte Gebäude Elemente der Renaissance, Gotik und Romanik vereint, mag er sehr. „Es ist ein erzählender Baustil. Wenn man hier durchgeht, ist es wie ein Kriminalroman.“

Todsünden ins Holz geschnitzt

Tatsächlich spricht der Raum, in dem Kapitalverbrechen verhandelt werden, an allen Ecken und Enden. „Richter, richte Recht. Gott ist der Herr, du sein Knecht“, steht auf den von der Decke hängenden Metallreifen, die halb Kronleuchter, halb symbolisches Erdenrund sind.

Zweimal war Heidi Bertram bereits im Gericht, doch die kunstgeschichtlichen Aspekte sind ihr neu. „So habe ich das hier noch nie gesehen“, freut sie sich über die Führung. „Da merkt man erst, was die Handwerker geleistet haben und wie wichtig das Ganze für Bremen ist.“

Hinter der erhöhten Richterbank sind die Todsünden ins Holz geschnitzt. Sie stehen den Tugenden auf der Zuschauerseite gegenüber. Die Laster kommen in Tiergestalt: der Pfau als Hochmut, der Geiz als Geier mit einem Sack Geld im Schnabel.

"Man merkt die Spannung, die hier im Saal ist."

„Nur bei der Wolllust hat sich der Schnitzer vergriffen“, deckt Larisch einen Fehler auf. „Venus“ steht da im Paneel, auf dem ein Pavian als Zeichen der Sittenlosigkeit seinen nackten Hintern reckt. „Venus ist die römische Göttin der Liebe. Da müsste Luxuria für Wollust stehen.“ So kämpfe das Animalische mit dem Guten im Menschen.

„Das eine zeigt, was angeklagt wird, wie der Mensch war. Da entsteht ein richtiger Tugendkampf. Man merkt die Spannung, die hier im Saal ist.“ Über dem Eingang des Saales wachen zwei Engel, zeigt Larisch den Besuchern. Einer verkörpere das Gute, der andere das Böse. Sie blicken still, und doch kämpften sie – um die Richtung, die der Angeklagte ab jetzt einschlägt.

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