Frerk Möller referierte über mittelalterliche Sichtweisen Der Tod führt einen Reigen an

Altstadt. Tanz und Tod als Motive miteinander zu verbinden, das war in früheren Zeiten nicht ungewöhnlich. Bei 'Wissen um elf' im Haus der Wissenschaft sprach der Geschäftsführer des Instituts für niederdeutsche Sprache, Frerk Möller, über'Des dodes dantz. Der tanzende Tod: Das Aufkommen der Totentänze und die Lübecker Totentänze des 15. Jahrhunderts'.
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Von Solveig Rixmann

Altstadt. Tanz und Tod als Motive miteinander zu verbinden, das war in früheren Zeiten nicht ungewöhnlich. Bei 'Wissen um elf' im Haus der Wissenschaft sprach der Geschäftsführer des Instituts für niederdeutsche Sprache, Frerk Möller, über'Des dodes dantz. Der tanzende Tod: Das Aufkommen der Totentänze und die Lübecker Totentänze des 15. Jahrhunderts'.

Drei Motive kennzeichnen den Totentanz: das Stände-Motiv, das Tanz-Motiv und die Figur des Todes. Vorbild ist die Pariser Danse macabre, eine Totentanzmalerei an der Mauer des franziskanischen Friedhofs Aux Saints Innocentes. Über Basel kam der Totentanz nach Deutschland und ganz Europa. Da damals nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung lesen konnten, wurde in Gemeinschaft vorgelesen. Bilder halfen, die Texte zu verdeutlichen.

Die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Totentanz-Darstellung von 1463 in der Lübecker Marienkirche ist ein 30 Meter langes und zwei Meter hohes Wandgemälde. Nahe dem Nordportal - 'einer Himmelsrichtung, die nach mittelalterlicher Symbolik auf Dunkelheit und Tod deutete', sagte Frerk Möller - umrundete es den Innenraum der Beichtkapelle. Abgebildet sind 24 Personen des Standes im Tanze mit dem Tod und dazugehörige Verse.

Um die Verbindung von Tod und Tanz zu begreifen, muss man die damalige Gesellschaft, Städte, Friedhöfe, die Pest und den Tanz verstehen. Im 14. und 15. Jahrhundert änderten sich die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Strukturen grundlegend. Auch Hungersnöte und Seuchen wirkten sich aus: Die Menschen änderten auch ihre Lebensweise und ihre Einstellung zum Leben. Neuartige Gewerbe sowie neue Handels- und Absatzmärkte stärkten die Stellung der Stadt und führten zu Auseinandersetzungen um die politische Vorherrschaft, innerhalb der Städte aber auch zwischen Staatenverbänden. 'Das Sterben war bekannt und vertraut, aber neu und grauenhaft war das gemeinsame Erleben des massenhaften Sterbens, ausgelöst durch die Pest', sagte Frerk Möller. Eine rapide Destabilisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse war die Folge.

Die Pest machte keinen Unterschied zwischen den Ständen. Das Wartenmüssen auf den Tod hatte neben dem Bußetun auch die Idee, den Tag zu genießen, denn es könnte der letzte sein, zur Folge. Frerk Möller sagte: 'Diese Maßgabe führte vereinzelt zu wildesten Ausschweifungen und Festen, die nur ein weiteres Indiz für die kollektive Hysterie waren.'

'Die Vorstellung vom Tod und Gericht als Höllenfahrt rückt im Mittelalter mit dessen Obsessionen für alles Schreckliche und grauenerregend Eingeschwärzte zunehmend in den Vordergrund', erklärte Frerk Möller. Bisher herrschte die Vorstellung, dass das Gericht erst am jüngsten Tag komme, doch nun glaubte man, dass das Urteil über Seligkeit und Verdammnis unmittelbar nach dem Tod gefällt werde. Der Tod war Zeichen göttlichen Zorns. Dieser Vorstellungswechsel hat das Bild des Todes enorm dramatisiert. Die Totentänze sind Ausdruck dieser Angst. Damalige Friedhöfe waren öffentliche, gesellige Orte. 'Häuser konnten hier stehen, Handel konnte getrieben werden, getanzt und gespielt wurde hier, gar der Prostitution nachgegangen', sagte Frerk Möller. Der Tanz galt zunehmend als Ausdruck von Sittenverfall und Lasterhaftigkeit. Dabei galten weniger die Tänze bei Hofe als gefährlich, als vielmehr sogenannte Spring- und Reigentänze, aus denen sich der Paartanz entwickelte. Das ganze Mittelalter

hindurch habe der Tanz als das Mittel gegolten, dessen der Teufel sich bediene, um die Seelen zu fangen und zu verderben. Auch die zum Tanz gespielte Sackpfeife wurde als Erfindung des Teufels angesehen. Wie auch Schalmeien und Trommeln führte sie nach damaliger Auffassung zu Wollust, Ekstase und Sünde: Der Tod als Reigenführer, der die Menschen nach seiner Pfeife tanzen lässt.

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