Neue Leichenschau

Der Tod wird teurer

Am 1. August ist in Bremen die qualifizierte Leichenschau in Kraft getreten, jeder Tote wird zusätzlich von einem Rechtsmediziner äußerlich untersucht. Für die Angehörigen bedeutet das höhere Kosten.
09.08.2017, 18:34
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Der Tod wird teurer
Von Sabine Doll

Hinterbliebene müssen seit dem 1. August höhere Gebühren zahlen, wenn ein Angehöriger stirbt und der Tod bescheinigt wird. Grund ist die Einführung der qualifizierten Leichenschau. Danach muss in Bremen neuerdings jede Leiche zusätzlich von einem Rechtsmediziner oder einem speziell ausgebildeten Arzt untersucht werden.

Bremen ist das erste Bundesland, das dies zur Pflicht macht. Hintergrund ist unter anderem die Mordserie des ehemaligen Krankenpflegers Niels H. in Delmenhorst. Bislang wurde der Tod in den meisten Fällen nur von einem Hausarzt, Notarzt oder einem Krankenhaus festgestellt und bescheinigt.

Nur bei einem Verdacht auf ein Verbrechen oder vor einer Einäscherung wurde ein Rechtsmediziner für eine zusätzliche Untersuchung dazu gerufen. Ziel der qualifizierten Leichenschau ist es, ungeklärte Todesursachen besser aufklären zu können. Das kann ein Mord sein, aber auch ein Unfall oder falsch eingenommene Medikamente.

Massive Kritik an der Umsetzung

Für die Hinterbliebenen bedeutet das: Sie zahlen für die qualifizierte Leichenschau und die Todesbescheinigung 187 Euro, wie aus der entsprechenden Verordnung aus der Gesundheitsbehörde hervorgeht. Die Gebühr für eine Leichenschau vor der Einäscherung lag zuvor bei 114 Euro, diese fällt nun weg, da durch die neue Regelung jede Leiche untersucht werden muss.

An der Umsetzung des neuen Gesetzes hatte es im Vorfeld massive Kritik gegeben – unter anderem vom Leiter des Bremer Instituts für Rechtsmedizin, Olaf Cordes, das die neue Leichenschau organisiert: „Der wesentliche Punkt ist, dass eine qualifizierte Leichenschau immer und unverzüglich am Auffindeort der Leiche von einem Rechtsmediziner vorgenommen wird. Nur dann macht das aus fachlicher Sicht überhaupt Sinn“, sagte er dem WESER-KURIER.

Der Auffindeort kann die Wohnung des Toten, das Krankenhaus oder jeder andere Ort sein. In der monatelangen Debatte über das Gesetz sei das auch der Plan gewesen, das ist im Gesetz aber nicht mehr verpflichtend vorgesehen. Nur wenn den todesfeststellenden Ärzten – etwa dem Hausarzt – etwas auffällt, soll der Rechtsmediziner zum Fundort kommen.

Von einer Qualitätssteigerung kann keine Rede sein

Ansonsten soll der Verstorbene in die Leichenhalle transportiert und dort untersucht werden. Dadurch könnten wichtige Spuren, etwa eines Tötungsdelikts, übersehen werden, so Cordes. „Wie sollen wir als Rechtsmediziner eine Todesursache bewerten, wenn wir die Leiche dann oft erst nach 36 Stunden sehen?“

Diese Kritik äußerte auch die Gewerkschaft der Polizei, Lüder Fasche von der Fachgruppe Kriminalpolizei: „Das ist nicht nur ein Rückschritt, sondern ein Irrsinn.“ Von einer Qualitätssteigerung bei der Leichenschau könne keine Rede sein.

Unzufriedenheit gab es auch bei den niedergelassenen Ärzten, für die sich seit dem 1. August ebenfalls einiges geändert hat: „Bei der Umsetzung gab es einige Startschwierigkeiten. Unter Ärzten, die im ersten Schritt die Todesfeststellung vornehmen, herrschte Unsicherheit über das genaue Vorgehen. Neue Todesbescheinigungen gab es nicht. Die Kommunikationsdefizite sind aber mittlerweile zum größten Teil behoben", sagt der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen, Christoph Fox.

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