Die Familie Vielstich ist seit mehr als 250 Jahren in Lesum ansässig / Ehemals Getränke-Produktion im Bauernhaus mit langer Geschichte Der Tradition verpflichtet

Die Familie Vielstich ist seit Jahrhunderten in Lesum verwurzelt. Johann Christoph Vielstich kam im Jahr 1750 aus Braunschweig nach Lesum. Ebenso geschichtsträchtig ist das Fachwerkhaus An der Lesumer Kirche 22. Es wurde 1784 erbaut, im Besitz der Familie Vielstich ist es seit 128 Jahren. Einblicke in die Geschichte der alten Lesumer.
28.07.2012, 05:00
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Der Tradition verpflichtet
Von Julia Ladebeck

Die Familie Vielstich ist seit Jahrhunderten in Lesum verwurzelt. Johann Christoph Vielstich kam im Jahr 1750 aus Braunschweig nach Lesum. Ebenso geschichtsträchtig ist das Fachwerkhaus An der Lesumer Kirche 22. Es wurde 1784 erbaut, im Besitz der Familie Vielstich ist es seit 128 Jahren. Einblicke in die Geschichte der alten Lesumer.

Lesum. Lesum Nr. 62. Die Adresse hat Charme. Als das Fachwerkhaus An der Lesumer Kirche 22 im Jahr 1784 gebaut wurde, gab es noch keine Straßenbezeichnung. Die Gebäude im Ort waren nummeriert; die Anzahl war schließlich recht überschaubar. Mittlerweile steht das Zweiständerhaus seit 228 Jahren an seinem Platz; flankiert von zwei Eichen, die ebenso alt sein dürften. Das Haus ist aus dem Ortsbild nicht wegzudenken. Auch die Familie Vielstich, in deren Besitz das Gebäude seit 128 Jahren ist, lebt seit Jahrhunderten in Lesum. Unterlagen belegen, dass der Urahn, Johann Christoph Vielstich, bereits im Jahr 1750 aus Braunschweig nach Lesum kam.

Die Tradition verpflichtet. Der Nachfahre und heutige Besitzer, Uwe Peter Vielstich, hat bereits einiges investiert, um das Haus im guten Zustand zu erhalten. "Allein das runde Fenster da oben hat mich ein kleines Vermögen gekostet", sagt der 49-Jährige und zeigt auf einen Lichteinlass im Giebelspitz. Dazu hat er vor drei Jahren zerfallene Fachwerkbalken austauschen, das Dach isolieren und den Bodenraum ausbauen lassen. Obwohl es ein großer Kostenfaktor ist, Uwe Peter Vielstich ist stolz auf das geschichtsträchtige Gebäude. Ebenso, wie auf die lange Familiengeschichte.

Seine Schwester, Petra Bergmann, hat nach dem Tod ihres Vaters vor sechs Jahren damit begonnen, die Historie ihrer Vorfahren zu erforschen. Dabei recherchiert die 51-Jährige sowohl im Familiennachlass, der Kisten voller Dokumente, Briefe und Unterlagen enthält, als auch in den Archiven der Gesellschaft für Familienforschung und des Auswandererhauses in Bremerhaven, denn mehrere Familienmitglieder sind nach Amerika ausgewandert.

Bergmann: "Es ist spannend und macht großen Spaß." Vor allem das Durchforsten der historischen Unterlagen sei interessant. "Ich habe zum Beispiel ein altes Konto-Buch gefunden, das die Nummer 6 bei der Spar- und Leihkasse Lesum hatte." Auch den Stammbaum der Familie konnte Petra Bergmann durch ihre Recherchen immer weiter komplettieren.

Nachdem Johann Christoph Vielstich aus Braunschweig nach Lesum gekommen war, gründete er im Jahr 1755 eine "Pottbäckerei und Fayence-Fabrik". Er stellte eine besondere Art von Keramik und Kachelöfen her, die in ganz Norddeutschland bekannt wurden. Zu den berühmtesten Stücken gehören Öfen im Haus Riensberg und Schloss Schönebeck. 1981 wurde bei Bauarbeiten in der Straße Oberreihe der Brennofen der Manufaktur entdeckt.

Im Jahr 1752 heiratete Johann Christoph Vielstich, 1757 wurde sein Sohn Jacob geboren. Dessen Urenkel, Peter Vielstich, eröffnete im Jahr 1881 eine Mineralwasserfabrik. Kurze Zeit später erweiterte er sein Sortiment mit Weinen und Spirituosen. 1884 heiratete der Getränkehändler die Tochter des Schuhmachers Diedrich Wellbrock. Dessen Vorfahren hatten das Haus "Lesum Nr. 62" erbaut; fortan wurden unter dem Dach des Fachwerkhauses Getränke hergestellt und abgefüllt.

Die Familie führte das Geschäft über drei Generationen. Im Laufe der Jahre baute sie das Haus mehrmals um und ließ es erweitern. In den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts entstand beispielsweise ein Keller, "dort wurden die Getränke abgefüllt", erzählt Uwe Peter Vielstich. 1964 wurde das Haus um einen Anbau erweitert, in den 1970er Jahren das Strohdach durch Ziegel ersetzt. "Meine Eltern hatten immer Angst, dass Feuer ausbrechen könnte", erinnert sich der heutige Besitzer an den Grund für diese Veränderung.

Schon der Firmengründer importierte Spirituosen; sein Sohn und Nachfolger, Diedrich Peter Vielstich, handelte unter anderem mit Wein aus Amerika, Spanien, Italien, Afrika, Griechenland und Frankreich. "So entstand auch das Firmenlogo", erläutert Uwe Peter Vielstich. "Es zeigt im oberen Teil das Vielstich-Haus, im unteren die Hansekogge als Symbol für den internationalen Handel."

Zu den bekanntesten Getränken aus dem Hause Vielstich gehörte die Limonade "Lesmona". "Es gab sie in drei Geschmacksrichtungen", sagt Petra Bergmann, "Zitrone, Orange und ,Apfelsinchen’ – die war noch süßer, als der Orangensprudel." Sie weiß von alten Lesumern: "Viele verbinden den Geschmack von ,Apfelsinchen’ bis heute mit ein wenig Luxus in den schlechten Zeiten während des 2. Weltkriegs." Auch an die besonderen Sprudelflaschen dürften sich viele noch erinnern: In deren ausgebuchteten Hälsen kullerten Glaskugeln, die von der Kohlensäure gegen den oberen Innenrand der Flaschen gepresst wurden und diese dadurch verschlossen. Ein Druck mit dem Zeigefinger genügte, um die Flaschen zu öffnen.

Das Wasser für die Lesmona-Limonade wurde bis in die Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts aus drei Brunnen unter dem Geschäftshaus gewonnen. Bis in die 1980er Jahre, so Bergmann, diente es noch zur Herstellung von Spirituosen. Ebenfalls im Keller befand sich die Anlage zur Reinigung der Pfandflaschen. Die Geschwister erinnern sich lachend: "Als Kinder haben wir uns dort mit Flaschenspülen Taschengeld verdient." Für eine Stunde, so Uwe Peter Vielstich, habe es 50 Pfennig gegeben.

Aus dem Jahr 1924 existiert eine TÜV-Bescheinigung über die technische Prüfung eines Mineralwasserapparates. Die Überprüfung wurde damals vom staatlich beauftragten Dampfkesselüberwachungsverein zu Hannover durchgeführt. "Das Gerät hat bis in die 1960er Jahre gute Dienste geleistet", erzählt Bergmann.

Der Unternehmensgründer Peter Vielstich entwickelte schon im 19. Jahrhundert zahlreiche eigene Rezepte. Sein persönliches Rezeptbuch ist ebenfalls Teil des Nachlasses und enthält unter anderem Zutaten und Zusammensetzung von Ananas-Liqueur, Cognac ordinär, Himbeer Limonade, Boonekamp und einen sogenannten Kuss-Liqueur. Die Nachfolger, der Sohn Diedrich Peter und der Enkel Bernhard Peter, veränderten später die Rezepte und kreierten zusätzlich neue Mischungen.

Bernhard Peter Vielstich stieg 1964 in das Geschäft seines Vaters ein, 1995 übergab er es an seine langjährige Mitarbeiterin Ruth Haßmann, die es unter dem Namen "Lesmona Getränkeservice" als Fachhandel weiterführte. "Die Markenrechte gab unser Vater schon Anfang der 1980er Jahre ab", erzählt sein Sohn. Bis zum Jahr 2005 konnten die Lesumer im "Vielstich"-Haus noch Getränke kaufen, dann wurde das Geschäft endgültig geschlossen.

"Es war schon unseren Eltern wichtig, dass das Haus erhalten und in Familienbesitz bleibt", sagt Vielstich. "Deshalb war die Vermietung an Claudia Wimmer ein Glücksgriff für uns." Die freischaffende Künstlerin eröffnete in den unteren Räumen des Hauses im Jahr 2009 eine Atelier, in dem sie Kunstseminare anbietet und Ausstellungen zeigt. Im oberen Bereich des Hauses hat Uwe Peter Vielstich seit Januar 2011 seine Geschäftsräume. Er ist Handelsvertreter für Süßwaren und vertritt in Asien, Australien und Neuseeland hochwertige Marken wie Feodora, Hachez, Niederegger, Storz und Kalfany.

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