Hubert Jebens alias Jonny Glut

Der Volkssänger wird 70

Unter dem Künstlernamen Jonny Glut besingt Hubert Jebens das Meer. Er wollte immer Dichter werden, nennt sich selbst einen Melancholiker und ist ohne Spiekeroog nicht denkbar. In Kürze wird er 70.
07.09.2019, 21:21
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Der Volkssänger wird 70
Von Marc Hagedorn
Der Volkssänger wird 70

Jonny Glut bezeichnet seine Musik auch als „Waterkantry".

Christina Kuhaupt

Als er das erste Mal John Prine hört, weiß Hubert Jebens sofort: Das ist es. Prine ist mein Mann. Jebens macht Anfang der 70er-Jahre seinen Ersatzdienst in den USA. Fort Wayne, Indiana, viel flaches Land, endlose Felder. In den Städten stehen riesige Industrieanlagen, ehrliche Arbeiter sind hier zu Hause. Hier hört Jebens, wie Prine singt. Lieder über den Großvater, der Zimmermann ist, Lieder über den Vietnam-Heimkehrer Sam Stone und über die Frau, die einfach alles hinter sich lassen möchte. Prines Texte berühren Jebens.

„Ich wollte immer Dichter werden“, sagt Jebens. Er sitzt in seinem Wohnzimmer in einem Eckhaus im Viertel. Er ist Dichter geworden. Er besingt das Meer. Bekannt ist Jebens unter seinem Künstlernamen Jonny Glut. Der steht auch draußen an einem Schild an der Haustür: „Kutterpflaume Jonny Glut, wenn nichts mehr geht.“ Die Kutterpflaume, eingelegt in Likör, fünf Zentiliter, 20 Umdrehungen, gibt’s bei ihm zu kaufen. „Scheint hier der Mond und ich bin gut drauf, dann mach‘ ich heute Außer-Haus-Verkauf“, hat er dazu gereimt und unter den Klingelknopf geschrieben.

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„Texte“, sagt Jebens, „Texte sind mein Ding.“ Er liest viel, in seinen Regalen türmen sich Bücher. Brecht, Huckleberry Finn, Theodor Storm. Und natürlich Blaise Cendrars, sein zweiter Säulenheiliger neben Prine. Cendrars war Schausteller, Fremdenlegionär, ein Abenteurer, zu Hause in der weiten Welt, in der Mandschurei, Brasilien und St. Petersburg. Jebens verschlingt Cendrars Gedichte und Romane. Man muss wissen, wer Prine und Cendrars sind, um Jonny Glut zu verstehen.

Jebens nennt sich selbst einen Melancholiker. Auf seiner Doppel-
CD „Kurz vor überall“ von 2018 zitiert er Cendrars: „Denn es gibt keine unbekanntere Welt und keinen attraktiveren Ort als die menschliche Seele.“ Stundenlang, sagt Jebens, könne er aufs Wasser schauen, dort findet er Bilder für seine Texte. Er notiert sie mit einem Füllfederhalter in einer Kladde. „Wasser“, sagt er, „Wasser ist ewig und unendlich, beim Wort Meer fällt mir Seelentiefe ein.“

Schnell Stimmung in der Bude

Mit 16 segelt er Jolle auf der Alster, später arbeitet er eine Zeit lang im Duisburger Hafen. In seiner Wohnung hängen Bilder, sie zeigen Schiffe, raue See. Wenn Jonny Glut auftritt, solo mit Schifferklavier oder begleitet von ein, zwei Freunden, ist schnell Stimmung in der Bude. Folk und Country, Kuddeldaddeldu und Klabautermann. Jonny Glut ist volkstümlich im Sinne von: nahe bei den Leuten. Wie Hans Albers oder Johnny Cash, „Cash war im Grunde ein Volkssänger“, sagt Jebens.

Wie Prine schreibt Jebens über einfache Menschen, mal nachdenklich, mal sentimental. Aber ihm ist auch der Humor und der Wortwitz von Ringelnatz oder Udo Lindenberg nicht fremd. Und es muss nicht immer Meer sein. „Gestern kam ein Brief aus der Vahr / mit meinem Gedicht für sie von vor sieben Jahren. / Das Gedicht hieß Sommerbaum / der erste Kuss beim Kirschenklau’n markierte unser Jahr“, schreibt Jebens im Song „Arbeitslos in der Vahr“, und weiter: „Dann kriegt‘ ich Arbeit, und das hat alles versaut / abends nur noch Fernsehen geschaut. / Der Kirsch – unser Sommerbaum / wurd‘ vorvorgestern abgehau’n / traum-aus in der Vahr.“

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Bevor Jebens anfängt, als Jonny Glut seine Lieder vor Publikum vorzutragen, vergehen Jahre. Fast so verschlungen wie die Wege von Lieblingsschriftsteller Cendrars sind auch seine. Jebens wird in Hamburg geboren, macht Abi, wird Sozialarbeiter. Eine Umschulung zum Segelmacher verschlägt ihn nach Bremen. Hier erst wird er Jonny Glut. Neben dem Schreiben und Musizieren macht er lange Zeit Jobs auf Honorarbasis. Bis heute vermietet er Ferienwohnungen.

Mitte der 90er-Jahre gibt er ein „Lesestück mit Musik“ heraus, es heißt „Die Nüsse von Cendrars“. Damit tritt er bald in Kneipen und auf kleinen Bühnen auf. „Beim ersten Mal haben die Leute gerufen: ,Wann kommt Musik?‘ Und: ,Wie lange geht es noch?‘“, erzählt Jebens. Eine harte Zeit. Aber lehrreich. Er zieht daraus Konsequenzen, singt seitdem auf der Bühne fast nur noch.

Live mit der Band ist das Sahnehäubchen

Auf CD und manchmal live packt Jebens das große Besteck aus, eine mehrköpfige Band, ganz opulent, Saxofon, Trompete, Schlagzeug, zweite Gitarre, „live mit der Band, das ist Luxus, das Sahnehäubchen“, sagt er. Aber eine eigene Band ist teuer, und das Leben als Künstler nicht immer leicht. Jebens, verheiratet, drei erwachsene Kinder, sagt über das ständige auf Achse sein: „Dein Job ist es, Geselligkeit zu erzeugen, aber es ist ein unsozialer Job für die Familie und dich selbst, vor allem an den Wochenenden.“

Jonny Glut hat sich eine treue Fangemeinde erspielt. Fünf CDs und ein Hörbuch hat er herausgebracht. Um die 80 Auftritte absolviert er im Jahr. „Ich bin eine treue Seele“, sagt er, und deshalb kehrt er immer wieder
an bestimmte Orte zurück, Pusta-Stube, Wienerhof Café und Weserbogen in Bremen, sonst Bremerhaven und Baltrum, Lilienthal und Langeoog, Helgoland und Hambergen. Und Spiekeroog. Natürlich.

Ohne Spiekeroog ist Jonny Glut nicht denkbar. Auf der grünen Insel bezieht er jedes Jahr für mehrere Wochen Quartier, auf dem Zeltplatz. Sein „Basislager“ nennt er Spiekeroog, hier ist Jonny Glut Kult. Das Dorffest liegt noch gar nicht lange zurück. An drei Orten hat er gesungen, beim abschließenden Auftritt vor dem Hotel Zur Linde war die Straße mit Menschen verstopft, Jonny Glut gucken und abfeiern.

Es dauert nicht mehr lang, dann wird er 70. Wie lange macht Jebens als Jonny Glut noch weiter? „Die Frage stellt sich“, gibt er zu. Aber die Antwort mag er sich noch nicht geben. Es sind Momente wie die nach der Breminale, die ihm das Gefühl geben, weitermachen zu müssen. Ein paar Manschetten habe er vor seinem Breminale-Debüt gehabt, sagt er, „da ist ja eher Rave, Dance und Techno“. Aber als er nach seinem Auftritt zu Fuß die paar Meter vom Osterdeich nach Hause durch die Gassen schlendert, gehen ihm die Bilder nicht aus dem Kopf und die Stimmen nicht aus dem Ohr: wie die Leute geschunkelt und wie sie mitgesungen haben. Da war er ganz bei sich, der Volkssänger.

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