Vom Klo zum Klärwerk

Der Weg des Wassers

Wasser marsch! Kanalispekteure, Abwassermeister und Chemie-Technologen sorgen in Bremen dafür, dass im Untergrund alles im Fluss ist. Eine Reportage.
25.12.2015, 00:00
Lesedauer: 8 Min
Zur Merkliste
Von Tobias Meyer

Jeden Tag tun wir es. Drücken die Klospülung, drehen den Hahn auf und in der Regel fließt dann Wasser. Doch was passiert, nachdem es im Abfluss verschwunden ist? Welche Wege nimmt das Wasser, wo wird es gereinigt und wo landet es nach der Klärung? Und wer kümmert sich eigentlich darum, dass das auch alles jeden Tag funktioniert? Wir haben mal in Bremens Kanalisation nachgeschaut.

Wolfgang Ulrich steckt tief in der Scheiße. Knöcheltief, um genau zu sein, in hohen Gummistiefeln, deren Sohlen von braunem Wasser und Klopapierresten umspült werden. Das klingt nicht schön – und das riecht auch nicht gut, wobei: Ganz so schlimm ist es nicht. Die vielen Kanaldeckel in der Straße sorgen für Durchlüftung; und kurz vorher erst hat der Spülwagen mit 180 bar Druck 400 Liter Wasser pro Minute durch den Kanal gejagt, um Ulrich und seinem Kollegen Jürgen Buschbaum den Weg zu bereiten und das Gröbste mit sich zu reißen. Jetzt, an diesem Mittwochmorgen, geht es ums Feine: Die beiden inspizieren den Kanal unter dem Steffensweg in Walle auf Schäden. Jeder Haarriss wird dokumentiert.

2300 Kilometer Abwasserkanal liegen unter Bremens Oberfläche. Aneinandergereiht würden die Rohre bis nach Palermo reichen, aber das Stück, in dem Ulrich jetzt steht, führt nicht nach Italien. Es leitet direkt zum Pumpwerk in Findorff, durch das zwei Drittel des gesamten Bremer Abwassers auf der rechten Weserseite fließen. Statt Meeresrauschen nur das Rauschen der flüssigen dunklen Masse um ihn herum, und ab und zu das dumpfe Geräusch von Fäkalien, die aus einer der runden Öffnungen in der gemauerten Wand in den eiförmigen Kanal plumpsen und fortgetrieben werden. Was eben noch in der Toilette in einem der Häuser aus den Augen aus dem Sinn verschwand, taucht jetzt zu Ulrichs Füßen wieder auf.

Ulrich sieht es nicht. Er nimmt auch den Geruch nicht mehr wahr. „Gewöhnungssache“, sagt er schulterzuckend. Wie das eben so ist, wenn man den Job ein Vierteljahrhundert lang macht. Der 56-Jährige ist seit 25 Jahren Inspekteur bei Hansewasser, einer von sieben. Immer zu zweit steigen sie hinab ins Kanalsystem, 230 Kilometer nehmen sie jährlich unter die Lupe: Mit einer Spezialkamera filmen sie die Kanalwände ab, und oben, im Wagen, sitzt einer und wertet die Aufnahmen aus.

Ulrich steht gebückt, denn der Kanal ist lediglich 1,40 Meter hoch, und nur 93 Zentimeter breit. „Platzangst darfste hier nich‘ haben“, sagt er. 150 Kilometer dieser alten gemauerten Varianten gibt es noch, viele sind über 100 Jahre alt. Werden zu viele Schäden festgestellt, werden sie gegen moderne Kunststoffröhren ausgetauscht. „Riss, fünf Uhr“, murmelt Ulrich, der per Headset mit seinem Kollegen an der Oberfläche verbunden ist, und hält mit der Kamera auf die Stelle. „Haste?“ Dann stapft er weiter, eine Melodie pfeifend, durch den stockfinsteren Kanal. Der Lichtkegel wandert hin und her und auf und ab, doch da ist kaum etwas zu finden, außer dem einen oder anderen dicken Pilz, der von der Decke wuchert. Nicht weiter schlimm.

Nach 200 Metern: Schacht in Sicht. Kurz hoch, über die eisernen Stufen in der Wand. Ulrich lüftet seine Käppi, die mit dünnen Stahlplatten versehen ist und deswegen als Alternative zum Helm taugt. „Erstmal eine rauchen“, sagt Ulrich und steckt sich die Fluppe zwischen die Lippen. Buschbaum tupft sich die braunen Stellen aus dem Gesicht, die seine dreckigen Handschuhe beim Schweißabwischen hinterlassen haben.

Zwei Kilometer weiter, in Findorff, steht das Pumpwerk von Hansewasser. Hier kommt das an, was an Ulrich und Buschbaum vorbeigeschwommen ist, ein Bruchteil von den 120 Litern Wasser, die die Bremer pro Kopf am Tag verbrauchen. 20 Liter weniger als noch in den 90ern, und nur etwas mehr als ein Viertel von dem, was ein New Yorker täglich seinen Abfluss hinunterstürzt, sagt Hansewasser-Sprecher Oliver Ladeur. Eine ganze Menge Wasser, von dem die vier Pumpen im Werk bei Trockenwetter 500 bis 700 Liter pro Sekunde fördern. „Maximal können sie 2800 Liter pro Sekunde verarbeiten“, sagt Sonja Horstmann, Leiterin der Abwasserableitung von Hansewasser.

Für extreme Regenfälle, die das Kanalnetz nicht sofort ableiten kann, gibt es in Bremen mehrere Regenüberlaufbecken, die insgesamt 100 000 Kubikmeter aufnehmen können. Zusätzlich hält das Kanalnetz ein Speichervolumen von 170 000 Kubikmetern bereit. So gibt es beispielsweise ein Steuerbauwerk unter den Fahrspuren des Sterns: Dort wird die Menge gemessen, und im Fall der Fälle eine Wehrklappe abgesenkt, sodass ein zusätzlicher Stauraumkanal gefüllt werden kann. Ein Riesending, 2,80 Meter hoch und 3,20 Meter breit. Führt das Wasser dann zu den Regenüberlaufbecken in der Nähe des Unisees, die 40 000 Kubikmeter fassen können. Am 4. August 2011, das weiß Horstmann noch genau, hat auch das nicht gereicht. „Da kamen in Spitzenzeiten 12 000 Liter Wasser pro Sekunde hier an“, sagt sie. „Da waren die Becken innerhalb von elf Minuten voll.“ Was nicht mehr passt, läuft über in die Wümme.

In der Regel läuft aber alles ganz normal ab. Jetzt zum Beispiel, Mittwochmittag, ist nur die kleine der vier Pumpen in Betrieb. Im Maschinenraum des Werks röhrt und brummt es, sodass man einen Hörschutz aufsetzen muss. Alles läuft vollautomatisiert, erklärt Ralf Otte, Teamleiter Verfahrenstechnik im Bereich der Abwasserableitung. „In Findorff liegt der Geländetiefpunkt. Hier wird das Wasser von den Pumpen angesaugt“, sagt er und deutet auf die Pumpen, „und dann oben weitergeführt.“ Per Druckleitung – zwei Rohre mit einem Durchmesser von dreieinhalb Metern – geht es so nach Gröpelingen, und weiter bis zur Kläranlage in Seehausen. Von Osterholz über das Pumpwerk bis zur Kläranlage braucht es bei Trockenwetter etwa zwölf Stunden.

Reinhard Reichel passt auf, dass dabei nichts schief geht. Der Abwassermeister sitzt in der obersten Etage eines hohen Gebäudes auf dem Gelände der Kläranlage. Früher gab es auf jedem großen Pumpwerk in Bremen eine kleine Leitzentrale, seit 2002 führt alles über die Leitwarte in Seehausen. Zwei Abwassermeister sind hier rund um die Uhr im Einsatz.

Jetzt hat der 59-Jährige Schicht, sitzt inmitten einer kreisförmigen Konstellation aus Schreibtischen und 26 Bildschirmen. Wo auch immer ein Fehler im Bremer Kanalsystem auftaucht, bekommt Reichel ihn elektronisch auf seine Monitore übermittelt. „Täglich sind Schlosser und Elektriker in Kanalsystem und Pumpwerken unterwegs“, sagt der Abwassermeister. Diese müssen sich vor Betreten der Anlagen anmelden – und nach einer halben Stunde einen Knopf vor Ort drücken. „Damit wir sehen, das alles in Ordnung ist.“

Zurück in den Lastenaufzug, runter, raus aufs 300 000 Quadratmeter große Gelände. Peter Schmellenkamp wartet schon, sitzt lässig auf dem Geländer, im Anzug. Der 47-jährige Leiter der Kläranlage hat chemische Technologie studiert und ist seit 17 Jahren bei Hansewasser.

Schmellenkamp geht in eine Halle mit vier riesigen Filterrechen, die Hygieneartikel und andere grobe Stoffe aus dem Wasser entfernen. Wattestäbchen, feuchtes Toilettenpapier, Damenbinden – Dinge, die eigentlich nicht hierher gehören, weil sie besser über den Mülleimer entsorgt werden sollten. Das Material wird nach oben transportiert, die braungrauen Fetzen werden gepresst und in Zehn-Kubikmeter-Containern zum Abtransport gesammelt. „Aber gerade feuchtes Toilettenpapier ist ein Problem“, sagt der Anlagenleiter. Denn das beständige Papier wickle sich um die Rührwerke in der Anlage. „Wir haben da schon drei Meter lange und etwa 60 Zentimeter dicke Zöpfe rausgeholt.“

Nicht immer soll das, was die Bremer runterspülen, wirklich auf Ewigkeit verschwinden: „Einmal haben wir einen Anruf von einem völlig aufgelösten Vater bekommen“, erinnert sich Schmellenkamp. „Sein Sohn hatte aus Versehen 5000 Euro die Toilette runtergespült.“ Doch so etwas nach dem langen Weg durch den Kanal in der Kläranlage wiederzufinden, sei nahezu unmöglich. Das muss der Anlagenleiter auch immer wieder Leuten erzählen, die auf der Suche nach verloren gegangenen Personalausweisen, Führerscheinen oder anderen wichtigen Dokumenten bei ihm auftauchen. „Da kann man in der Regel nichts mehr machen.“

Denn darum geht es ja bei der Kläranlage: Alle Fremdkörper aus dem Wasser sollen entfernt werden. Das ist mittlerweile pechschwarz, weil es mit Eisensalz und Schwefelwasserstoff gefällt wird. „Durch die Gasentwicklung kann es sonst zu Explosionen kommen“, weiß Schmellenkamp. Außerdem werde der Geruch so etwas abgeschwächt.

Trotzdem: Es stinkt absonderlich. Das Atmen fällt schwerer, je weiter man in das Klärsystem vordringt. Das Wasser erreicht nun den Sandfang, wird in Rotation versetzt, der Sand sinkt herab und wird abgepumpt. Rund 1000 Tonnen kommen so zusammen. Doch diese Kilotonne kann nicht wirklich genutzt werden. „Durch den langen Transport im Wasser sind die Körner rund geschliffen“, sagt Schmellenkamp. Zum Bauen eignen sie sich also nicht. Sie werden auf die Mülldeponie gebracht, wo sie dann verwachsen.

Nach dieser Stufe sind die Fäkalien immer noch im Wasser, also geht es ab in die Vorklärung: riesige Becken unter freiem Himmel im hinteren Teil des Areals, über die im Zeitlupentempo Balken fahren. Das Wasser blubbert, weil sich Gase entwickeln. Der Fäkalienschlamm kommt in Faulbehälter mit 10.000 Kubikmeter Fassungsvolumen und wird im Blockheizkraftwerk in Strom und Wärme umgewandelt, mit der sich die Kläranlage seit 2014 selbst versorgt.

Und das Abwasser? Gelangt nach der mechanischen nun in die biologische Klärung, sagt Schmellenkamp. Der 47-Jährige schreitet mit großen Schritten über das Gelände, über den Parkplatz weiter bis zur anderen Seite, auf der sich weitere Becken befinden. Möwen kreisen über dem Wasser, Möwen sitzen am Rand. „Hier geben wir jetzt Belebtschlamm dazu“, erklärt er. Kleine Mikroorganismen, die dann den Kohlenstoff abbauen. Durch die Zugabe von Sauerstoff wird Stickstoff umgebaut, anschließend das Phosphor gefällt, und schließlich, nach einer ganzen Menge weiterer biochemischer Prozesse, ist das Wasser sauber und wird in die Weser gepumpt. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann es wieder zu den Füßen von Ulrich und seinen Kollegen auftaucht.

Vom Klo zum Klärwerk: Der Weg des Wassers

Station 1: Der Wasserhahn

Duschen, Zähneputzen, Wäsche waschen: 120 Liter Wasser verbraucht der Bremer am Tag. Im Jahr werden im gesamten Stadtgebiet von Haushalten, Gewerbe und Industrie nach Angaben der SWB 31 Millionen Kubikmeter Trinkwasser genutzt, das zu 80 Prozent aus niedersächsischen Grundwasserwerken stammt. Sobald es im Abfluss verschwindet, landet es in der Kanalisation – und begibt sich auf einen langen Weg zur Wiederaufbereitung im Klärwerk.

Station 2: Die Kanalisation

Jedes Haus in Bremen ist an einen Kanal angeschlossen. Wird etwa die Spülung betätigt, landet das Wasser in sogenannten Sammlern und fließt weiter Richtung Pumpwerk. 2300 Kilometer dieser Kanäle liegen unter Bremens Oberfläche. Manche sind riesengroß, mit einer Höhe von 2,80 und einer Breite von 3,20 Meter; in anderen kann ein Erwachsener kaum gebückt stehen. Jedes Jahr werden circa zehn Prozent des gesamten Kanalnetzes von sieben Hansewasser-Kanalinspekteuren auf Mängel untersucht. Zwei von ihnen sind Wolfgang Ulrich und Jürgen Buschbaum: Sie filmen mit einer Spezialkamera die Wände ab. Damit sie selbst nicht in Gefahr geraten, tragen sie immer ein Gerät bei sich, das giftige Dämpfe erkennt und ein Warnsignal gibt.

Station 3: Das Pumpwerk

Das Pumpwerk in Findorff ist die erste große Zwischenstation für das Abwasser – dort liegt quasi der Geländetiefpunkt. Bis zu 2800 Liter können die insgesamt vier großen Pumpen des Werks pro Sekunde ansaugen, um sie dann per Druckleitung über Gröpelingen weiter in Richtung Klärwerk in Seehausen zu leiten. Sonja Horstmann und Ralf Otte achten darauf, dass dabei nichts schief geht.

Station 4: Das Klärwerk

Wenn das Abwasser irgendwo ins Stocken kommt, kriegt Rolf Leymann das als erster mit: Er ist Abwassermeister in der Leitzentrale der Kläranlage und zuständig für alle Prozesse in den Kanälen. Rundherum um das Gebäude stehen die Becken und Maschinen, in denen dem Wasser Fäkalien und andere Stoffe entzogen werden. Der Schlamm, der dabei entsteht, wird im Blockheizkraftwerk in Energie umgewandelt, mit der sich die Kläranlage seit 2014 selbst versorgt. Das saubere Wasser wird schließlich wieder der Weser zugeführt – und beginnt seinen Weg von vorn.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+