Herbstserie Teil 6: Moorexpress Der Weg ist manchmal das Ziel

Bei einer Fahrt mit dem historischen Moorexpress hat es keiner eilig. Unterwegs zwischen Bremen und Stade kann man den Alltagsstress für ein paar Stunden hinter sich lassen.
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Von Peter von Döllen

Der kleine rote Zug wirkt in dem großen Bremer Bahnhof ein wenig verloren. Langsam rollt er auf Gleis acht ein. Es ist 8.52 Uhr an einem Sonnabendmorgen. Zugführer Günther Böttjer steigt mit den Fahrgästen aus dem Moorexpress. Auf dem Bahnsteig warten schon neue Gäste, die eine Fahrt nach Worpswede, Gnarrenburg oder Stade machen wollen. Eilig hat es aber keiner von ihnen. Den Alltagsstress wollen sie einige Stunden hinter sich lassen.

Es ist bestimmt keine schlechte Idee, sich dafür in den historischen Zug der Eisenbahnen und Verkehrsbetriebe Elbe-Weser GmbH (evb) zu setzen. „Wir machen eine Lustfahrt“, sagt Karl Heinz Cordes aus Bremen-Nord. Seine Frau Gisela präzisiert: „Wir hoffen, dass wir ein wenig von unserer schönen, flachen Landschaft sehen werden.“ Das Wichtigste sei aber die Entschleunigung. Der Moorexpress zuckelt, anders als der Name vermuten lässt, in eher gemäßigtem Tempo durch die Ebene, vorbei an Wiesen, Äckern und Moor.

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Während die Gäste einsteigen, tauscht Böttjer die roten Filter der Lampen am Zug. Bremen ist eine der Endstationen, in einigen Minuten wird er sich wieder in Richtung Stade, dem Bremer Pedant am anderen Ende der Strecke, auf den Weg machen. Die beiden Triebwagen tauschen nun die Rollen. Vorne ist jetzt hinten und umgekehrt. Deshalb müssen die roten Filter nach hinten, wo sie den Schluss des Zuges markieren.

Oft ist der Weg das Ziel. So kann man es auch beim Moorexpress sehen. Die ruhige Fahrt mit ihrer Aussicht bietet reichlich Gelegenheit, den Blick durch die Gegend schweifen und die Seele baumeln zu lassen – eine kleine Auszeit. Doch die Fahrt im Moorexpress verspricht noch mehr: Sie verbindet viele Punkte, an denen es etwas zu sehen, zu erleben oder zu tun gibt. So gesehen sind die alten Züge Ausgangspunkt für viele verschiedene Auszeiten. Jeder Fahrgast kann seinen Ausflug mit dem Moorexpress nach eigenem Gusto gestalten.

Gisela und Karl Heinz Cordes wollen sich in Stade umsehen und einige Museen besuchen. Es ist ihre erste Fahrt auf dieser Strecke. „Ich bin durch eine Zeitungsannonce darauf gekommen“, erzählt Gisela Cordes. Unterdessen hat der Moorexpress Fahrt aufgenommen. Noch rollt er auf dem öffentlichen Schienennetz. Immer wieder rauschen Personen- oder Güterzüge vorbei, im Sog des Fahrtwindes ist ein Ruckeln und leichtes Zittern zu spüren. Diese rasanten Begegnungen unterstreichen die Gemütlichkeit der eigenen Fahrt.

Verbindung mit langer Geschichte

Die Verbindung geht auf die Bremervörde-Osterholzer Eisenbahn zurück, 1909 eröffnet. Schon 1897 gab es erste Ideen dazu. Große Unterstützung fanden die Pläne durch den Gnarrenburger Fabrikanten Hermann Lamprecht. Seine Marienhütte stellte Medizinflaschen mit patentierten Tropfenzählerstöpseln her, die umständlich mit Pferdefuhrwerken nach Oldenbüttel zur Bahn oder auf dem Wasserweg befördert werden mussten.

Nach einer wechselhaften Geschichte fuhren die roten Triebwagen am 18. März 1978 zum letzten Mal planmäßig zwischen Bremervörde und Osterholz-Scharmbeck. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde die Strecke eingestellt. Eine Wende gab es zur Expo-Weltausstellung in Hannover 2000. Die damalige Landtagsabgeordnete Brunhilde Rühl (CDU) aus Osterholz-Scharmbeck setzte sich für einen Sonderverkehr ein, der die Region mit Hannover verbinden sollte Die Gleise wurden instand gesetzt. Die ersten Fahrten erfolgten täglich und unterstützten die Weltausstellung Expo in Hannover.

Heute fahren im Sommer an den Wochenenden und an Feiertagen historische Züge der evb zwischen Bremen und Stade. Die Strecke führt über Osterholz-Scharmbeck, Worpswede, Gnarrenburg, Bremervörde, Kutenholz und Fredenbeck. Rund 15 000 Fahrgäste nutzen den Moorexpress pro Saison, die hauptsächlich vom 1. Mai bis zum 3. Oktober geht. Dazu kommen Sonderfahrten, beispielsweise im Dezember, wenn der Weihnachtsmarkt in Stade angesteuert wird. Am aktuelle Plan für diesen Winter wird im Moment noch gearbeitet.

„Die Bremer fahren meist bis nach Worpswede“, erzählt Günther Böttjer. Die Stader seien hingegen bis Bremen an Bord. Nach einem kurzen Halt auf dem Worpsweder Bahnhof verteilt der Begleiter kleine Ansichtskarten an die zugestiegenen Fahrgäste. Auf der einen Seite ist ein Bild des Moorexpresses zu bewundern. Auf der Rückseite ist aufgelistet, was die Fahrgäste an Getränken erwarten können. Moorbier, Jan Torf, Wein und alkoholfreie Getränke stehen bereit. Auch kleine Snacks wie Erdnüsse oder Chips sind vorhanden. Mehr ist in den alten Wagen nicht machbar. Langsam rumpelt der Zug auf der alten Bahnbrücke über der Hamme. Einige Mitfahrer haben Kameras und Smartphones gezückt, um das Motiv nicht zu verpassen.

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Ein Kind schaut sich die Schilder längs der Strecke an. Immer wenn der Zugfahrer ein „P“ sieht, betätigt er die typische Hupe. Sie soll den Verkehr warnen, wenn der Zug Straßen oder Wege kreuzt. Irgendwie gehört das ständige Geräusch zur Fahrt dazu. Manche Übergänge sind nur mit Lichtanlagen versehen. Größere wurden in den vergangenen Jahren mit Schranken ausgerüstet.

Gemütlichkeit in rustikaler Atmosphäre

Zwischendurch schweifen die Blicke durch den Triebwagen. Der älteste wurde 1958 gebaut, und das sieht man ihm auch an. An einigen Stellen sind immer noch Beschriftungen aus der Bauzeit zu sehen. Kabel laufen über das Dach nach hinten, kaum etwas wurde hinter Verkleidungen versteckt. Zwischen zwei Triebwagen wird ein Waggon für Fahrräder mitgeführt. Gemischte Touren sind offenbar beliebt. Dabei radeln die Ausflügler eine Strecke und machen es sich im Moorexpress dann auf der Rückfahrt gemütlich. Andersherum geht's auch: Dann bringt der Moorexpress die Radfahrer an Stellen, von denen aus man Touren machen kann.

Der gut ausgeschilderte Radwanderweg „Vom Teufelsmoor zum Wattenmeer“ beispielsweise umfasst 450 Kilometer. 99 davon verlaufen zwischen Bremen, Worpswede, Gnarrenburg, Bremervörde und Stade, immer nahe der Moorexpress-Strecke.

In Ritterhude, Worpswede, Osterholz-Scharmbeck und Gnarrenburg ist der Umstieg auf ein anderes historisches Transportsystem möglich: den Torfkahn. Früher wurde mit ihm Torf transportiert. Die Kähne sind zu einem Synonym der Region geworden und bei Touristen beliebt. Überall an der Strecke warten Ausflugspunkte, die wegen ihrer Vielzahl an dieser Stelle nicht alle aufgezählt werden können. Einen Überblick gibt ein Flyer, der beispielsweise auf der Internetseite www.moorexpress.de eingesehen oder heruntergeladen werden kann. Zudem kann der Moorexpress auch als gemütliches Transportmittel zu vielen Veranstaltungen in der Region genutzt werden.

Info

Zur Sache

Räder kosten vier Euro

Der Moorexpress verkehrt zwischen Bremen und Stade. Für die gesamte Strecke brauchen die Züge rund zwei Stunden und 35 Minuten. Teilstrecken sind möglich. Die Fahrpreise für Erwachsene liegen je nach Streckenlänge zwischen vier und 15 Euro. Für Kinder, Gruppen und Familien gibt es spezielle Angebote. Hunde können zum Kindertarif mitfahren. Räder werden für vier Euro befördert. 54 der 90 Sitzplätze können reserviert werden. Fahrkarten können an den Vorverkaufsstellen oder im Zug gekauft werden. Fahrpläne, Vorverkaufsstellen und weitere Informationen gibt es im Internet unter www.moorexpress.de und auf der Homepage www.evb-elbe-weser.de/reise-freizeit/moorexpress.

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