Geschichtswerkstatt Gröpelingen hat den ersten historischen Rundgang eingeweiht Der Weg vom Dorf zum Arbeiterstadtteil

Lindenhof. Woher kommt eigentlich der Name Gröpelingen? Für Günter Reichert, den Vorsitzenden der Geschichtswerkstatt Gröpelingen, ist diese Frage so etwas wie eine Steilvorlage. Seit vielen Jahren schon beschäftigt sich der gebürtige Gröpelinger mit der Heimatgeschichte seines Stadtteils und weiß genau, wie und wo alles begann.
17.12.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anne Gerling

Woher kommt eigentlich der Name Gröpelingen? Für Günter Reichert, den Vorsitzenden der Geschichtswerkstatt Gröpelingen, ist diese Frage so etwas wie eine Steilvorlage. Seit vielen Jahren schon beschäftigt sich der gebürtige Gröpelinger mit der Heimatgeschichte seines Stadtteils und weiß genau, wie und wo alles begann.

Auf einem Dünenrücken am Rande der Weser nämlich, die sich damals etwa zwischen der heutigen Goosestraße und der Waltjenstraße krümmte, wurde 1331 die allererste Kirche der kleinen Ansiedelung errichtet. Neben der Düne verlief ein Graben, auch „Gropen“ genannt. Und, so Reichert: „Die Gropelinger oder auch Gröpelinger waren diejenigen, die am Gropen gesiedelt haben.“

Die Alte Gröpelinger Kirche gibt es heute nicht mehr, 1959 wurde sie abgerissen und über ihren alten Friedhof hinweg später die Stapelfeldstraße gebaut. Als Arbeiter dabei Knochen ans Tageslicht beförderten, erwirkte der bekannte Gröpelinger Bürgeraktivist, Kommunist und Hafenrandstraßengegner Heinz de Vries einen wochenlangen Stopp der Arbeiten.

Den alten Kichenstandort am Autohaus Müssemann an der Stapelfeldtstraße 7 markiert jetzt eine Informationstafel, in der Einfahrt ist noch das Kopfsteinpflaster der ehemaligen Kirchenallee zu erkennen. Die Weser verläuft inzwischen weiter westlich. Wer aber genau hinschaut, der sieht sogar vis-à-vis am Straßenrand ein letztes Überbleibsel der ehemaligen Düne.

Der alte Kirchenstandort ist Ausgangspunkt eines Historischen Rundgangs durch das Lindenhofviertel – den historischen Kern des alten Dorfes Gröpelingen – den die Geschichtswerkstatt Gröpelingen entwickelt und ausgeschildert hat. Jetzt konnte dieser geschichtsträchtige Spaziergang offiziell eingeweiht werden – mit einem besonderen Gast und Günter Reicherts „Lieblings-Gröpelinger“: Jens Böhrnsen, damals noch Bremens Bürgermeister, hatte voriges Jahr am 4. Mai gemeinsam mit Vertretern der Geschichtswerkstatt die erste Informationstafel des Rundgangs am ehemaligen AG-Weser-Verwaltungsgebäude, dem heutigen Hansewasser-Sitz, enthüllt. Mit der Ansiedelung von „Use Akschen“ im Jahr 1903 hatte sich schließlich so ziemlich alles im bis dahin beschaulichen Gröpelingen verändert.

Nun war Böhrnsen wieder in Gröpelingen – wo er auch aufgewachsen ist – um die Fertigstellung des „Roten Rundgangs“ mit den engagierten Heimatforschern zu feiern. Dabei zeigte er sich begeistert von der Arbeit des Vereins: „Ich bin jedes Mal wieder begeistert, wie ihr hier Geschichte lebendig werden lasst – die dunklen und die besseren Kapitel. Und wie ihr an den Gang der Geschichte erinnert, der auch Gröpelingens Gesicht völlig verändert hat.“

Die Tour führt unter anderem vorbei an einem großen roten Koloss: Die Getreideverkehrsanlage war mitten im Ersten Weltkrieg erbaut worden und ist bis heute randvoll mit Korn und Kaffee. Der erste Teil war 1919 fertiggestellt worden, weitere Abschnitte folgten 1932, 1972 und 1984. So unterschiedlich die einzelnen Teile auch aussehen: Die GVA ist laut Reichert ein reiner Betonbau, „stabiler und sicherer als jeder Bunker“. Zu Kaisers Zeiten aber wurde noch zu Gunsten der Optik verklinkert – die Anlage gilt als das größte mit Backsteinen verkleidete Gebäude Europas.

An Station 4, dem Fähranleger am Pier 2, rückt eine enge Verbindung in den Blick: Das Dorf Lankenau am gegenüber liegenden Weserufer war seit dem Mittelalter mit Gröpelingen eng verbunden. Bis 1750 nämlich hatten die Lankenauer keine eigene Kirche und mussten zu Gottesdiensten, Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen mit Booten übersetzen. Um 1900 wechselte dann die Richtung: Nun waren es die Gröpelinger, die in Scharen zum Badevergnügen an Lankenaus feinkörnigen Sandstrand strömten.

An der Lindenhofstraße 46 / Ecke Ort-

straße birgt der Rundgang eine Riesenüberraschung: Dort ist nachzulesen, dass sich Ende des 19. Jahrhunderts zwischen Lindenhofstraße, Goosestraße, Pastorenweg, Ortstraße und Gohgräfenstraße ein rund sieben Hektar großer Landschaftspark erstreckte – das Landgut Lindenhof, das schließlich neuen Straßenzügen wich, an denen nun Häuser für die Hafen- und Werftarbeiter gebaut wurden.

Auch an die drei alten Gröpelinger Bauernhöfe Gäbel, Juchter und Mattfeldt erinnert der Rundgang. Bei Gäbels wird bis heute im Nebenerwerb Vieh gehalten. Der Mattfeldt-Hof wiederum galt als schönstes und größtes Gröpelinger Bauernhaus, bis er 1995 einer Brandstiftung zum Opfer fiel. Georg Geils-Lindemann, dessen Mutter den Hof in den 1950er-Jahren von ihrer Tante Helene Mattfeldt geerbt hatte, hat dort 1999 die Bibliothek gebaut und an die Stadt vermietet.

Beim Rundgang mit Günter Reichert hatte Geils-Lindemann nun eine überraschende Anekdote parat: Im Zweiten Weltkrieg war das Gestühl der alten Dorfkirche ausgebaut und in Mattfeldts Scheune in Sicherheit gebracht worden – fiel aber schließlich einem Bombenangriff auf die benachbarte AG Weser zum Opfer. Eine Bank allerdings hatte im Bauerngarten gestanden und war dem Angriff entgangen – sie ziert bis heute Georg Geils-Lindemanns Garten.

Finanzieren konnte die Geschichtswerkstatt den Rundgang dank großzügiger Sponsoren, mit Globalmitteln des Beirats und einem Zuschuss der Bürgerstiftung Bremen; um die Informationstafeln an den Gebäuden anbringen zu können, bedurfte es der Einwilligung der Grundstückseigentümer und auch das Landesamt für Denkmalpflege war mit im Boot. Eine Tafel konnte die Geschichtswerkstatt am Ende aber nicht anbringen: Die Erinnerungen an die Zwangsarbeit im „Bunker Hornisse“ erschien den heutigen Nutzern offenbar als zu hässlich. Aber auch die dunklen Kapitel in Gröpelingens Vergangenheit sollten nicht vergessen werden, wünschen sich die Geschichtsbegeisterten um Günter Reichert.

Drei weitere Rundgänge will die Geschichtswerkstatt auf den Weg bringen und das gesamte Projekt mit einer Broschüre und einer Handy-App begleiten. Wer den „Roten Rundgang“ entlangspazieren und sich auf Gröpelingens Spuren begeben möchte, der bekommt ein entsprechendes Faltblatt bei der Geschichtswerkstatt Gröpelingen, Liegnitzstraße 61. Mehr Informationen unter Telefon 614815.

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