Alte Fotos erzählen: Bürgermeister Karl Kürten setzt immer wieder seinen Kopf durch Der Weg vom Dorf zum Industriestandort

Die Nordbremer kommen bis heute in den Genuss einiger Annehmlichkeiten, die auf Entscheidungen von Bürgermeister Karl Kürten zurückgehen. Kürten bewies beispielsweise Weitblick, als er 1923 im Gemeinderat beantragte, den an der Weser entlangführenden Weg vom Rönnebecker Hafen bis Farge einschließlich des Baumbestandes und des Vorlandes unter Schutz zu stellen. Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Blumenthal vom Dorf zum Industriestandort.
23.02.2012, 05:00
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Von ULF FIEDLER

Die Nordbremer kommen bis heute in den Genuss einiger Annehmlichkeiten, die auf Entscheidungen von Bürgermeister Karl Kürten zurückgehen. Kürten bewies beispielsweise Weitblick, als er 1923 im Gemeinderat beantragte, den an der Weser entlangführenden Weg vom Rönnebecker Hafen bis Farge einschließlich des Baumbestandes und des Vorlandes unter Schutz zu stellen. Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Blumenthal vom Dorf zum Industriestandort.

Blumenthal. Die Uferpromenade zwischen dem Rönnebecker Hafen und Farge war Anfang des 19. Jahrhunderts durch alte Anliegerrechte und Unterspülungen teilweise nicht passierbar. Auf Anregung von Bürgermeister Karl Kürten wurde der Weg vom Müllerloch bis zum Rönnebecker Hafen für 200 Mark instand gesetzt.

Bedeutsam für die Wohnqualität Blumenthals ist auch der Löhwald. Der Forst-ort Löh mit seinem umfangreichen Waldbestand - er reichte damals von der Landrat-Christians-Straße bis nach Beckedorf - gehörte dem Preußischen Staat. 1929 erklärte der Fiskus, den Wald nicht mehr nutzbringend verwalten zu können und bot das Gelände zum Verkauf. Es gab einige Interessenten.

Aufgrund der damals herrschenden Wohnungsknappheit sah Bürgermeister Kürten die Gefahr, dass der Wald abgeholzt, parzelliert und mit Mietskasernen bebaut werden könnte. Auf sein Betreiben beschloss der Gemeinderat, den Löhwald für 300000 Mark zu kaufen. Diese Entscheidung stieß auf erheblichen Widerstand. Kürten setzte auch hier mit besseren Argumenten seinen Kopf durch. Die Entscheidung erweist sich heute als Gewinn.

Als sichtbares Zeichen für den Einstieg der dörflichen Gemeinde in das Industriezeitalter kann das Blumenthaler Rathaus gesehen werden. Es wurde 1909 eingeweiht und löste damals ein Verwaltungsprovisorium ab. Auf etwa 30 Quadratmetern in einem Privathaus wurde vor dieser Zeit sämtliche Verwaltungsgeschäfte, einschließlich Gemeindekasse und Standesamt, erledigt.

Der Sog der Bremer Woll-Kämmerei und der Vorteil einer wachsenden Infrastruktur führten dazu, dass sich eine Reihe von Dörfern Blumenthal anschlossen. So wurden 1907 die Gemeinden Lüssum, Bockhorn und Rönnebeck nach Blumenthal eingemeindet, später folgte auch Neurönnebeck. Dadurch stieg die Einwohnerzahl auf 10800.

Die Schnelligkeit dieser Entwicklung verlangte entschlossenes Handeln. Karl Kürten, von 1911 bis 1930 Bürgermeister von Blumenthal, gewährt in seinen als Broschüre herausgegebenen Erinnerungen an seine Dienstzeit aufschlussreiche Informationen.

Der Bau einer kommunalen Wasserversorgung und Kanalisation fiel ebenfalls in seine Amtszeit. Auch die Gasversorgung mit zwei Gasbehältern an der Rönnebecker Bahnstation setzte er durch - gegen den Generaldirektor der BWK Ferdinand Ullrich, der mit im Gemeinderat saß. Ullrich konterte den Vorschlag Kürtens auf eine Gasversorgung mit den Worten: "Wenn Sie auch hier Ihren dicken Kopf durchsetzen wollen! Aber kommen Sie mir nachher nicht, wenn es mal nicht funktioniert!"

Bauamt entsteht unter Kürtens Regie

Unter seiner Regie wurde zudem ein Bauamt eingerichtet. Architekt Michael Fischer wurde als dessen Leiter verantwortlich für Baufluchtlinien und Bauordnung, Straßenbau und Begradigung und stieß immer wieder auf heftigen Widerstand, wenn Bewohner ihre Vorgärten zugunsten einer Straße hergeben mussten. Der Wasserturm und das Sparkassengebäude sind zwei der markantesten Bauwerke, die in dieser Zeit entstanden.

Die Auebrücke bei Ständer am Ortseingang war ein Sorgenkind. Die erste Brücke wurde 1630 erbaut. Vor dieser Zeit war die Überquerung der sehr viel breiteren Aue nur über eine Furt möglich. Als flache Mulde reichte diese von der Mündung der Lüder-Clüver-Straße bis zur alten Kirche. Für die Bauern mit ihren beladenen Wagen war die Überquerung oft eine mühseliges Unternehmen.

Zwischenzeitlich wurde die Brücke erneuert. Wahrscheinlich zur hannoverschen Zeit 1793 als Georg III König von Hannover und England war. Ein bei Bauarbeiten dort gefundener Brückenstein mit den königlichen Initialen wurde an das neue Brückengeländer angebracht. Ob er an einen Neubau der Brücke oder eine bedeutende Ertüchtigung erinnert, ist nicht belegt. Jedenfalls war die Überwegung der Aue auf der alten Heerstraße auch militärisch von Bedeutung. Die Fahrbahnbreite der im Jahr 1930 neu erbauten Brücke maß 14,50 Meter. Ein Umbau in neuerer Zeit als Busknotenpunkt lässt den ursprünglichen Charakter der Brücke inzwischen kaum noch erkennen.

Karl Kürten schreibt in seinen Erinnerungen: "Der Einwohnerzahl, seiner wirtschaftlichen Bedeutung und Entwicklung entsprechend, hätte Blumenthal längst die Verleihung der Stadtrechte beanspruchen können. Die Gemeinde hat vollständig städtischen Charakter." Finanzamt, Zollamt, Katasteramt, Amtsgericht, Eisenbahnanschluss, Sparkasse, Fähren, Kreishandwerkerschaft, mehrere Volks- und Berufsschulen, eine Mittelschule und Feuerwehr sowie eine völlig intakte verkehrsmäßige Infrastruktur waren vorhanden.

Was also hinderte den Bürgermeister daran, diesen Antrag zu stellen? Mit der Annahme der Städteordnung wäre die Verwaltung wesentlich umständlicher und kostspieliger geworden. Außerdem hätten die gesamten Polizeilasten übernommen werden müssen. Für den sparsamen preußischen Beamten war dieser Schritt in Zeiten industrieller Veränderung deshalb keine Option.

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