Zum Tod des Bremer CDU-Chefs Jörg Kastendiek

Der Wegbereiter

Ein Sieg der Bremer CDU bei der Wahl am 26. Mai: Das war das große Ziel des Landesvorsitzenden Jörg Kastendiek. Er erreicht es nicht mehr, doch der 54-Jährige hat seine Partei wieder handlungsfähig aufgestellt.
14.05.2019, 19:46
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Der Wegbereiter
Von Jürgen Theiner
Der Wegbereiter

Jörg Kastendiek führte die Bremer CDU seit 2012.

Frank Thomas Koch

Jörg Kastendiek wird ihn nicht mehr erleben, den Moment, auf den er lange Jahre hingearbeitet hat. Sollte die Bürgerschaftswahl am 26. Mai den Machtwechsel herbeiführen, dann fände er ohne seinen Architekten statt. Am Ende eines Krebsleidens schwanden Kastendiek die Kräfte, am Montagnachmittag ist der Landesvorsitzende der Christdemokraten im Alter von nur 54 Jahren gestorben.

Jörg Kastendiek bildete mit Thomas Röwekamp und Jens Eckhoff ein Dreigestirn nahezu gleichaltriger Führungsfiguren, die die Bremer CDU seit den Neunzigerjahren geprägt haben. In dieser machtpolitischen Konstellation, die immer wieder neu austariert werden musste, drückte er der Partei seinen Stempel auf. Zunächst als Häfen-, Wirtschafts- und Kulturpolitiker, später als Fraktionsvorsitzender und Landeschef. Die Parteiführung wuchs ihm zu, als die CDU in Trümmern lag. Im Herbst 2012 war das.

Selbst wollte er kein Spitzenkandidat sein

Die Flügel um Rita Mohr-Lüllmann und Thomas Röwekamp hatten sich damals hoffnungslos entzweit, in der Partei traute einer dem anderen nicht mehr über den Weg. Es spricht für die Integrationskraft Jörg Kastendieks, dass es ihm gelang, die destruktiven Energien in der CDU nach und nach zu bändigen und aus dem Landesverband zwar kein einig Volk von Brüdern (und Schwestern) zu machen, aber einen Apparat, der den zeitweilig übermächtigen rot-grünen Block wieder ernsthaft herausfordern konnte.

Noch nicht 2015. Im Vorfeld der damaligen Bürgerschaftswahl erwog Kastendiek eine Zeit lang, selbst als Spitzenkandidat anzutreten. Er verwarf diesen Gedanken wieder. Manche sagen: aus privaten Gründen. Aber vielleicht wollte der damals erst gut zwei Jahre amtierende Landeschef auch nicht mit dem Odium des Scheiterns behaftet sein, das damals noch sicher gewesen wäre. 2019 sollte das Jahr des Machtwechsels werden. Allerdings wiederum nicht mit Jörg Kastendiek selbst an der Spitze.

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Es war seine Überzeugung, dass die an chronischer Erfolglosigkeit leidende Bremer CDU nicht mit einem Gesicht gewinnen kann, das für Opposition oder bestenfalls Juniorpartnerschaft mit der SPD steht. Kastendiek wurde zur treibenden Kraft hinter der Kandidatur Carsten Meyer-Heders, des Digital-Unternehmers aus der Überseestadt, der den Christdemokraten mit seiner Erfolgsaura zum Einzug ins Rathaus verhelfen soll. Dass es ein Wagnis sein könnte, ein politisches Greenhorn als Bürgermeisterkandidat aufzubieten, war Kastendiek völlig bewusst und ist innerparteilich auch da und dort kritisiert worden. Doch der Landesvorsitzende setzte seinen Mann durch.

Verlässlichkeit als Markenzeichen

Es gibt in der Bremer CDU nicht viele Akteure, mit denen Jörg Kastendiek eine besonders enge Freundschaft verband. Dafür war er vom Typ her ein wenig zu distanziert, zu beherrscht, manche würden sagen: kopfgesteuert. Landesgeschäftsführer Heiko Strohmann erinnert sich an einen gemeinsamen Ausflug zum DFB-Pokalfinale in Berlin im Jahr 2004. Er, Kastendiek und ein paar Parteikollegen befanden sich im Schlepptau des damaligen Sportsenators Thomas Röwekamp. „Als bei der Siegesfeier der Pott hingestellt wurde, stürmten alle hin, um ein gemeinsames Foto zu machen.

Nur Jörg zögerte, ihm war das nicht ganz geheuer.“ Kastendiek kompensierte das Unnahbare, das auch Außenstehende gelegentlich an ihm wahrnahmen, mit einer Eigenschaft, die in der Politik vielleicht ein größeres Kapital darstellt als die Fähigkeit zu Freundschaften. Jörg Kastendiek war verlässlich. Man wird nirgendwo etwas anderes hören. „Wenn man sich mit ihm auf etwas verständigte, dann hatte das Bestand. Es war gut, das zu wissen“, sagt Bürgerschaftsvizepräsident Frank Imhoff. Politische Konkurrenten wie der SPD-Wirtschaftspolitiker Dieter Reinken bestätigen das. „In der Deputation haben wir gut zusammengearbeitet. Man konnte sich mit Jörg Kastendiek eigentlich immer auf Verfahrensabläufe verständigen, auch wenn wir in der Sache unterschiedlicher Auffassung waren“, bringt Reinken seine Wertschätzung zum Ausdruck.

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Was Jörg Kastendiek ebenfalls ausgezeichnet hat: Er setzte nicht komplett auf die Politik, zumindest nicht materiell, sondern betätigte sich beruflich erfolgreich außerhalb dieser Sphäre. In einer Zeit, in der junge Leute ihr Studium abbrechen, um CDU-Generalsekretär zu werden, setzte er damit ein anderes Zeichen. Der gelernte Betonbauer und studierte Bauingenieur arbeitete sich in der Bauwirtschaft hoch und gehörte der Geschäftsführung des Bremer Mittelständlers Kamü an. 2018 wechselte Jörg Kastendiek auf den Chefsessel bei der Nordbremer Wohnungsgenossenschaft Gewosie, einem der größten Vermieter der Hansestadt.

Er gab sich zuversichtlich

Zu diesem Zeitpunkt war Kastendiek schon nicht mehr bei bester Gesundheit – wie man überhaupt sagen muss, dass der Lesumer privat bereits seit ein paar Jahren keinen guten Lauf mehr hatte. 2014 zog sich der begeisterte Sportler bei einem Skiunfall eine schwere Beinverletzung zu, die ihm eine längere Zwangspause auferlegte. 2017 wurden bei ihm erstmals Lungenprobleme diagnostiziert, doch die Ärzte fanden keine tiefere Ursache.

Kastendiek schien sich wieder zu erholen, aber im Sommer vergangenen Jahres war klar: Er hatte Krebs. Es folgten mehrere Chemotherapien, der Krankheitsverlauf wurde durch wiederkehrende Lungenentzündungen erschwert. Gegenüber Vertrauten äußerte Kastendiek gleichwohl Zuversicht. Klar, der Weg durch das gesundheitliche Tal sei beschwerlich und kräftezehrend, doch irgendwann werde er die Sache hinter sich haben. Jörg Kastendiek nahm trotz erkennbarer physischer Einschränkungen weiter am politischen Leben teil. Er hielt Reden im Parlament und auf Parteitagen, zuletzt Ende März bei der Verabschiedung des Bürgerschaftswahlprogramms. Es war Kastendieks Art, der Krankheit die Stirn zu bieten. Doch der Krebs erwies sich als stärker.

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