Buchreihe über Stolpersteine Der Westen war besonders rot

Wer waren die Menschen, an die die 135 Stolpersteine in Findorff, Walle und Gröpelingen erinnern? Das können Interessierte ab sofort in Band fünf der Stolpersteine-Buchreihe nachlesen, der nun erschienen ist.
03.04.2019, 18:03
Lesedauer: 4 Min
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Der Westen war besonders rot
Von Anne Gerling

Juden, Sinti und Roma, Euthanasie-Opfer, politisch Verfolgte, Zeugen Jehovas und Homosexuelle: Mehr als 1500 Menschen sind in Bremen Opfer der NS-Gewaltherrschaft geworden. Um ihr Leben symbolisch sichtbar zu machen, hat im Jahr 2004 der Bildhauer und Aktionskünstler Gunter Demnig den ersten von mittlerweile 685 Stolpersteinen in der Stadt verlegt. 135 der zehn mal zehn Zentimeter großen Messingtafeln finden sich bislang in den Bürgersteigen im Bremer Westen, im November sollen dort weitere 14 Steine verlegt werden.

Die Biografien jener Menschen, an die Ende 2019 im Bremer Westen 149 Stolpersteine erinnern werden, sind im soeben erschienenen Band fünf der Buchreihe „Stolpersteine in Bremen – Biografische Spurensuche“ nachzulesen, in dem es um Findorff, Walle und Gröpelingen geht, deren Beiräte das Projekt finanziell unterstützt haben.

Schwierige Standortwahl

Gerade im Westen sei es allerdings mitunter besonders schwierig, die Steine tatsächlich vor den Häusern zu verlegen, in denen die jeweiligen Personen einst lebten, sagt Historikerin Barbara Johr vom Initiativkreis Stolpersteine Bremen. Er kümmert sich in Bremen gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung und dem Verein „Erinnern für die Zukunft“ um das Projekt. Denn: „Der Westen ist durch Bombardierungen so grauenhaft zerstört worden, dass ganze Straßenzüge ausgelöscht wurden und die Verlegung von Stolpersteinen dort keinen Sinn mehr macht. Denn sie müssten zum Beispiel mitten auf der Hochstraße oder aber hinterm Deich verlegt werden.“ Als Beispiel nennt Johr die SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Anna Stiegler und ihren Mann Carl, die in der Mainzer Straße 9 lebten. Laut Flurplan befände sich das Haus heute am Rande der Überseestadt beim Lärmschutzwall: „Ein Stolperstein macht aber nur dann Sinn, wenn er auch sichtbar ist und wahrgenommen wird.“ Deshalb finde sich in der gesamten Überseestadt nur ein einziger Stolperstein auf dem Gelände einer Spedition am Speicherhof 308, sagt Johr: „Und dort mussten wir erst einmal eine Stelle finden, wo nicht überall Autos drüber brettern.“

NSDAP im Westen nie über 30 Prozent

Nirgendwo sei Bremen so rot gewesen wie im Westen, unterstreicht die Historikerin außerdem und verweist auf die Wahlergebnisse im Jahr 1933 – nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten: „In der westlichen Vorstadt, zu der Findorff gehörte, bekam die SPD 30 Prozent, die KPD 14,4 Prozent und die NSDAP 26,4 Prozent. In Walle hatte die SPD 34,1 Prozent, die KPD 19 und die NSDAP 21,8 Prozent und in Gröpelingen und Oslebshausen wählten 37,3 Prozent die SPD, 27,3 Prozent die KPD und 14,8 die NPD. Je weiter man also in den Westen kam, desto röter. Nirgendwo haben die Nazis so wenig Boden unter die Füße gekriegt.“

In keinem anderen Teil der Stadt gebe es dementsprechend so viele Stolpersteine für politisch Verfolgte wie im Westen, so Johr, die als Beispiel den SPD-Politiker und Gewerkschafter Johann Kühn nennt, nach dem heute eine Straße in Gröpelingen benannt ist. An einige Ermordete aus dem Bremer Westen hat bei der Buch-Präsentation in der Stadtbibliothek West Schauspieler Rainer Iwersen im Rahmen einer berührenden musikalischen Lesung gemeinsam mit Gitarrist Aladdin Haddad erinnert. Etwa an die drei Geschwister Hans, Erika und Margret Buhlrich, die als behindert abgestempelt und im Alter von zehn, acht und drei Jahren in Heilanstalten ermordet worden waren.

Oder an Karl Klappan, der sich 1922 in der Hoffnung auf eine bessere Welt der Religionsgemeinschaft der Ernsten Bibelforscher (Zeugen Jehovas) angeschlossen hatte und den die Nazis ebenso ermordeten wie Georg Karl Wilhelm Steeneck, der homosexuell war. Das Ehepaar Mathilde und Julius Eichholz und auch die Eheleute Bertha und Josef Platzer wurden aufgrund ihres jüdischen Glaubens ermordet. Johann Lücke wiederum, der am 1. März 1933 nach einer Kundgebung von Schüssen getroffen wurde und später im Diakonissen-Krankenhaus starb, war das erste Opfer des NS-Terrors in Bremen. Widerstandskämpfer Richard Heller, der im Juli 1944 hingerichtet wurde, hinterließ einen eindrucksvollen Abschiedsbrief an seine Frau und seinen kleinen Sohn, den Iwersen vortrug.

Auch Erinnerung an das erste KZ in Findorff

Neben den Biografien findet sich im Buch ein Beitrag über das im Frühjahr 1933 in Findorff eröffnete Konzentrationslager Mißler. Dieses erste KZ in Bremen wurde im Herbst 1933 aufgelöst, weil sich Anwohner über laute Schreie beschwert hatten, so Johr: „Daraufhin verschwand es aus dem Sicht- und Hörfeld.“ Weitere Texte beschäftigen sich mit der Geschichte des Jüdischen Altersheims an der Gröpelinger Heerstraße und mit der Deportation Bremer Juden in das Ghetto Theresienstadt. Auch 16 bisher unveröffentlichte Bilder zum 10. November 1938 sind im Buch zu sehen. Damals wurden 178 jüdische Männer im Zuge des Novemberpogroms quer durch die Stadt zum Zuchthaus Oslebshausen getrieben und ins KZ Sachsenhausen deportiert.

Nach einem Verlag für die 2013 gestartete Stolperstein-Buchreihe musste der Initiativkreis übrigens nicht suchen: Gleich als er erstmals von der Idee hörte, stand für den kürzlich mit dem Diversity-Preis ausgezeichneten Verleger Madjid Mohit fest: „Wenn Ihr das macht, dann möchte ich diese Bücher verlegen.“ Und das passt, findet Johr – schließlich gibt Mohit, der 1990 aus dem Iran nach Deutschland floh, politisch verfolgten Autoren eine Stimme. „Vergangenheit macht nur Sinn, wenn sie etwas über das Heute sagt“, sagt Johr, für die ein aktueller Bezug auf der Hand liegt: „Die Frage: Wohin denn? Als Verfolgter muss man erst einmal ein Land finden, das bereit ist, einen aufzunehmen.“

Weitere Informationen

Der von Peter Christoffersen und Barbara Johr im Sujet Verlag herausgegebene Band „Stolpersteine in Bremen – Biografische Spurensuche: Findorff / Walle / Gröpelingen.“ kostet 16,80 Euro und ist im Buchhandel erhältlich.

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