Auswirkungen des milden Klimas

Der Winter ist grün

Bremen. Die Wintermonate zeigen sich bislang von ihrer milden Seite. Doch die milde Witterung hat auch negative Folgen.
04.01.2014, 17:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Myriam Apke

Kein Schnee weit und breit – die Wintermonate zeigen sich bislang von ihrer milden Seite. Grüne Wiesen und das Gezwitscher von Vögeln vertreiben den Gedanken an Kälte, und viele Menschen erfreuen sich am warmen Wetter. Auch Obdachlose leiden bislang nicht so stark wie in harten Wintern. Doch die milde Witterung hat auch negative Folgen: Vor allem Tiere und Pflanzen werden durch die ungewöhnlich hohen Temperaturen beeinflusst.

Das milde Wetter lässt Frühlingsgefühle aufkommen – die Parkanlagen in Bremen und anderswo sind grün, und die Vögel zwitschern vor sich hin. Ungewöhnlich für Anfang Januar und auch nicht ohne Folgen: „Die Tier- und Pflanzenwelt ist völlig durcheinander“, sagt Heidrun Nolte, stellvertretende Geschäftsführerin des Naturschutzbundes Bremen (NABU). „Die Vögel sind jetzt schon in der Balz, besonders die Amseln haben begonnen zu singen “, sagt sie. Das sei nicht verwunderlich, schließlich hätten sie keine Uhr, die ihnen die Winterzeit angebe. Sie richteten sich nach der Temperatur, und die sei für Januar eben deutlich zu hoch.

„Der Klimawandel führt zu dem veränderten Wetter und Plusgraden. Das ist für alle Lebewesen auf Dauer sehr gefährlich“, sagt Nolte. Die Vögel beispielsweise unterlägen einem Trugschluss und begännen zu brüten. „Wenn es dann plötzlich friert, kann die erste Brut nicht überleben. Es gibt nicht genügend Nahrung, die Küken verhungern.“ Der warme Winter führe auch dazu, dass sich das Zugverhalten mancher Vögel verändert: „Der Storch beispielsweise rastet auf seiner Reise in den Süden. Wenn er an seinem Rastplatz aber noch Nahrung findet, hält er sich dort länger als normal auf oder fliegt gar nicht erst so weit weg“, sagt Nolte.

Auch andere Tiere sind irritiert. Der Igel sollte sich jetzt eigentlich im Winterschlaf befinden, stattdessen ist er aktiv und sucht nach Nahrung. „Der Igel braucht seinen Schlaf, um zu überleben, denn es gibt momentan keine Insekten, die er fressen könnte“, sagt Nolte. Eichhörnchen hingegen hätten keinerlei Probleme und einige Wasservögel profitierten sogar, wenn Teiche und Seen nicht zugefroren sind.

„Die Frostphase kommt noch, wir hatten ja schon oft späte Winter“, sagt Gärtner Holger Vogt. So wie im vergangenen Jahr, als es erst Ende Januar zu frieren begann. Dann aber blieb es bis Ende April kalt, und die Blüten vieler Gewächse erfroren. „Das Problem ist, dass die Zellteilung bei Pflanzen bei drei Grad Celsius stattfindet und sie deswegen jetzt schon blühen. Kommt dann der Frost, platzen die Blüten auf und erholen sich nicht mehr“, sagt Vogt.

Er beobachtet außerdem, dass derzeit Läuse, Schnecken und Kellerasseln aktiv sind, was 2014 zu einer bösen Überraschung für Gartenliebhaber führen könnte: „Wenn es nicht friert, werden im kommenden Jahr wesentlich mehr Schädlinge unterwegs sein und die Pflanzen bedrohen.“ Viel schlimmer sei es aber, wenn der Boden nicht friere, denn das sei lebenswichtig für Pflanzen und Mikroorganismen: „Wenn es friert, hebt sich der Boden an und reißt dann ein. Dadurch kann Wasser abfließen, und die Pflanzenwurzeln bekommen den notwendigen Sauerstoff“, sagt Vogt.

Freie Plätze für Obdachlose

Während der ausbleibende Frost die Natur durcheinander bringt, gibt es aber auch Menschen, die sich über die Plusgrade freuen. Besonders für Obdachlose ist die Kälte oft gefährlich: „Die Menschen, die auf der Straße leben, sind oftmals krank und geschwächt. Ein harter Winter kann für einige den Tod bringen“, sagt Bertold Reetz, Bereichsleiter der Wohnungslosenhilfe des Vereins der Inneren Mission Bremen. Dass es den Obdachlosen jetzt besser geht als bei Frost, zeigt sich auch in den Notunterkünften in Bremen: „Wir haben derzeit reichlich freie Plätze, weil viele doch lieber draußen übernachten.

Meistens haben sie schlicht Angst, sich registrieren zu lassen“, sagt Reetz. Selbst im tiefsten Winter wollten einige nicht in die Notunterkünfte, sondern blieben draußen: „Das ist sehr gefährlich. Deswegen fahren wir mit unseren Streetworkern raus, um Kaffee und Schlafsäcke zu verteilen“, sagt Reetz. Er ist sich sicher, dass die Kälte noch kommt, weswegen bereits seit Anfang Dezember durch die Aktion „Das lässt uns nicht kalt“ des Vereins für Innere Mission Spenden gesammelt werden, um Isomatten und Schlafsäcke für Obdachlose zu finanzieren

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