Expertin schildert die aktuelle Entwicklung

Der Wolf ist ohne Konkurrenz

Die Zahl der Wölfe in Deutschland nimmt jährlich um 30 Prozent zu - weil die Tiere viel Lebensraum finden und keine Konkurrenz haben. Das berichtete jetzt Annette Siegert vom Nabu.
13.03.2018, 17:48
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Die Wolfsfamilie, die Annette Siegert vom Nabu an diesem Abend mit nach Schönebeck gebracht hat, sieht echt aus: Zwei ausgewachsene Tiere und drei Welpen sind in Lebensgröße als Fotos auf einen festen Untergrund geklebt. Im Vortragsraum zeigen die Bilder, wie man einen Wolf von einem Hund unterscheiden kann: Der dunkle Sattelfleck hinter dem Nacken oder die schwarze Schwanzspitze sind typisch für Wölfe, doch zuverlässige Kennzeichen sind es nicht, denn auch einige Wolfshunde zeigen diese Merkmale.

Und auch, wenn man einen Pfotenabdruck im Gelände, ein sogenanntes Trittsiegel, findet, ist die Unterscheidung zwischen Wolf und Hund praktisch unmöglich: Nur wenn der Wolf eine mindestens Hundert Meter lange durchgängige Spur hinterlässt, kann man sich ziemlich sicher sein, dass es einer war. Denn Wölfe haben es meist eilig, sie laufen federleicht und geradlinig durch Feld und Flur und hinterlassen die Spur eines „geschnürten Trabes“, bei der die Fußabdrücke eine gerade Linie bilden.

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Annette Siegert vom Nabu, derzeit stellvertretende Wolfsberaterin für das Land Bremen, brachte den Gästen in der Ökologiestation den Wolf nah, der nun auch räumlich nah ist, seitdem er im Jahre 2013 auch im Landkreis Osterholz nachgewiesen wurde.

Doch als scheues, vorwiegend nächtlich jagendes Tier bekommt kaum jemand einen Wolf zu Gesicht, so dass sich die meisten Nachweise auf Spuren beschränken. Siegert liefert zunächst Grundwissen. Als Säugetier mit erstaunlichen Sinnesleistungen kann ein Wolf einen heulenden Artgenossen noch über eine Entfernung von neun Kilometern hören. Hat er einen Partner gefunden, verbringt er sein Leben meist in Einehe, und ein Weibchen kann pro Jahr sechs bis acht Welpen zur Welt bringen, die als Jungwölfe zwei bis drei Jahre im Rudel bleiben, bis sie sich irgendwann vom Elternhaus ablösen und eigene Familien zu gründen versuchen – ähnlich wie bei Menschen auch.

300 Wolfsbotschafter betreiben Öffentlichkeitsarbeit

Der Wolf wurde inzwischen auch vor den Toren Bremens gesichtet, bei Borgfeld und in Bremen-Nord, wobei es sich bei beiden Nachweisen nur um Fotos handele, die keine hundertprozentig sichere Artbestimmung zuließen. Inzwischen erregt er so viel Aufmerksamkeit, dass es bundesweit etwa 300 Wolfsbotschafter gibt, die im Auftrag des Nabu vor allem Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Sie sind wohlweislich von den Wolfsberatern zu unterscheiden, die mit dem Monitoring von Wölfen betraut sind, das heißt, vor allem, Meldungen aus der Bevölkerung nachgehen und überprüfen.

Der Wolf kam von Polen über Ostdeutschland bis nach Niedersachsen, das er nach Zahlen aus 2016/2017 derzeit in zehn Rudeln besiedelt, bei 60 Rudeln bundesweit und einem jährlichen Zuwachs von etwa 30 Prozent. „Diese Rate ist ganz normal“, sagt Annette Siegert, „denn der Wolf findet viel Nahrung und freien Lebensraum, der nicht von Konkurrenten besetzt ist.“ Hinzu kommt, dass die Art gesetzlich streng geschützt ist, und wer ihn tötet, mit hohen Strafen rechnen muss. Zugleich ist die potenzielle Ausbreitungsfähigkeit des Wolf enorm: Ein mit einem Halsbandsender versehenes Tier lief in fünf Monaten eine Strecke von 1500 Kilometern.

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Die Wiederkehr des Wolfes nach Deutschland im Jahre 2000 sei noch von Euphorie und Neugier geprägt gewesen, inzwischen überwiegen jedoch die Negativmeldungen. Vor allem, weil es immer wieder zu Rissen von Nutztieren kommt, obwohl der Wolf zum allergrößten Anteil Rehe, Rothirsche und Wildschweine frisst. Dennoch stehen für den wenig wählerischen Wolf auch Schafe, Ziegen und in seltenen Fällen auch Rinder auf seinem Speiseplan, wie jüngst in Cuxhaven, wo bisher 24 Rinder von Wölfen gerissen wurden. „Dabei handelt es sich offenbar um junge Wölfe, die gelernt haben, dass man die ausgewachsenen Rinder in Gräben treiben und dann die Kälber reißen kann“, weiß Annette Siegert.

Lernen mit dem Wolf zu leben

Zum Schutz frei lebender Nutztiere werden deshalb seitens des Landes Niedersachsen sogenannte Herdenschutzmaßnahmen für Tierhalter finanziert: stromführende hohe Zäune oder große Hunde, die Wölfe fernhalten und die Herden bewachen. „Doch das Problem bei den Zäunen ist der Strom, ein Zaun muss täglich kontrolliert werden, und wenn ein Schäfer ihn häufiger umsetzen muss, bringt das enorm viel Arbeit mit sich“, sagt Annette Siegert, die dennoch optimistisch bleibt. „Nutztierhalter können lernen, mit dem Wolf zu leben“, ist sie überzeugt. Denn die Risszahlen würden sinken, wo Herdenschutzmaßnahmen eingesetzt werden, „einen hundertprozentigen Schutz kann es allerdings nicht geben“, führt Siegert aus.

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Was die Gefährdung durch den Menschen angeht, kann die Wolfsexpertin beruhigen. Seit 1950 habe es nur neun tödliche Anriffe durch Wölfe in Europa gegeben, sagt sie, „und in allen Fällen waren die Wölfe entweder tollwütig oder wurden vom Menschen angefüttert.“ Für die andere Seite, den Wolf, sieht es weit düsterer aus: Der Wolf ist ein gejagter Jäger, denn seit seiner Rückkehr wurden mindestens 32 Tiere von Menschen getötet, noch weit größer aber ist die Zahl der Verkehrsopfer: Mehr als 160 Wölfe sind bisher Opfer des Autoverkehrs, der mit Abstand die häufigste nicht natürliche Todesursache ist.

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