„Der Yachtmarkt war nur etwas für reiche Leute“

Wer etwas über die Werften an der Weser und der Lesum erfahren möchte, sollte einmal ganz langsam mit dem Boot von Rönnebeck bis hinter die Burger Brücke an der Lesum fahren – und Klaus auf dem Garten an Bord haben. Ist der pensionierte Lehrer selber gerade nicht zu greifen, reicht auch die Lektüre seiner fast 500 Seiten starken Abhandlung "Boote, Yachten, Kleinschiffe aus Bremen", die jetzt im Hauschildt-Verlag erschienen ist.
16.02.2013, 05:00
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Von Volker Kölling
„Der Yachtmarkt war nur etwas für reiche Leute“

Der Rönnebecker Strand mit dem Bauplatz der Papewerft nach 1945.

Sammlung Steinmeyer/havighorst

Wer etwas über die Werften an der Weser und der Lesum erfahren möchte, sollte einmal ganz langsam mit dem Boot von Rönnebeck bis hinter die Burger Brücke an der Lesum fahren – und Klaus auf dem Garten an Bord haben. Ist der pensionierte Lehrer selber gerade nicht zu greifen, reicht auch die Lektüre seiner fast 500 Seiten starken Abhandlung "Boote, Yachten, Kleinschiffe aus Bremen", die jetzt im Hauschildt-Verlag erschienen ist.

Es ist eine Geschichte voller Firmenpleiten direkt am Fluss, aber auch eine über die Energie und die Einfallskraft der Menschen, die immer wieder vor allem eins wollten: Boote bauen. Nach den Werften Abeking & Rasmussen und Burmester beschreibt der gebürtige Bremer Klaus auf dem Garten in einem dritten Schiffbauband auf fast 500 Seiten die Bootsbaubetriebe entlang von Weser und Lesum, die sich auf den Bau von Yachten und kleineren Schiffen spezialisiert haben. Sein Credo beschreibt auf dem Garten im Gespräch mit Volker Kölling so: Man müsse als Historiker über den Dingen stehen und ohne Zorn und Eifer seine Arbeit tun. Durch seine akribische Forschung ist ein Buch entstanden, das die maritime Zeitgeschichte unserer Region spiegelt, ein neues Standardwerk für maritim historisch Interessierte.

Herr auf dem Garten, Sie haben in dem Buch von "fast vergessener Industriegeschichte" geschrieben. Was meinen Sie mit "fast vergessen"?Klaus auf dem Garten:

Wenn ich sage "fast vergessen", meine ich die breite Öffentlichkeit. Wenn ich heute Leute frage, sag mal, kannst du mir mal den Namen einer Bremer Werft sagen, dann kommt AG Weser, Vulkan, wenn man Glück hat, und für Zeitungsleser vielleicht noch Lürssen. Mir ist klar, dass von der Bremer Werftenlandschaft nur noch wenige ein Bild haben. Und diese kleinen Werften tauchen auch in den Werken über Bremer Industriegeschichte bestenfalls mit Namen auf, wenn überhaupt.

Dabei haben die kleinen Werften aber doch im Prinzip immer auch Feuerwehr gespielt für die großen Werften und selbst interessante Produkte hergestellt.

Das reicht nicht für die Erinnerung bis heute. Wenn Sie Feuerwehr sagen, beziehen sie sich auf Karl Sarstedt und seine Werft, der sich selbst als Feuerwehr des Vulkan bezeichnet hat. Er und andere bauten für die Großwerften, wenn die mal unter Druck kamen. Als der Großtankerbau aufhörte, waren die auch fertig, weil es nur für ihre Binnenschiffe in Bremen keine Aufträge mehr gab.

Beim Blick auf die Zeit seit dem ersten Weltkrieg ist auffällig, dass an der Weser oftmals Flottenrüstung stattgefunden hat. Hier sind immer auch Kriegsschiffe gebaut worden. Interessant angesichts der Empörung über Patrouillenbootaufträge aus Saudi Arabien für Lürssen, oder nicht?

Lürssen und Abeking & Rasmussen haben selbst schon für die kaiserliche Marine Motorboote gebaut. Das ist in der Tat nichts Neues.

Havighorst baut nach dem Krieg als erster in Serie Segelyachten aus Stahl nach den Entwürfen von Erich Köppen, ist damit wirklich innovativ. Warum hat sich das nicht durchgesetzt?

Bevor es den Massenmarkt für Kunststoffyachten gab, war der Yachtmarkt nur etwas für reiche Leute. Jeder wollte eine individuelle Konstruktion und sich unterscheiden von den anderen. Heute gibt es den Freundeskreis klassischer Yachten, der praktisch eine Gegenbewegung zu den Massenserienbooten verkörpert, die ja gar nichts mehr mit der alten Bootsbaukunst gemein haben.

Und heute erleben wir, dass in Betrieben wie Winkler an der Lesum wieder Einzelbauten bestellt werden.

Das sind auch Kunststoffboote, aber eben hochwertige Konstruktionen, mit Carbon, superleicht, aufwendig, eben etwas Besonderes.

Man spürt im Buch eine hohe Sympathie für die überlebenden Betriebe.

Natürlich, ich betreibe ansonsten ja Archäologie, museale Darstellung. Hier macht es einfach Spaß, sich mit den jungen Unternehmern und Unternehmerinnen zu unterhalten, da, wo etwas geschaffen wird, wo etwas los ist. Das ist ja wirklich der Restbestand der Werftenlandschaft an der Weser.

Sie sind Sozialdemokrat. Haben Sie manchmal geschimpft über ihre Genossen wie Wirtschaftssenator Claus Grobecker, wenn wieder Staatsgeld an die großen wie den Vulkan ging und kleinen Werften nicht geholfen wurde?

Ich lese als Historiker die Akten, die nach 30 Jahren wieder freigegeben worden sind und sehe die Ansätze der Politik und beschreibe sie im Buch. Das alles hat aber nichts damit zu tun, dass ich seit 40 Jahren in der Partei bin. Als Historiker muss man drüberstehen, man versucht es ohne Zorn und Eifer zu machen.

„Der Yachtmarkt war nur etwas für reiche Leute“

Bremen-Nord. Los geht die Flussfahrt in die Geschichte nordwestlich der Bahrsplate. Auf einem nur 800 Meter langen Weserstrandabschnitt sind seit dem Jahr 1726 die Namen von zwei Dutzend Schiffbauern verbürgt. In der Zeit vor Weserkorrektur und Spundwandbau lagen hier in der Weser lang gestreckt grüne Inselchen in einer Kette, jeweils verbunden mit dem Strand. Die entstehenden sogenannten Löcher benannte man nach den Schiffbauern, die hier arbeiteten. So erzählt das Buch allein an dieser Stelle die Geschichte folgender Betriebe: H. Havighorst Boots- und Yachtwerft, Schiffswerft Fritz Oltmann, Schiffswerft Rönnebeck Christian Pape, Ruhrorter Schiffswerft und Maschinenbau GmbH - Werk Unterweser, Karl Sarstedt OHG - Werftbetrieb und der Schiffswerft Blumenthal GmbH.

Klaus auf dem Garten musste für sein Buch in über anderthalb Jahren Forschung betreiben. Er sichtete Nachlässe, führte Interviews mit Nachkommen längst verstorbener Werftbesitzer, lieh sich bei Kollegen Skizzen, Stiche und Karten und wurde zum Dauergast im Staatsarchiv und den Museen der Region. Immer wieder finden sich in den Unternehmensporträts schöne kleine Episoden Nordbremer Geschichtsschreibung: So waren etwa die Rönnebecker vor einigen Jahrzehnten keineswegs duldsamer als heute, wenn es um Lärmbelästigungen vom Ufer ging. In den frühen 50er Jahren dröhnten im Schiffbau schließlich noch die Niethämmer. In der Schule nebenan konnte der Lehrer erst nach 1962 sein eigenes Wort verstehen. Man hatte Doppelglasfenster eingebaut.

Unternehmerpersönlichkeiten wie Karl Sarstedt lässt der Sozialdemokrat auf dem Garten wieder gegen den damaligen Bremer Senat wettern. Der Senat hatte dem Ende seines Spezialschiffbaubetriebes nach Sarstedts Darstellung zumindest tatenlos zugesehen und zur gleichen Zeit massiv Geld in die Stützung des Vulkan-Werftenverbundes gesteckt. Tatsächlich zeigt die Fahrt am Ufer entlang auch, wie schnell Schiffbaubetriebe entstanden und manchmal nach nur wenigen Jahren schon wieder untergingen. Mal klappte ein Generationswechsel nicht, mal ging ein Bauboom zu Ende, mal reichte das Kapital der Kleinwerften einfach nicht aus, um sich auf neue Produktionsmethoden umzustellen. Aber immer entstanden in den aktiven Betriebsphasen Boote, von denen viele in dem Buch zu sehen sind.

Mitunter sind es eben ganz neue Ideen und daraus folgend Produkte, die Betrieben ein längeres Leben bescheren: So warb Konstrukteur Erich Köppen für den im Vergleich zum Holzschiffbau billigeren Stahlyachtbau in Kleinserien. Auf der Havighorst Werft konnte er seine Ideen umsetzen und baute einige zeitlos schöne Yachten. Gut sichtbar ist auf einer Flussfahrt gegenüber des Rönnebecker Sandes die Rolandwerft in Ganspe. Die behandelt der Autor allerdings im stadtbremer Teil seines Buches, gemeinsam mit der Mutterwerft in Hemelingen.

Auch in der Lesum ist Klaus auf dem Garten vielfach fündig geworden, als er auch nach Kleinstwerften und Bootsbaubetrieben forschte. Am Ufer sichtbar ist hinter der Burger Brücke die Yachtwerft Meyer GmbH, die heute unter anderem superleichte Beiboote baut und rundherum ein ganzes Wassersport-Servicezentrum etabliert hat.

Der studierte Germanist auf dem Garten erzählt voller Begeisterung über die Raffinesse der Bootsbaukunst in der Region. So hat sich aus der Bootswerft Winkler an der Lesummündung inzwischen eine Bootsmanufaktur mit einem riesigen Winterlagerbetrieb herausgebildet. Winkler-Werftchef Hans Stützle darf schon ein bisschen stolz sein, dass es die Rennyacht "Leu" auf den Umschlag des Buches geschafft hat - gegen all die anderen Klasse-Boote von Weser und Lesum.

Klaus auf dem Garten wurde 1937 in Bremen geboren. Nach dem Studium der Geschichte und der Germanistik arbeitete er bis 1999 als Realschulehrer in Lilienthal. Wer in dem Werk "Boote, Yachten, Kleinschiffe in Bremen" die Geschichte etwa der Werften Abeking & Rasmussen oder Ernst Burmester vermisst, muss in zwei weitere Hauschildt-Bände investieren, in denen Klaus auf dem Garten über die Geschichte dieser Bootsbaubetriebe erzählt.

WERFTENGESCHICHTE: SPURENSUCHE AN DEN UFERN VON WESER UND LESUM

Zitat:

"Von der Bremer

Werftenlandschaft haben wenige ein Bild."

Klaus auf dem Garten

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