Die erste eigene Zirkusnummer Ich wurde noch nie von meinen Tieren verletzt

Klaus Köhler ist ein echtes Zirkuskind und stand bereits als kleiner Junge in der Manege. Der Direktor des Circus Belly berichtet von seiner ersten Show mit zwei Kragenbärinnen.
03.05.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Ich wurde noch nie von meinen Tieren verletzt
Von Eva Przybyla

Ich bin im Zirkus geboren und aufgewachsen – wie auch meine Großeltern, meine Eltern und meine Kinder. In der Manege habe ich schon als kleiner Junge Kunststücke präsentiert: Handstand, Saltos und andere Akrobatik zusammen mit meinen Geschwistern. Meine erste eigene Nummer habe ich als 16-Jähriger aufgeführt – und zwar mit zwei jungen Kragenbärinnen: Tara und Judith. Im Alter von sechs Monaten kamen sie aus dem Tierpark Müller-Krechting zu uns. Ihre Mutter hatte sie nicht angenommen. Wir haben die Bärenjungen mit der Flasche aufgezogen. Ich aber war der Erste, der sie dressiert hat.

Die Kragenbärinnen waren zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten. Tara war eine sehr nervöse, sie wollte oft einfach nur in Ruhe gelassen werden. Judith war ganz anders, verspielt und knabberte gern an mir. Bei einer guten Dressur muss man auf das Temperament der Tiere eingehen und ihnen auch entsprechende Jobs geben.

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Bären sind hoch intelligent. Sie können viel mehr Kunststücke lernen als Tiger oder Löwen. Mit den Bärinnen habe ich zuerst das Aufstehen geübt – im natürlichen Lebensraum richten sich die Tiere oft auf. In der Manege habe ich ihnen dabei geholfen und sie dann – die Tatzen haltend – vorsichtig geführt. Das war nur der Anfang.

Das Wichtigste bei der Dressur ist, dass man die Tiere lobt – egal ob Hunde, Wildkatzen oder Bären. Für Judith und Tara hatte ich immer ein Leckerli mit, mal war dies Hundefutter, mal Kokosflocken mit Honig verfeinert. Doch loben allein reicht nicht: Man muss ein Gespür dafür haben, wann die Tiere nicht mehr wollen. Man muss eine erfolglose Übung auch mal beenden und etwas anderes machen können.

Viele Tierlehrer wurden von ihren Wildtieren gebissen

Die Leute sagen immer: Man sieht Bären gar nicht an, dass sie einen gleich anfallen. Das ist Blödsinn. Ich weiß, wann ein Bär zuspringen will, wenn er etwa nach unten schaut oder seine Augen aufblitzen. Schon viele Tierlehrer wurden von ihren Wildtieren gebissen und hin und hergezogen. Aber ich wurde noch nie von meinen Tieren verletzt.

Das Training für meine erste Nummer dauerte ein ganzes Jahr. Die Bären brauchen ja auch mal eine Auszeit. Druck machen, sie hart ran nehmen – das bringt nichts. Ich hatte so eine gute Beziehung zu den Bärinnen aufgebaut. Die beiden sind mir überallhin gefolgt, haben richtig an mir gehangen. Ich bin einmal in Hannover mit ihnen sogar Fahrstuhl gefahren.

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Vor der Show war ich nicht aufgeregt. Ich habe nur gehofft, dass die Bärinnen mitarbeiten. Es kann ja immer passieren, dass sie keine Lust haben. Außerdem waren sie Musik und buntes Scheinwerferlicht nicht gewohnt. Doch das war nicht so schlimm für sie. Sie wussten: Der Alte ist da, dann passiert einem ja nix.

Mit Bären auf einem Pferd geritten

Alles hat funktioniert: Die zwei sind auf einer Tonne gelaufen, haben Walzer getanzt. Als das Pferd rein kam, sind sie mit mir zusammen auf ihm geritten. Wir haben sehr gut gearbeitet – nicht nur bei der ersten Show, sondern fast 24 Jahre lang. Ihr Gnadenbrot haben Tara und Judith in meinem Zirkus bekommen.

Heute arbeite ich nicht mehr mit Bären, es gibt zu hohe Auflagen. Die Gehege müssen etwa sehr groß sein, dazu verstärkt mit elektrischem Zaun, damit die Tiere nicht ausbrechen können. Meine Bären haben sich früher manchmal aus ihren Gehegen befreit. Das sind Entfesselungskünstler. Aber dann habe ich nur „Kommt!“ gerufen. Und sie kamen immer zu mir zurück.

Aufgezeichnet von Eva Przybyla.

Info

Zur Person

Klaus Köhler ist 71 Jahre alt und seit 1979 Direktor des
Circus Belly. Köhler arbeitet mit vielen verschiedenen Zirkustieren wildlebender Art. Wegen der Haltung des Schimpansen „Robby“ ist Köhler bundesweit bekannt, aber auch umstritten. Seit dem 28. Februar steckt der Direktor mit seinem Team wegen der Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus in Bremen fest. Wann sie weiterreisen dürfen, ist unklar.

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