Altstadt Des Menschen leichte Beute: Moa, Dodo und Wandertaube

Altstadt. „Sie fliegen nie wieder.“ Das kann Martin Stiller mit Sicherheit sagen – und meint damit nicht nur die ausgestopften Vögel, die das Übersee-Museum in seinem Bestand hat.
04.01.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Edwin Platt

„Sie fliegen nie wieder.“ Das kann Martin Stiller mit Sicherheit sagen – und meint damit nicht nur die ausgestopften Vögel, die das Übersee-Museum in seinem Bestand hat. In seinem Vortrag ging es um das Aussterben von Vogelarten.

Bereits vor der Gründung des Museums habe es Schenkungen von namhaften Forschern gegeben, sagte Martin Stiller, als er die historisch wertvolle Vogelsammlung vorstellte. Mit rund 20 000 Balgen, wie man die konservierte Hülle von Tieren nennt, und 10 000 aufgestellten Vögeln kann das Museum aufwarten.

Etwa 10 625 Vogelarten seien bekannt, sagte Martin Stiller. Geschätzt waren bisher 180 ausgestorbene Vogelarten, erwiesen haben sich 130 laut Stiller. „Seit 1500 bereisen und besiedeln wir Menschen und Europäer die Welt. Seither gibt es Aufzeichnungen über Pflanzen und Tiere aus anderen Ländern“, sagt er. Heute stehen zwölf Prozent der bekannten Vogelarten auf der Liste vom Aussterben bedrohter Tierarten.

Die Forschung, wann eine Art ausstirbt, steckt noch in den Kinderschuhen. Populationszahlen über die Häufigkeit von Fortpflanzung und Anzahl der ausgebrüteten Eier spielen neben vielen anderen Faktoren wie Nahrung, Umnutzung von Natur, Klimabedingungen oder der Begrenztheit bewohnbarer Gebiete eine große Rolle und sind jeder Art entsprechend unterschiedlich. Über kaum eine Vogelart gibt es verlässliche Daten, ab welchem Bestand, in welchem Gebiet, unter unveränderten Bedingungen die Art aussterben wird.

Stiller zeigt die knöchernen Überreste des Fußes eines Moa von 1400 aus Neuseeland. Die Moas waren Laufvögel, die auf beiden neuseeländischen Inseln lebten. Ihr Aussterben wird auf die Maori zurückgeführt, die ab 1300 Neuseeland besiedelten und die die straußengroßen Vögel offenbar leicht fangen konnten oder gerne deren Eier verspeisten.

Stiller beschreibt Begegnungen von Menschen mit Pinguinen in der südlichen Arktis. Kommt ein Mensch dem Pinguinnest zu nahe, klopft der flugunfähige Vogel mit einem Flügel an das Menschenbein. Artgenossen würde das Zeichen reichen, um das Nest zu meiden, auf den Menschen wirkt die Verteidigung kaum ernsthaft und hindert ihn nicht am Diebstahl von Eiern.

Alle zwölf Arten der Moas verschwanden innerhalb von 100 Jahren. Über Generationen war von diesen Vögeln berichtet worden, die Existenz von Moas wurde erst mit Knochenfunden von 1838 belegt. 70 Jahre, nachdem James Cook Neuseeland entdeckt hatte, und etwa 400 Jahre, nachdem die Moas ausgestorben waren. Ebenso erging es den Dronte oder Dodos auf Mauritius. Europäische Seeleute bedienten sich der Vogelart als Lebendproviant für Reisen. 1690 wird die Vogelart letztmalig beschrieben. Es gibt nur noch Zeichnungen von überfütterten Nutzvögeln, nicht von flugfähigen, wild lebenden Tieren. Wieder dauerte die Ausrottung etwa 100 Jahre und ebenfalls handelte es sich um einen eingeschränkten Bereich, eine Insel. Ein Nektarfresser mit lang gebogenem Schnabel starb auf einer Insel aus, als Hirsche ausgesetzt wurden, die ihm die Blüten wegfraßen, von denen er sich ernährte.

Die Wandertaube, der ehemals häufigste Vogel Nordamerikas, ist ebenfalls ausgestorben ist. Sie galt als wohlschmeckend, und es brauchte keine Kunstschützen, um sie zu treffen. Es reichte, eine Ladung Schrot in den Schwarm zu feuern, und die Mahlzeit war gesichert.

Ein weiterer Grund der Jagd auf Wandertauben war die Ausbreitung der Landwirtschaft in Nordamerika. Farmer sahen die Tauben als Plage und schossen sie deswegen. Eine weitere, soziale Eigenart der Wandertauben trug dazu bei, dass der Vogel eine leichte Beute des Menschen wurde. Überlebende Tauben eines Schwarms landeten neben den erschossenen – und wurden ebenfalls getötet. Es dauerte etwa 100 Jahre, bis der häufigste Vogel Nordamerikas ausgerottet war. Scharen älterer, nicht mehr fortpflanzungsfähiger Tauben waren die letzten Wandertauben Nordamerikas.

In Deutschland waren Spatzen einst sehr häufig und dann fast verschwunden, was auf die Schädlingsbekämpfungsmittel zurückgeführt wurde. Inzwischen hat sich die Population wieder etwas erholt.

In gentechnischen Experimente wird Balgen von ausgestorbenen Vogelarten DNA entnommen und versucht, diese alte DNA in Eizellen von Schwesternarten zu implantieren. Eine hoch komplizierte und aufwendige Forschung, deren Sinn schon deshalb fragwürdig ist, weil die Lebensräume der ausgestorbenen Vogelarten nicht mehr existieren und ein Auswildern nicht ohne weiteres möglich wäre.

Weltweit arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Museen an Datenbanken von Vögeln und stellen Daten über Bestände, Arten, Alter, Geschlecht, Verbreitung und Lebensumständen für die weitere Forschung bereit. Das Ziel: einen Überblick über das zu gewinnen, was einmal war. Denn trotz der gentechnischen Experimente gilt die Annahme: „Sie fliegen nie mehr.“

Übersee-Museum, Bahnhofsplatz 13. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 9 bis 18 Uhr, Sonnabend und Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Telefon: 160 38-0.

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