Arnold Angelus Schölzel Deserteur und marxistischer Philosoph

Arnold Angelus Schölzel, Sohn des kürzlich verstorbenen Ritterhuder Altbürgermeisters, hat eine ungewöhnliche Geschichte. Als Bundeswehrsoldat desertierte er in die DDR. Und ist bis heute Marxist.
02.02.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Klaus Grunewald

Arnold Angelus Schölzel, Sohn des kürzlich verstorbenen Ritterhuder Altbürgermeisters, hat eine ungewöhnliche Geschichte. Als Bundeswehrsoldat desertierte er in die DDR. Und ist bis heute Marxist.

Kalter Wind und Regenschauer sind keine gute Witterung für die 698. Friedenskundgebung der Initiative „Nordbremer Bürger gegen den Krieg“. Gleich will Arnold Angelus Schölzel unter der kahlen Eiche in der Fußgängerzone Gerhard-Rohlfs-Straße über die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee referieren. Doch noch bleibt Zeit für ein Gespräch über seine Desertion aus der Bundeswehr und seine akademische Laufbahn zum marxistischen Philosophen in der einstigen DDR, in der er unter dem Decknamen André Holzer „Inoffizieller Mitarbeiter“ (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) wurde.

Arnold Angelus Schölzel (69) ist der Sohn des kürzlich verstorbenen Ritterhuder Altbürgermeisters Arnold Schölzel. Er ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Auch Gestik und Mimik erinnern an den Mann, der als Bürgermeister von 1970 bis 1995 die Geschicke der Hammegemeinde bestimmte. Dass sein Sohn als 20-Jähriger nach achtmonatiger Bundeswehrzugehörigkeit am 13. August 1967 desertierte und sich in die DDR absetzte, war zunächst ein Schock. Auf den Tag genau sechs Jahre vorher hatte Walter Ulbricht die Berliner Mauer bauen lassen. Im Alter von 16 Jahren war Schölzel junior in die SPD eingetreten, nach dem Abitur ging er zur Bundeswehr. Freiwillig. Wie etliche Klassenkameraden eben auch, sagt der heutige Chefredakteur der marxistischen Tageszeitung „Junge Welt“. Doch die Ausbildung in Rendsburg habe ihm gezeigt, dass er für das Kriegshandwerk nicht geschaffen sei.

Die Proteste gegen neonazistische Strömungen und die Ermordung des Westberliner Studenten Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien hätten das Fass dann zum Überlaufen gebracht: Arnold Angelus Schölzel packte seine Sachen, fuhr mit der Bahn nach Westberlin und stellte sich am DDR-Grenzübergang Schönefeld als Flüchtling aus der Bundesrepublik vor. „Die fragten mich, ob ich mir das genau überlegt habe, sagten mir, ich könne jetzt noch wieder zurück“, erzählt der gebürtige Ritterhuder und nimmt einen Schluck aus der Flasche mit Orangesaft.

Wir sitzen in einem Café in der Breiten Straße, Schölzel hat seine Frau mitgebracht. Sie verfolgt das Gespräch aufmerksam, mischt sich nur selten ein. Ihr Mann, der 1974 ein Studium an der Humboldt-Universität als Diplom-Philosoph abschloss, hatte zunächst als Hilfsarbeiter in Leipzig seinen Lebensunterhalt verdient und das Abitur nachgeholt, denn die DDR erkannte das Reifezeugnis der Bundesrepublik nicht an. 1982 promovierte Schölzel zum Thema „Karl Korschs undogmatischer Marxismus“. Korsch (1886-1961) gilt als einer der bedeutendsten Erneuerer der marxistischen Philosophie und Theorie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nach seiner Promotion arbeitete Schölzel als wissenschaftlicher Assistent an der Humboldt-Universität, verfasste Beiträge in Fachzeitschriften, für den Rundfunk und Tageszeitungen. Zudem veröffentlichte er mehrere Bücher darunter „Das Schweigekartell“, in dem Fragen und Widersprüche zum Terroranschlag vom 11. September 2001 in den USA untersucht werden.

Arnold Schölzel ist auch ein Vierteljahrhundert nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten, überzeugter Marxist. Er spricht vom DDR-Anschluss, erinnert daran, dass der verstorbene SPD-Politiker Egon Bahr das Ende der DDR einmal als „größte Enteignung eines Volkes“ bezeichnet habe, und macht keinen Hehl aus seiner einstigen Tätigkeit für die SED. Die hatte sich nach der Wiedervereinigung in „Partei des Demokratischen Sozialismus“ (PDS) umbenannt, aus der durch Verschmelzung mit der westdeutschen Wahlalternative Arbeit und Gerechtigkeit die Partei Die Linke entstand.

Dass die DDR eines Tages nicht mehr existieren würde, habe sich schon lange vor ihrem Ende abgezeichnet, erzählt Schölzel und verweist auf die realen politischen und ökonomischen Entwicklungen in Europa. Die marxistisch-leninistische Philosophie von einer friedlichen und gerechten Gesellschaft sei deshalb aber nicht falsch. In dem Dokumentarfilm „Verraten – sechs Freunde und ein Spitzel“ wird Schölzel der Vorwurf gemacht, als „IM Holzer“ seine Freunde ausspioniert zu haben. Eine Gruppe junger Studenten, die sich einen Sozialismus mit menschlichem Gesicht in der DDR wünschten und sich von Schölzel bespitzelt fühlten. Der 69-Jährige heute: „Alle wussten, wer ich bin und was ich tat.“

Als am 9. September 1989 die Berliner Mauer geöffnet wurde, wusste er, dass damit das Kapitel DDR endgültig beendet war. 1997 wurde er Feuilletonredakteur der Berliner Tageszeitung „Junge Welt“ und im Februar 2000 deren Chefredakteur. Und Deutschland spielt weiterhin eine wichtige Rolle in seiner philosophiegeschichtlichen Arbeit. Die Flüchtlingswelle aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Nordafrika sei auf die ökonomischen Interessen des Westens unter Führung der USA zurückzuführen, sagt Schölzel. Darüber hat er nach eigenen Worten auch immer wieder mit seinem Vater diskutiert, den er als „Sozialdemokraten aus altem Schrot und Korn“ bezeichnet. „Meistens haben wir sonntags telefoniert, nach dem Tatort“, schmunzelt der „Deserteur“. Dann muss er los, wird von Gerd-Rolf Rosenberger abgeholt, dem Initiator der Initiative „Nordbremer Bürger gegen den Krieg“.

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