Offener Brief an Bremer Bildungssenatorin

Schüler kritisieren diskriminierende Inhalte im Deutschabitur

Die Gesamtschülervertretung hat einen offenen Brief an die Bremer Bildungssenatorin geschrieben. Die Kritik: Im Deutschabitur wurden diskriminierende Inhalte behandelt.
08.07.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Schüler kritisieren diskriminierende Inhalte im Deutschabitur
Von Elena Matera
Schüler kritisieren diskriminierende Inhalte im Deutschabitur

Der Roman "Hikikomori" von Kevin Kuhn - hier eine Inszenierung im Brauhauskeller vor einigen Jahren - ist den Schülervertretern als Unterrichtslektüre zu sexualisiert.

Jörg Landsberg

In einem offenen Brief, der unter anderem an die Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) gerichtet ist, kritisiert die Gesamtschülervertretung Bremen (GSV) die Schwerpunktthemen des diesjährigen Deutsch-Abiturs „Zeit für Helden“ und „Digitale Welten“. Ein Kritikpunkt der Schüler: Für das Thema „Zeit für Helden“ wurden nur weiße, männliche Helden besprochen. „Unserer Meinung nach ist das ‚Bild des Helden‘ als ausschließlich ‚weißen Mann‘ sehr problematisch und spiegelt den tief sitzenden Rassismus, Sexismus und Eurozentrismus unserer Gesellschaft wider“, heißt es in dem Schreiben der Schüler. In der gesamten Oberstufenzeit wurde außerdem nur eine einzige Lektüre einer Autorin gelesen.

Die Schule hat laut der GSV eine große pädagogische Verantwortung und Vorbildfunktion. „Der Deutschunterricht ist nicht das einzige Fach, welches nur weiße männliche Menschen repräsentiert“, sagt Pauline Dobeneck, eine der Schülerinnen, die das Schreiben verfasst hat. „Auch für alle anderen Fächer fordern wir, dass die Auswahl an Texten und Themen auf Diskriminierung und Unterrepräsentation überarbeitet wird.“

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Ein weiterer Kritikpunkt der Schüler ist die Pflichtlektüre zum Thema „Digitale Welten“: „Hikikomori“ von Kevin Kuhn. Laut der GSV verharmlose der Autor in seinem Werk sexualisierte Gewalt. So werde unter anderem eine Vergewaltigung in dem Buch beschrieben. Eben jene Szenen wurden nicht weiter in dem Werk aufgearbeitet. Die Forderung der Schüler: Die Lektüre „Hikikomori“ soll vom Lehrplan genommen werden.

Es ist nicht der erste offene Brief, den Schülerinnen und Schüler zu der Themenauswahl des Deutsch-Abiturs an die Bildungssenatorin geschickt haben. Bereits Anfang März wurde von einigen Schülern auf die problematische Themenauswahl hingewiesen.

Dominanz männlicher Helden soll im Unterrichts kritisch hinterfragt werden

Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) verweist auf ihr Antwortschreiben, das sie bereits im März auf den ersten offenen Brief geschickt hatte. Demnach sei die Ursache für den Zuschnitt des Themas „Zeit für Helden“ die nötige inhaltliche Beschränkung des komplexen und ansonsten unübersichtlichen Heldenbegriffs auf „Kriegsheld“, „postheroischer Held“ und „Superheld“. „Die Dominanz männlicher Helden soll ausdrücklich im Rahmen des Unterrichts auch kritisch hinterfragt werden“, teilt die Senatorin mit.

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Die genannten Pflichtlektüren können laut Bogedan im Unterricht durch weibliche Heldinnen ergänzt werden. Sie verweist dabei unter anderem auf den Film „Wonder Woman“ von Patty Jenkins, als Beispiel der Wiedergeburt der antiken Amazonen. Laut Annette Kemp, Sprecherin des Bildungsressorts, ist Bogedan zu anderen übergreifenden Themen im Austausch mit der GSV. Im Unterricht werde zudem auf eine gender-sensible Auswahl geachtet.

Nicht nur „Hikikomori“, auch zahlreiche andere Werke der deutschen Literaturgeschichte und Gegenwartsliteratur enthielten Zumutungen für die Leser, etwa Goethes „Faust I“. Es sei die Aufgabe der Lehrkräfte, das Durchgehen der verpflichtenden Werke gemeinsam mit den Schülerinnen fachlich pädagogisch zu gestalten und auch auf die Fiktionalität der Inhalte hinzuweisen.

Neue Vorbilder und Autorinnen

„Ich teile die Kritik der GSV ausdrücklich“, sagt Bettina Wilhelm, Bremens Landesbeauftragte für Frauen. „Die Zeit, in der Helden vor allem weiße Männer sind, ist endgültig vorbei. Wir brauchen neue Vorbilder und Autorinnen, die hier differenzierter am Werk sind.“ Die Problematik ist laut Wilhelm nicht neu. Bereits vor zwei Jahren habe die Bremische Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF) diese Kritik gegenüber dem Bildungsressort geäußert. „Von hier wurde uns zugesagt, künftig auf eine gender-sensiblere Auswahl der Themen auf Bundesebene hinzuwirken und für Bremen den Schulen eine Ergänzung durch weibliche Heldinnen zu empfehlen“, sagt Wilhelm.

Sie hoffe, dass eine derart geschlechterstereotypische Zuschreibung Vergangenheit sei. „Das Engagement der Jugendliche und jungen Erwachsenen für eine gleichberechtigte und diverse Gesellschaft begrüße ich ausdrücklich“, betont Wilhelm. „Auf diese Generation können wir bauen!“.

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