WM-Halbfinale Deutschland - Spanien Deutsch-spanische Zerreißprobe im Hause Arambasic

Bremen-Nord. Das Halbfinale bei der Fußball-WM ist auch eine Zerreißprobe im Hause Arambasic. Kristian, Trainer beim Fußball-Bremen-Ligisten SG Aumund-Vegesack, hält es mit den Deutschen, Ehefrau Mirian, die ihre Wurzeln im spanischen Sevilla hat, hingegen mit den Iberern.
06.07.2010, 22:25
Lesedauer: 4 Min
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Von Jens Pillnick

Bremen-Nord. Deutschland gegen Spanien - das Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika treibt nicht nur Hunderttausende zum Gemeinschaftserlebnis auf die Straßen, sondern ist auch eine Zerreißprobe im Hause Arambasic. Kristian, der gestern seinen Trainerjob beim Fußball-Bremen-Ligisten SG Aumund-Vegesack antrat, hält es mit den Deutschen, Ehefrau Mirian, die ihre Wurzeln im spanischen Sevilla hat, hingegen mit den Iberern.

Seit feststeht, dass die beiden EM-Finalisten von 2008 - damals mit besserem Ende für Spanien - nun wieder in einer bedeutenden Partie aufeinandertreffen, verschärft sich der Nervenkrieg bei den in Walle lebenden Arambasics von Tag zu Tag. Schon beim kürzlich in Kroatien verbrachten Urlaub, wo jedes Spiel gemeinsam angeschaut wurde, hob jeder die Vorzüge seiner Farben hervor und tut dies nun umso mehr. Es wird gestachelt gegen den Favoriten des Partners, und es werden die Vorzüge des eigenen Lieblingsteams angepriesen - allerdings ohne Aussicht darauf, den anderen auf seine Seite zu ziehen.

Mit dem Anpfiff am Mittwoch um 20.30 Uhr, bei dem das deutsche Beck's und spanische San Miguel auf dem Tisch stehen werden, wird es dann richtig ernst. Vor der Leinwand im Eigenheim in der Vollmerstraße wird dann mit den Söhnen Alessio (8) und Leandro (2) sowie ein, zwei Freunden der Familie dem ersten Tor entgegengefiebert. 'Das Spiel wird mit dem ersten Tor Fahrt aufnehmen', glaubt Kristian Arambasic zu wissen. Ein Tor, für wen auch immer, bedeutet aber noch viel mehr. 'Auch wir werden dann Fahrt aufnehmen', kündigt Mirian Arambasic eine emotionsgeladene Atmosphäre an.

Dass der Fußball im Hause Arambasic lebt, ist klar. Der als Lehrer und Sozialpädagoge tätige Kristian hat etliche Jahre in der Bremen-Liga gekickt, trat bei der SAV gerade gestern seine dritte Trainerstation im Herrenbereich an und ist mit dem DFB-Mobil unterwegs, um Vereinen bei der Gestaltung des Trainings unter die Arme zu greifen. Fußball bestimmt einen Großteil der Freizeit, und Mirian, deren Großeltern einst als Gastarbeiter nach Bremen kamen, hat sich damit arrangiert ('Mit blieb ja auch nichts anderes übrig'). Und wie sie sich arrangiert hat. Aus der gelegentlichen Besucherin von Werder-Spielen, die mit Betis Sevilla sympathisiert und auch eine grün-weiße andalusische Fahne im Wohnzimmer platziert hat, ist ein Fußball-Fan geworden.

Der gemeinsame Besuch der WM-Spiele Spanien gegen Tunesien und Deutschland Ecuador 2006 sowie Fußballfeste auf den Fan-Meilen in Berlin und Hannover haben für Erlebnisse mit besonderem Erinnerungswert gesorgt und die beiden 32-Jährigen zu gleichwertigen Fan-Partnern beziehungsweise Fan-Gegnern werden lassen. 'Ich nehme es sehr ernst. Wir haben uns schon richtig in der Wolle gehabt', berichtet Mirian Arambasic über Sticheleien, die durchaus für ein überkochendes Reizklima sorgen können.

Für einen optischen Reiz sorgt allein die Kleidung des Partners. Mirian trägt das spanische Nationaltrikot ('Es wird abends gewaschen und morgens gleich wieder angezogen'), Kristian das deutsche. Für ein Übergewicht Spaniens sorgen Alessio und Leandro, die ebenfalls in rot-gelb gehüllt sind. Leandro ist zwischenzeitlich auf dem Sofa eingeschlafen und träumt vielleicht vom spanischen Finaleinzug und Titelgewinn. 'Ich finde Torres am besten', sagt der achtjährige Alessio, der Spanien gegen Deutschland mit 2:1 vorne sieht, und trägt folglich das Trikot mit der Nummer neun spazieren. Jener Torres hatte vor zwei Jahren das einzige Tor im EM-Finale erzielt. Nicht Torres, sondern Andrés Iniesta ist der Lieblingsspieler von Mirian Arambasic, die im ihrer Meinung nach mit 3:2 siegreichen spanischen Team die 'besseren Einzelspieler' sieht: 'Spanien hatte schon immer tolle Spieler - und jetzt spielen sie auch noch toll.'

Dass die 'selección' bei dieser Weltmeisterschaft noch nicht so begeistert hat wie die Deutschen, stuft sie als beabsichtigt ein: 'Die haben einen Gang herausgenommen.' Davon kann bei dem Team mit dem Adler und den drei Sternen auf der Brust nicht die Rede sein. 'Die Welt hat große Augen bekommen. Das Team hat sich einen Namen gemacht', erklärt Kristian Arambasic, der diese Erkenntnis beim Kroatien-Urlaub allerorts dank seiner Sprachkenntnisse als Sohn einer Polin und eines Serben aufschnappte. Trotz des multikulturellen Hintergrundes hat er sich früh entschieden, ein Deutscher sein zu wollen, bezeichnet sich aber am liebsten als Europäer. Und wer ist sein Lieblingsspieler in schwarz, rot, gold? 'Ich bin schon immer ein Klose-Fan gewesen. Er verkörpert meine Philosophie von Athletik und Einsatzwillen.'

Jener Miro Klose als Spieler und der ein 3:1 für das Löw-Team vorhersagende Kristian Arambasic als Fan, tragen das deutsche Trikot, das wegen kleiner Details große Begehrlichkeiten bei Mirian Arambasic weckt: drei kleine Sterne. Jeder dieser Sterne steht für einen errungenen WM-Titel. 'Ich will auch einen Stern', sieht Mirian das Halbfinale gegen Deutschland nur als Durchgangsstation für ihre Spanier und ist heiß darauf, sich auch das blaue Trikot ihrer Mannschaft zu kaufen. 'Aber erst mit einem Stern drauf', erklärt sie ihr derzeitiges Warten.

Erster Stern für Spanien oder vierter Stern für Deutschland - nur eine dieser beiden Optionen ist heute am späten Abend noch möglich. Wenn der erste Rauch der Enttäuschung verflogen ist und die Sticheleien des Partners nicht mehr so schmerzen, dann will Mirian im Finale mit Deutschland beziehungsweise Kristian mit Spanien fiebern.

Doch vor diesem Fußballerlebnis in Eintracht am Sonntag, steht heute noch die 90- oder 120-minütige Zwietracht, die auch nach dem Abpfiff noch für feurige Emotionen sorgen könnte. 'Wenn Deutschland gewinnt, werde ich 100-prozentig am Bahnhof rumrennen und zusammen mit anderen Leuten feiern', kündigt Kristian Arambasic an. 'Dann habe ich Zeit, seine Koffer zu packen', kündigt Mirian an, ohne dabei eine Mine zu verziehen. Und wenn Spanien gewinnt? 'Dann zwinge ich ihn ins Auto zu steigen und die spanische Fahne aus dem Fenster zu halten.'

Es geht doch nur um Fußball. Wie ernst mag das gemeint sein? 'Es wird Szenen geben, davon bin ich überzeugt', geht auch Kristian nicht auf Schmusekurs. Aber trotzdem wird am Ende alles gut sein. Schließlich hat die Ehe ja auch die deutsche 0:1-Finalniederlage gegen Spanien bei der Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz überstanden.

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