Schulphilosophie überzeugt

Lüssumer Projekt bringt Bremer Schülern Literatur nahe

Die Deutsche Kindergeldstiftung Bremen fördert die Chancengleichheit von Kindern und Jugendlichen seit zehn Jahren und hat daher einen Wettbewerb veranstaltet. Fünf Projekte bekamen einen Geldpreis.
15.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Lüssumer Projekt bringt Bremer Schülern Literatur nahe
Von Frauke Fischer
Lüssumer Projekt bringt Bremer Schülern Literatur nahe

Freuen sich über den Hauptpreisgewinn: Projektpate Bertold Frick (von links), Heike Müller und Andrea Merrath.

Frank Thomas Koch

Bremisch bescheiden – so schauten die Aktiven der Deutschen Kindergeldstiftung Bremen auf die feierliche Preisverleihung im Theater 11 während der kleinen Feierstunde zum zehnjährigen Stiftungsbestehen. Aus diesem Anlass hatte die Stiftung zuvor einen Wettbewerb mit fünf Preisen im Gesamtwert von 50 000 Euro ausgelobt.

Die Ehrung der ausgezeichneten Projekte und Menschen, die sich engagieren, um die Chancengleichheit von Kindern und Jugendlichen zu erhöhen, stand daher im Mittelpunkt der aufgrund der Corona-Pandemie kleinen Geburtstagsfeier, zu der sich Stifterinnen und Stifter, Mitarbeiterin Birgitt Pfeiffer sowie Vertreter der bedachten Vereine und andere Gäste trafen. Insgesamt 62 Bewerbungen hat die Stiftung nach Auskunft von Birgitt Pfeiffer erhalten.

Mit dem Hauptpreis in Höhe von 30 000 Euro, verteilt auf drei Jahre, wurde das Projekt „Das fliegende Klassenzimmer“ des Bremer Literaturhauses in Kooperation mit der Oberschule In den Sandwehen in Lüssum ausgezeichnet. „Das fliegende Klassenzimmer ist eigentlich kein Projekt“, informiert Projektpate Bertold Frick, „sondern eine Schulphilosophie. Wir freuen uns, dass wir das große und in Teilen auch freiwillige Engagement des Kollegiums mit dem Preis unterstützen können.“

„Die ganze Schule atmet Literatur“

In der Schule werde Literatur in allen Jahrgangsstufen von der 5. bis zur 10. Klasse gelebt, fügt er hinzu. „Ob Lesegarten, Poetry Slam, Radiofeatures oder Schreibwerkstätten, die ganze Schule atmet Literatur.“ Heike Müller vom Bremer Literaturhaus und Andrea Merrath von der Oberschule betonten an diesem Abend: „Der Preis ist ein Motivationsschub für uns.“

Mit jeweils 5000 Euro waren die vier weiteren Preise dotiert. Über die Wahl für das Projekt „Trau Dich“ im Bürgerhaus Vahr freute sich Wietje Pawelek-Golinski. Das Ferienprojekt für Kinder, die nicht in den Urlaub fahren können, zielt darauf ab, das Selbstwertgefühl von Jungen und Mädchen zu stärken. „,Trau Dich‘ versucht Supermannkräfte in den Kindern zu wecken“, sagte Pawelek-Golinski, die im eigens für den Abend selbst gemachten Kostüm auf die Bühne trat. Johannes Krauth, Organisator und Erfinder von „Trau Dich“, war sprachlos. So anschaulich habe noch niemand beschrieben, was in seinem Projekt passiere, lobte er launig.

Begeistert beschrieb Stiftungsratsmitglied Hubertus Plümpe das Kinder- und Jugendhaus „Ratze“ der Naturfreundejugend in Walle, der sich vor Ort ein Bild von dem zweiten Siegerprojekt gemacht hat. In einem ehemaligen Waschhaus im Hinterhof einer Siedlung gelegen, finde sich eine Art „Villa Kunterbunt“, so Plümpe. Nach formalerer Beschreibung eine Krippen- und Kita-Gruppe, ein offener Hort und ein Jugendtreff. „Eigentlich aber ist die ‚Ratze‘, wie das Haus liebevoll von allen genannt wird, ein Treffpunkt für alle Bewohner der Siedlung zwischen eins und 80. „Eine Anlaufstelle für kleine und große Sorgen, ein Hort der Ideen und Hilfen, eine Art Kümmerer-Institution für nahezu alles“, stellt Hubertus Plümpe heraus.

Lesen Sie auch

Essen spiele dort eine wichtige Rolle. „Das gemeinsame Essen zu unterschiedlichen Zeitpunkten ist Ausgangspunkt von Plänen und konkreter Unterstützung. Ich wäre gern früher bei Ihnen gewesen“, sagte das Stiftungsratsmitglied. Es gebe wenig Institutionen, die so schwellenlos funktionierten. Sophie Schleinitz und Nicole Siemers verkörperten die Kultur des Hauses und freuten sich über die Unterstützung seitens der Stiftung. „Gut, dass es Sie gibt“, dankten sie Plümpe. Und dieser antwortete: „Gut, dass es die ‚Ratze‘ gibt, sagen wir.“

Ein weiteres Projekt, das die Deutsche Kindergeldstiftung Bremen mit 5000 Euro Preisgeld fördert, ist nach Angaben von Gert Warneke die Ökologiestation in Bremen-Schönebeck. Der Senior des Stiftungsrats ist zu „seinem“ Projekt gereist, hinter dem laut Birgitt Pfeiffer „wertvolle Arbeit“ steckt. Denn auf 20 Hektar hat sich die Ökologiestation der Umweltbildung verschrieben. Täglich wuseln Kinder im Wildblumengarten, in den Streuobstwiesen und am Bach entlang und entdecken die Natur.

Eindrücklich schilderte Martina Schnaidt, dass manche Kinder keine oder wenig Naturerfahrungen im Alltag machen und sogar Ängste entwickeln. Aus diesem Grund haben die Aktiven der Ökologiestation das Projekt „Dünen-Kinder entdecken die Natur“ aus der Taufe gehoben. Dabei würden Vorschulkinder aus Grohn, die ihre Wohnung oft nur für den Kita-Besuch verlassen, mit angeleiteten Naturerlebnistagen mit der Natur vertraut gemacht und durch positive Erlebnisse ihre Scheu davor verlieren.

„Quicklebendiges Portfolio“

Die Deutsche Kindergeldstiftung Bremen fördert im Geburtstagsjahr auch ein Projekt in Bremerhaven. Einen Zuschuss bekam der Verein „Rückenwind“. Er betreibt im Bremerhavener Goethequartier seit 17 Jahren ein offenes Haus für Kinder aus Lehe. „Beeindruckt hat uns bei dieser Bewerbung neben der eigentlichen Projektidee der wohl detaillierteste Kostenplan, den die Stiftung je gesehen hat“, lobte Andreas Hüchting, der Pate für das Projekt „Mit Kopf und Hand“, der Kostenplan von Sven Becker. Im „Rückenwind“-Garten sollen laut Vereinsvertreter drei stabile Bänke entstehen, natürlich selbst gebaut von den Kindern und dokumentiert in der hauseigenen Zeitung.

Während der Feierstunde blickten die Mitglieder des Stiftungsrates wie Andreas Hüchting natürlich auch auf Menschen und Vereine, die sich um das Wohl von Kindern und Jugendlichen kümmern. Und ihnen so den Raum geben für ihre Entwicklung, für Bildung und Sport. Die Stiftung lebe nach zehn Jahren immer noch von zahlreichen Kindergeldspendern und vielen Zuwendungen anlässlich von Geburtstagen oder Jubiläen, betonte Stiftungsratsmitglied Andreas Hüchting. Der Bremer sprach von „einem quicklebendigen Portfolio unterschiedlichster Projekte“, die dadurch unterstützt werden könnten. „Fast eine Million Euro Spendengelder sind in den vergangenen Jahren an Projekte gegangen“, sagte Hüchting. Die Kindergeldstiftung habe Projekte wie die Sportakademie, Sprachpartnerschaften oder Patenprogramme wie „Balu und Du“ über viele Jahre gefördert und garantiere Planungssicherheit.

„Daneben werden auch kleinere, einmalige Projekte gefördert oder solche, die nur einmal jährlich stattfinden – wie das Literaturfestival Globale, Ferienfreizeiten der Bremer Sportjugend oder ‚Das erste Buch‘ für Schulanfänger“, erzählt Hubertus Plümpe. „Unsere Themenpalette ist bunt und reicht von Kultur über Bildung und Sport bis hin zu Integration.“ Direkt, persönlich und konkret soll es weitergehen. „Wir wollen noch viel mehr Spenderinnen und Spender mit unserer Idee anstecken und mehr Chancengerechtigkeit für Kinder und Jugendliche bewirken“, betont Stiftungsrat Bertold Frick.

Weitere Informationen

Kindergeldstiftung

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+