„Spott und Kopfschütteln“

Deutschland lacht über Stephanibrücke

Für die Sperrmaßnahmen an Geh- und Radwegen an der Stephanibrücke ernten die Bremer Behörden viel Spott, Kopfschütteln und Schlagzeilen. Behördenvertreter wehren sich gegen die Darstellung.
05.09.2017, 20:39
Lesedauer: 3 Min
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Deutschland lacht über Stephanibrücke
Von Pascal Faltermann
Deutschland lacht über Stephanibrücke

Die aufgestellten Bauzäune sollen den Fußgänger- und Radfahrerverkehr auf der Stephanibrücke reduzieren. Sie halbieren die Wege auf beiden Brückenseiten von 5,5 auf 2,5 Meter.

Frank Thomas Koch

„Unfassbare Brückenposse in Bremen“, „Brücken-Irrsinn im TV verlacht“ oder „Spott und Kopfschütteln für Bremer Behörden“ – die Sicherheitsmaßnahmen an der maroden Bremer Stephanibrücke lassen Deutschland über die Hansestadt und seine Behörden lachen. Um die stark befahrene Brücke zu entlasten, hatte das Bremer Amt für Straßen und Verkehr (ASV) in den Sommerferien neben einigen anderen Maßnahmen auch die Geh- und Radwege mit Bauzäunen eingeengt. Der WESER-KURIER hatte darüber bereits mehrfach berichtet. Das haben die Macher der NDR-Satiresendung „extra 3“ zum Anlass genommen, sich mit viel Spott, Häme und Humor unter dem Titel „realer Irrsinn“ über die Behörden und die Bremer im Allgemeinen lustig zu machen. In dem TV-Beitrag wird darauf hingewiesen, dass der sechs bis acht Tonnen schwere Sperrzaun auf beiden Seiten des Geh- und Radweges die Stephanibrücke am Ende nur noch schwerer mache. Die Vertreter des Amtes für Straßen und Verkehr (ASV) und die Verkehrsbehörde wehrten sich am Dienstag gegen die Darstellung.

Serie Unerreichbar - Unerreichbare Orte in Bremen - Stephaniebrücke

Die 50 Jahre alte Bremer Stephanibrücke ist nicht nur marode, sondern nach einem Satirebeitrag der Sendung "extra 3" auch bundesweit bekannt. Auf den sechs Fahrstreifen der Bundesstraße 6 fahren täglich annähernd 100 000 Fahrzeuge über die Weserbrücke.

Foto: Frank Thomas Koch

Das Amt für Straßen und Verkehr hatte mehrere Einschränkungen für die 50 Jahre alte Stephanibrücke umgesetzt, um für eine Entlastung zu sorgen. Auf den drei Fahrstreifen der Bundesstraße 6 in jede Richtung fahren täglich annähernd 100.000 Fahrzeuge über die Weserbrücke, 8,5 Prozent davon sind Schwerlastverkehr. Für Lastkraftwagen gilt ein generelles Überholverbot sowie ein Mindestabstand von 50 Metern zum vorausfahrenden Fahrzeug im Fall eines Staus. Zudem gibt es für genehmigungspflichtigen Schwerverkehr keine Dauererlaubnis. Und dann wurden auch die Fahrrad- und Fußwegen in der tiefer gelegenen Ebene der Straße mit Bauzäunen verengt. Sie halbieren die Wege auf beiden Brückenseiten von 5,5 auf 2,5 Meter.

„Nach dem ,extra 3'-Beitrag haben wir alle noch herzhaft gelacht. Aber jetzt wird die Satire ausgeblendet", sagt ASV-Sprecher Martin Stellmann am Dienstag. Er sei erschrocken, wer nun alles um die Ecke komme und über die Maßnahme berichten wolle. Von einem Schildbürgerstreich, wie es viele behaupten, könne hier nicht gesprochen werden, sagt Stellmann. Sein Kollege aus der Verkehrsbehörde, Jens Tittmann, pflichtet ihm bei. Er habe kein Verständnis für die Vorwürfe und die Form des medialen Echos. "Das ist Quatsch und unfair gegenüber den Experten", so Tittmann.

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Bereits nach der ersten Berichterstattung des WESER-KURIER hatte es zahlreiche Leserbriefe und Kommentare in den sozialen Netzwerken gegeben, in denen viele Menschen ihr Unverständnis für die Maßnahmen kundtaten. Neben der NDR-Sendung „extra 3“ griffen auch weitere Fernsehsender und Zeitungen das Thema auf.

In dem Satirebeitrag wird die ohnehin kuriose Situation an der Stephanibrücke weiter verdreht. „Die schweren Radfahrer und Fußgänger sind das Gewichtsproblem, nicht die leichten Fahrzeuge“, ist eine der Aussagen. Das Satiremagazin spricht süffisant von „Bremer Mathematik“, weil die Brücke mit dem Bauzaun acht Tonnen mehr Gewicht habe, aber angeblich um 234 Tonnen reduziert werde. „Schwerer machen und leichter werden“, zweifelt auch Albrecht Genzel, Verkehrsreferent des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC), an der Rechnung.

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Die Sperrung eines Stücks oder einer Spur der Brücke für Autos und Lastkraftwagen sei nicht infrage gekommen, weil dadurch größere Staus befürchtet wurden, sagt Stellmann. Also habe man das „kleinere Übel“ gewählt, um die Belastung auf das Bauwerk zu verringern.

Durch die Verengung der Rad- und Gehwege solle verhindert werden, dass sich große Menschenmassen auf der Brücke ansammeln können. Dass dieser Fall eintrete, sei aus Sicht der Behördenmitarbeiter zwar sehr unwahrscheinlich, aber eben nicht maßgebend, so der ASV-Sprecher. Dem Amt seien rein rechtlich die Hände gebunden. „Hier geht Sicherheit vor Leistungsfähigkeit“, sagt Stellmann. Natürlich gebe es im Normalfall kein Problem und eine große Menschenansammlung sei natürlich nur ein theoretischer Fall. Allerdings müsse sich die Behörde gegen solch ein Ereignis absichern und diese Maßnahmen treffen. „Für die Entscheidungsträger darf sich die Frage der Wahrscheinlichkeit nicht stellen.“

Er könne es verstehen, wenn die Menschen zunächst den Kopf über den Fall schütteln. Allerdings, sagt Stellmann, ergeben sich die Maßnahmen aus der statischen Nachrechnung der Stephanibrücke. Sie seien im Gutachten empfohlen worden. Die Nachrechnungsrichtlinie des Bundes, beziehungsweise die statisch zu treffenden Lastannahmen aus Verkehrslasten, sind beispielsweise in den Normen des Deutschen Institut für Normung (DIN) geregelt. Nach dieser Richtlinie werden derzeit in der ganzen Republik die Brücken nachberechnet. Dabei gelte ein Gewicht von 300 Kilogramm pro Quadratmeter Verkehrsfläche. So ergebe sich eine mögliche Gesamtbelastung der Fahrbahnen unter der Brücke von 234 Tonnen. Die Last durch den Bauzaun sei dabei vernachlässigbar klein.

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